21.09.2011 : Liebes Tagebuch,
Ich bin gerade ziemlich durcheinander. Dr. Brentano hatte einen schweren Unfall und wäre um ein Haar gestorben. Es war so schrecklich zu wissen, dass ein Arzt unserer Klinik, der selbst schon so viele Leben gerettet hat, nun hier bei uns liegt und vielleicht nicht gerettet werden kann. Diese Hilflosigkeit war für mich schwer zu ertragen. Und dann habe ich Arzu gesehen in ihrer Sorge und ihrer Angst. Jeden Tag erleben wir bei unserer Arbeit Menschen, die unendlich große Sorge um ihre Angehörigen tragen müssen. Wir versuchen sie zu trösten, sie möglichst gut über alles zu informieren. Manche Schicksale gehen uns nah, für vieles empfinden wir Mitleid. Dennoch sind diese Menschen und diese Geschichten ein Teil unserer täglichen Arbeit und wir haben gelernt, sie ein wenig auf Distanz zu halten. Und dann bist du plötzlich mittendrin in dieser Angst und dieser Sorge. Du hörst, wie die Ärzte versuchen, die Ehefrau zu beruhigen. Du fragst dich, warum die Operation so lange dauert und warum ihr keiner sagen kann, ob ihr Sohn auch morgen noch einen Vater hat … Plötzlich siehst du dein tägliches Leben von der anderen Seite …
Ich bin ganz schön ins Grübeln gekommen, auch darüber, ob dieser Perspektivwechsel eine Konsequenz für meine Arbeit nach sich ziehen sollte – aber welche Konsequenz sollte das sein? Noch mehr Mitgefühl? Noch mehr Hingabe? Das wäre vielleicht eine Hilfe für die Angehörigen, aber für die Mitarbeiter nicht zu leisten, jedenfalls nicht auf Dauer.
Als ich abends mit Gernot zusammensaß, haben wir über diese Ereignisse natürlich auch gesprochen und ich habe erzählt, worüber ich so ins Grübeln gekommen bin. Interessanterweise hat Gernot über einen ganz anderen Aspekt ganz besonders nachgedacht, nämlich über die Tablettensucht von Philipp. Gernot fragt nicht vorrangig, wie es dazu kommen konnte, denn er weiß als Arzt ganz genau, wie leicht Menschen in solchen Überforderungssituationen in eine Abhängigkeit geraten können. Nein, er grübelt viel darüber nach, wie es dazu kommen konnte, dass niemand etwas bemerkt hat. Oder, noch schlimmer, wie einige doch etwas bemerkt aber nichts getan haben. Diese Fragen will er in der Ärzteschaft auf jeden Fall nochmal thematisieren und das finde ich auch wichtig.
Wie Gernot allerdings Herrn Brenner gerügt hat, damit bin ich nicht ganz einverstanden. Ich denke, Herr Brenner war sogar der einzige, der sich mit Philipps Situation überhaupt auseinandergesetzt hat. Er hat mit Philipp geredet, hat ihn gewarnt, hat ihm die Pistole auf die Brust gesetzt – und doch immer versucht, auch Philipps Angst zu berücksichtigen. Ich kann diesen Zwiespalt gut verstehen und finde, dass Her Brenner wie ein wahrer Freund gehandelt hat. Und dass er vielleicht früher mit Arzu hätte sprechen sollen, ist ihm durchaus klar. Da macht er sich selbst die meisten Vorwürfe.
Ich hoffe, dass es in der nächsten Zeit wieder etwas ruhiger in der Sachsenklinik wird und dass Philipp sich gut erholt. Besonders würde ich mir aber wünschen, dass die Kollegen untereinander zukünftig noch besser auf einander Acht geben. Und damit meine ich keine misstrauische Wachsamkeit oder neugieriges Sich-Einmischen, sondern hier und da eine ehrliche Nachfrage, wie es dem anderen wirklich geht, was ihm zusetzt und wie er mit dem Stress klarkommt. Das ist auch ein Hinweis für mich selbst, Gernot öfter mal zu fragen, und seine knurrige "Mir geht's doch gut"-Haltung nicht immer einfach so hinzunehmen. Schließlich haben wir beide große gesundheitliche Probleme gehabt und müssen wirklich auf einander Acht geben.
Ingrids Tagebuch
Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehnissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.

