18.01.2012 : Liebes Tagebuch,
Komisch, dass man immer nur ans Schreiben denkt, wenn mal wieder etwas passiert ist – eigentlich wäre es ja auch ganz schön, einfach den "ganz normalen" Alltag zu dokumentieren. Da gibt's genug kleine Begebenheiten, über die es sich zu berichten und auch mal nachzudenken lohnt. In der Klinik, hier bei uns zuhause mit Hugo, auch Zwischenmenschliches.
Eigentlich dachte ich, der Besuch von Anton bei Gernot und mir wäre auch so ein "ganz normaler" Besuch: Ein alter Freund, der mal wieder vorbeischaut, man kocht zusammen, geht spazieren, erzählt – und dann reist er wieder ab. Doch dann hat sich dieser Besuch ja nochmal auf recht dramatische Weise verändert: Anton musste plötzlich in die Klinik, Gernot vermutete einen Schlaganfall. Es kamen Komplikationen hinzu, die Lähmungserscheinungen breiteten sich aus. Am Ende fanden Gernot und Dr. Brentano gemeinsam die – unerwartete - Ursache und konnten Anton helfen. Zum Glück!
Doch die medizinische Seite ist es gar nicht, über die ich am meisten nachdenke. Natürlich, es war dramatisch, weil lange nicht klar war, was es nun ganz genau ist, und Anton war ziemlich verunsichert. Diagnostik ist eben immer eine große Herausforderung!
Aber irgendwie denke ich auch, dieser Schuss vor den Bug hat Anton ein bisschen wachgerüttelt – jedenfalls hoffe ich das! Er ist ein ganz schöner Sturkopf, hängt sich total in seine Arbeit, meint, dass es ohne ihn nicht geht – und verleugnet dabei, dass er eigentlich nur vor seiner eigenen Einsamkeit wegläuft. Die innere Leere, die sich seit Maritas Tod vor acht Jahren in ihm breit gemacht hat, die versucht er einfach wegzuschuften. Doch das geht nicht – die Sehnsucht nach Leben, nach Gefühlen, nach anderen Menschen, die bleibt. Ich hoffe, das ist Anton klar geworden und er versucht, wieder ein bisschen mehr an sich selbst zu denken.
Auch wenn ich selbst ein Mensch bin, der immer versucht, im Hier und Jetzt zu leben, alles zu genießen und jeden Tag ganz bewusst zu erleben, so haben mich diese Tage mit Anton trotzdem wieder ganz deutlich darauf hingewiesen, wie wichtig das ist! Dabei denke ich nicht nur an mich, sondern auch an Gernot. Er denkt auch zuviel an die Arbeit und nimmt sich zu wenig Zeit für sich selbst. Als Klinikchef hat man natürlich viel zu tun und viel Verantwortung – das will ich ja auch gar nicht in Zweifel ziehen. Trotzdem müssen Gernot und ich uns immer wieder gegenseitig daran erinnern, die gemeinsame Zeit – auch mit dem süßen Hugo – zu genießen. Carpe Diem!
Also, in diesem Sinne höre ich jetzt auf zu schreiben, schnappe mir Hugo und drehe noch eine kleine Runde. Die Sonne blinzelt nämlich gerade um die Ecke. Und heute Abend, wenn Gernot nach Hause kommt, koche ich uns was Leckeres und mache eine gute Flasche Wein auf. Genuss ist angesagt!
Ingrids Tagebuch
Oberschwester Ingrid schreibt nicht jede Woche (bzw. zu jeder Folge) in ihr Tagebuch. Vielmehr notiert sie ihre Gedanken und Gefühle dann, wenn sie persönlich von den Geschehnissen betroffen ist, ihr Lebensgefährte Gernot etwas Einschneidendes erlebt oder etwas passiert ist, das große Teile der Klinik betrifft. Das bedeutet, dass es einige Wochen lang regelmäßig neue Einträge geben kann, während es in anderen Phasen etwas ruhiger um "Ingrids Tagebuch" wird.

