FAKT | 21.11.2017 Angst vor Altersarmut

Vielen befürchten, dass sie von ihrer Rente nicht leben können. Die Angst ist berechtigt. Doch woran liegt es und wer wird davon betroffen sein?

Frisörin bei der Arbei
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Viele befürchten, dass sie von ihrer Rente nicht leben können. Die Angst ist durchaus berechtigt. Doch woran liegt es und wer wird davon betroffen sein?

FAKT Di 21.11.2017 21:45Uhr 09:22 min

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Den Lebensabend in Armut verbringen, davor haben viele Menschen Angst. Diese Befürchtung ist durchaus begründet, denn das Risiko davon betroffen zu sein,  steigt mit jedem neuen Rentenjahrgang. Laut einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) steigt das Armutsrisiko bis 2036 im Westen von derzeit 15 auf 17 Prozent; im Osten erhöht es sich im gleichen Zeitraum sogar von momentan 21 auf 36 Prozent.

Das bedeutet: In Ostdeutschland droht jedem Dritten die Altersarmut, im Westen jedem Sechsten. Unter die vom Armutsrisiko betroffenen Rentner fällt laut DIW, wer nur 60 Prozent oder weniger der Durchschnittsrente bezieht. Derzeit liegt die Armutsgrenze bei 958 Euro.

Das Armutsrisiko steigt durch längere Phasen von Arbeitslosigkeit, versicherungsfreie Jahre und Niedriglohnjobs, erklärt  Johannes Geyer vom DIW. "Das trifft speziell Menschen in Ostdeutschland, die nach der Wende nicht so richtig Fuß gefasst haben auf dem Arbeitsmarkt."

Das Problem der Rentenreform

Doch nicht nur Menschen mit sogenannten brüchigen Erwerbsbiografien müssen mit einer Rente unterhalb der Armutsgrenze rechnen. Auch wer durchgehend gearbeitet hat, kann von Sozialhilfe abhängig werden. Zum Beispiel Menschen, die heute den Mindestlohn oder knapp darüber erhalten, könnten später in Altersarmut landen, so Wirtschaftsforscher Geyer.

Ein weiterer Indikator: Insbesondere durch die Rentenreformen 2001 und 2002 sei die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung zu Gunsten einer steuerlichen Förderung privater Vorsorge reduziert worden, erklärt der Paritätische Wohlfahrtsverband in einem Positionspapier. Auch aus diesem Grund steige die Armutsquote in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren.

Nach dem jüngsten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung beziehen in Deutschland 90 Prozent der Männer und Frauen ab 65 Jahren Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung. Dabei erhielten Rentner durchschnittlich 960 Euro brutto beziehungsweise 861 Euro netto. Dabei sind größere Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie zwischen den alten und neuen Bundesländern festzustellen, heißt es im Bericht.

Das bedeutet: Selbst die durchschnittlichen Renten liegen somit nicht oder nur knapp über der Armutsschwelle, erklärt der Paritätische. Immer mehr Menschen sind so auf eine Grundsicherung angewiesen. Die Zahlen der Menschen, die auf Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung angewiesen sind, belegen das. Ende 2005 waren 630.000 Menschen auf die Grundsicherungsleistungen angewiesen; Ende 2016 bereits 1.026 Millionen Menschen.

Allerdings gibt es auch im Alter noch weitere Einkommensarten als die Rente. So haben laut Alterssicherungsbericht alleinstehende Männer über 65 im Schnitt ein monatliches Nettoeinkommen von 1.614 Euro und alleinstehende Frauen von 1.420 Euro zur Verfügung. In dieser Summe sind allerdings alle Einkommen der Senioren zusammengefasst – also etwa auch die Pensionen von Beamten sowie Einkommen jenseits der verschiedenen Alterssicherungssysteme wie etwa Miet- und Zinseinnahmen, über die ausschließlich wohlhabendere Ältere verfügen. „Der hohe Durchschnitt darf deshalb nicht über die Ungleichheit der Alterseinkommen hinwegtäuschen“, heißt es vom Paritätischen.

Bruttolöhne und Rentenniveau
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Dazu komme noch ein weiteres Problem für die zukünftigen Rentner hinzu: Das Rentenniveau ist seit 2000 von etwa 53 Prozent auf aktuell  47,7 Prozent gesunken. Gesetzlich festgelegt ist derzeit, dass bis 2030 der Beitragssatz nicht über 22 Prozent steigen und das Rentenniveau nicht unter 43 Prozent fallen darf. Nach der Modellrechnung des Paritätischen kann etwa bei einem Rentenniveau von 42 Prozent selbst mit einem durchschnittlichen Einkommen von 2.900 Euro keine gesetzliche Rente oberhalb der Armutsschwelle erreicht werden.

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 21.11.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2017, 22:36 Uhr

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5 Kommentare

23.11.2017 15:46 Walter Lindenmayer 5

Ich schließe mich dem Kommentar Nummer 3 mit der nachfolgenden Anmerkung vollständig an:
Ich hatte 1988 einen Knöchelbruch und bezog von der BG dadurch bis heute eine Unfallrente. Nun wird mir zur Rentenberechnung nach SGB III die Rente gedeckelt auf das Einkommen von 1988!!! D. h. egal wieviele Rentenpunkte ich "erarbeitet" habe über den Einkommenswert von 1988 kann ich nicht kommen (Deckelung!!!) Egal wie man trotz körperlicher Einbußen sein Bestes gibt und "viele" Punkte sammelt - die DRV Bund sagt stopp: "Mehr geben wir Dir nicht"! Ich bin sehr froh, dass ich mit 63 J und 7 Monaten in Rente ging, denn jeden Punkt den noch erwirtschaftet hätte, hätte mir die DRV mit kaltem lächeln zunichte gemacht.
Soviel von meiner Seite und den SGB in der BRD!
Falls Jemand interesse an meinem Fall hat, darf ER/Sie mich gerne über das Portal kontaktieren!

23.11.2017 10:28 Agelstein 4

Warum wird bei der durchschnittlichen Rentenhöheberechnung auch Pensionen mit eingerechnet? Hier hilft nur schnellstmöglich die Bürgerversicherung eizuführen, bei de alle ohne Ausnahmen verpflichtet werden, alle in die gesetzliche Rente einzuzahlen. ( Apotheker, Abgeordnete, Beamte, Selbstständige, Notare, Steuerberater usw. ) genau wie in Österreich. Alle Fremdleistungen ab sofort aus Steuermitteln zu finanzieren ( Mütterrent, Angleichung der Ost- an die Westrent unw. ) Steuerzuschüsse anstatt in die private Altersvorsorge in die gesetzliche Rente zu investieren und schon könnte man das gesetzliche Rentenniveau erhöhen. es müsste nur der politische Wille vorhanden sein um die umzusetzen. Also Bürger und Bürgerinnen sprecht unsere Politiker doch bei Wahlveranstaltungen an.

22.11.2017 21:44 Wolfgang 3

Ihr Beitrag war überwiegend gut recheriert. Erwähnenswert wäre der Hinweis auf die Änderung des Paragrafen 67 im Sozialgesetzbuch 6 gewesen. Dort wurde durch die rot-grüne Bundesregierung, der Rentenartfaktor von 1,5 auf 1,0 gesenkt. Was dies für die meisten betroffenen Rentner bedeutet, kann ich Ihnen anhand echter Rentenbescheide belegen. Eine einzige veränderte Zahl i. d. Rentenberechnung, treibt Millionen in die Altersarmut. Den Rentenzugangsfaktor lasse ich mal aussen vor. Diese Änderung ist auch der Grund dafür das die Kommunen immer mehr Grundsicherungsleistungen zahlen müssen. Diese sollen ab 2018, voll vom Bund erstattet werden. Übrigens ist die Rentenberechnung nicht so schwer verständlich wie dies von Ihnen dargestellt wurde. Fakt ist auch, dass die "Privaten Versicherungen" bedient wurden. Fakt ist auch dass die Gewerkschaften das Spiel von G. Schröder toleriert haben. Dies ist auch einer der Gründe weshalb die Wähler zwischen ab 60 Jahre der SPD den Rücken zu kehren.

22.11.2017 13:19 Don.Corleone 2

Die asoziale merkel-/CDU - Politik kann nur durch eine Radikal-Kur d. d. Deutsche Volk nachhaltig geändert werden .
Wo d. Kohle (im Überfluss) bleibt ist nach Berechnungen von neutralen Kennern klar, ca.
48 - 60 MRD werden Jahr f.Jahr nötig sein (mit steigender Tendenz) , um d. illegalen Migranten
rundum bis zum tode staatlich zu alimentieren .
Nur ein kleiner teil davon wäre nötig, um d. Deutschen Armutsrentner eine Grundrenten v. 1498 EU zu sichern, nachhaltig .
Viele, viel ärmere Staaten , zeigen auf, wie es richtig gemacht wird.
Von merkel/cdu kommt nur d. ominöse Raute , Beim Sondierungsgipfel kam wieder ihr Total-Versagen zum Vorschein .
Weer wählt immer wieder d. Versager-Typ ?
Es ist unfassbar (u.a.H-4-) in Frankreich würde ganz Paris brennen, u.d. Staat lahmgelegt, wenn man so mit d. Ärmsten d. Armen so verfahren würde,
wie merkel es in D. knallhart durchzieht .
Schluß,, aufhören, aufhören ,

zum Vorschein !

21.11.2017 22:56 Bernd 1

Das ist ja das Dilemma in der Politik. Das muss dringend korrigiert werden (da geht es nicht nur um 100 € mehr im Monat), damit Deutschland in 10 Jahren nicht noch ein viel grösseres Problem bekommt. Es scheint in Europa und in Deutschland nur die Wirtschaft zu zählen, man muss die Menschen mitnehmen und nicht immer nur Feindbilder aufbauen.