Eine ältere Frau schaut von einem Balkon.
Ihr täglicher Kontakt zur Außenwelt: Der Blick vom Balkon. Denn Margarete Hinz kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 22.11.2017 Im Stich gelassen?

Sie leidet unter Arthrose im Hüftgelenk und Demenz, seit Monaten hat Margarete Hinz die eigene Wohnung nicht mehr verlassen können. Trotzdem bekommt sie keinen Pflegegrad, auch nicht nach der jüngsten Pflegereform.

Eine ältere Frau schaut von einem Balkon.
Ihr täglicher Kontakt zur Außenwelt: Der Blick vom Balkon. Denn Margarete Hinz kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon eine kleine Stufe bereitet Margarete Hinz große Schmerzen. Die 93-Jährige leidet an Arthrose im Hüftgelenk. Treppensteigen ist für sie ausgeschlossen. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Seit Monaten war die Rentner nicht mehr vor der Haustür. Ihr täglicher Kontakt zur Außenwelt: Der Blick vom Balkon. Trotzdem bekommt Sie keinen Pflegegrad – auch nicht nach der Pflegereform.

Ich kriege kaum das Bein hoch, um den Schlüpfer auszuziehen und wieder neu anzuziehen. Das ist ja alles so beschwerlich.

Margarete Hinz

Einkaufen, Putzen, Wäsche waschen. All das kann sie nicht mehr allein. Margarete Hinz braucht fremde Hilfe - in vielen Bereichen. Manchmal vergisst sie auch etwas, sie hat Demenz im Anfangsstadium. Einmal musste sogar die Feuerwehr kommen, weil sie Butter anbrennen ließ.  40 Jahre hat Margarete Hinz gearbeitet, ein Kind großgezogen. Nun fühlt sie sich im Stich gelassen.

Hoffnungen lagen auf Neuerungen

Der Kontakt zu ihrer Tochter ist abgebrochen, die einzige Unterstützung ist ihre Nichte. Edith Canehl kommt einmal im Monat und kämpft seit fast zwei Jahren um Pflegeleistungen: Ohne Erfolg - auch die Pflegereform hat keine Besserung gebracht. "Ich bin so schwer enttäuscht worden", sagt Canehl. Die Hoffnungen der Nichte lagen auf den Verbesserungen, die die Reform bringen sollten.

Es waren zwei Neuerungen, auf die sie gesetzt hatte. Menschen mit einem geringeren Hilfebedarf haben nun Anspruch auf Pflegeleistungen und Demenzkranke sollen besser unterstützt werden. Und in diesen zwei Punkten liegt die neue Herausforderung für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Die Gutachter müssen genauer abstufen und die Anzeichen für Demenz müssen erkannt werden.

Margarete Hinz ist kein Einzelfall

Auch deshalb sieht der Rechtsanwalt und Professor für Sozialrecht, Ronald Richter, kein Systemproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.  Denn Margarete Hinz ist kein Einzelfall. 10.300 Widersprüche gab es allein im Oktober bundesweit.  "Für den MDK bedeutet dieses neue Begutachtungssystem eine totale Umorientierung zu dem was bisher war", sagt der Mann, der Pflege-Gutachten prüft. Der MDK müsse einschätzen, ist der Hilfebedarf da, werde diese nur vorgegaukelt oder mache sich jemand besser, als es ihm eigentlich gehe.

So müssten etwa auch die Fragen anders gestellt werden. Beispiel Treppensteigen: Früher war es uninteressant, ob jemand Stufen erklimmen kann, solange er keine Treppe in der Wohnung hatte, so Richter. "Jetzt müsste ich fragen, könnte er Treppensteigen. Und das ist eine andere Art der Frage." Doch das gelinge nicht immer und es komme zu abstrusen Fällen, sagt der Rechtsanwalt.

Die einen kriegen den Pflegegrad zugesprochen und der andere, völlig identische, Vergleichsfall kriegt den Pflegegrad nicht.

Ronald Richter Rechtsanwalt

Vier Anträge auf Pflegeleistung wurden abgelehnt. Sie und ihre Nichte haben nach dem letzten Strohhalm gegriffen und eine private Pflegeberaterin bestellt. Karin Svete macht sich nun ein Bild von der 93-Jährigen. Sie geht nach dem gleichen System vor, wie es den MKD-Gutachtern vorgeschrieben ist. Das Ergebnis von Beraterin Svete: "Wir haben unsere 28 Punkte und Pflegegrad Zwei." Zum Vergleich: Der MDK kam im jüngsten Gutachten auf 2,5 Punkte.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 22.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2017, 20:52 Uhr

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7 Kommentare

24.11.2017 07:28 Klaus Klingberg 7

Altersstarrsinn - wieso? Alte gehören also ins Heim? Ab wann 60 oder 70? Gesetzlich wird dann die Altersgrenze festgelegt? Bravo! Ein neues Betätigungsfeld für unsere Politik - prima. Es gab mal einen Film (Flucht ins 23. Jahrhundert): Menschen hatten so eine Art Lebensuhr in der Handfläche. Wenn die dann blinkt, ist die Zeit abgelaufen. Dann wurde man von Jägern verfolgt und "ausgeschaltet". Wir sind kurz davor! Auch eine Möglichkeit das Durchschnittsalter der Bevölkerung zu steuern. Die Krankenkassen würde das sicher auch freuen: Weg mit den Kostenintensiven. Schade auch das die betroffenen Alten hier nicht selbst mitdiskutieren und ihren Starrsinn unter Beweis stellen können. Lieber MDR danke für das Thema. Bitte extra laut senden bei der nächsten Ausstrahlung, damit die Alten das auch hören können.

23.11.2017 15:52 Ex - Thüringerin Jg. 1948 6

Auch die "2. Seite der Medaille" sollte man hier nicht außer acht lassen. - Frau Hinz, 93 und demenzkrank, gefährdet ihre Umwelt und hat bereits einen Feuerwehr-Einsatz ausgelöst - wahrlich kein Einzelfall und eine schwierige Aufgabe für die Familie, mit dem offensichtlichen Altersstarrsinn der Dame umzugehen und eine Lösung zu finden, die Schlimmeres verhindert.

23.11.2017 14:36 Johann Bau 5

Wer kontrolliert den MDK? Das sieht doch nach Willkür aus. Oder gibt es etwa noch verkrustete Strukturen aus der Zeit.... Sind diejenigen die andere gerne gängeln immer noch nicht ausgestorben? Liebe MDK-Begutachterinnen und Begutachter was soll das? Ihr habt Vorgaben. Haltet Euch daran! Das Schicksal kann auch euch erwischen. Ist wirklich eine Schande.

23.11.2017 07:49 Rasselbock 4

Mit Verwaltungen und Ökonomen, manchmal auch Juristen, ist es so: Die eine Kategorie hat die Vorschriften, die MINT kategorie verfügt über Intelligenz.

23.11.2017 07:25 Schande 3

BRD 2017 immer mehr zahlen bei den Versicherungen und immer weniger Leistungen erhalten.

22.11.2017 21:01 Helga Laskowski 2

Sehr geehrte Damen und Herren - Ich sehe gerade im Magazin "Exakt" den Beitag mit der Überschtift "Im Stich gelassen". Der letzte Satz war, dass der Einsatz einer privaten Beraterin bei dem Verfahren für Pflegeleistungen 800 € kostet, welche der Betroffene selbst tragen muss. Wer kann sich das von den Senioren leisten? Dabei gibt es flächendeckend kommunale und bei freien Trägern tätige Fachkräfte, welche derartige Beratungen kostenfrei anbieten. Diese Information wäre für die Pflegebedürftigen und deren Angehörige hilfreicher gewesen. Hierzu möchte ich erwähnen, dass ich selbst 25 Jahre in diesem Bereich tätig war. Mit freundlichen Grüßen - Helga Laskowski

22.11.2017 20:33 Heidi Huth 1

Meine Mutter lebt in einem betreuten Wohnen mit Tagespflege und hat fortschreitende Demenz. Auf Grund der neuen Pflegereform bekommt sie ein etliches mehr an Pflegegeld. Wer profitiert von diesem Geld??? Wir Kinder, die für den Heimplatz dazu bezahlen müssen, keinesfalls. Das Sozialamt meint nur, dass dadurch die Heimpflegekosten erhöht wurden. Kann das rechtens sein?

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