Polizeieinsatz am Asylheim Bautzen
Bildrechte: MDR/Lausitznews

exakt | 09.08.2017 Bautzen: Fragwürdiger Umgang mit Flüchtling

Der Flüchtling "Abode" will sich vom Dach stürzen. Unter dem Facebook-Video dazu herrscht eine pogromartige Stimmung. Es steht auf der Seite eines bekannten Rechtsextremisten. Mit diesem trifft sich der Bautzener Vize-Landrat, um zu fragen, wie mit dem suizidgefährdeten Libyer umgegangen werden soll.

Polizeieinsatz am Asylheim Bautzen
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„Soll er springen, kein Verlust“, „Und hopp“, „Springen lassen einer weniger, der uns Geld kostet“, solche Kommentare hat es gegeben, nicht nur am vergangenen Freitag, sondern auch noch Tage danach. Es sind die Kommentare unter einem Video, dass der Bautzener NPD-Kreisvorsitzende Marco Wruck gepostet hat. Darauf ist zu sehen, wie ein Flüchtling auf dem Dach einer Bautzener Asylunterkunft steht und mit seinem Suizid droht.

Der Spitzname des jungen Mannes lautet "Abode". Der 21-jährige Libyer ist stadtbekannt. Seine Betreuerin hat vergebens versucht, ihn zum Aufgeben zu bewegen. Er ist völlig durcheinander gewesen, sagt Petra Hörens-Freiberg. Das SEK ist an jenem Freitag angerückt. Es stehen Gaffer um das Szenario herum, darunter Rechte entsprechend szenetypisch gekleidet. Die Polizei schreitet ein.

Abode ist zur Hassfigur geworden

Polizeieinsatz Asylunterkunft Bautzen
Suizidversuch: Abode auf dem Dach der Asylunterkunft. Bildrechte: MDR/Lausitznews

Abode ist zur Hassfigur geworden. Seine Suizidandrohung ist offensichtlich eine Verzweiflungstat. "Das ist die Reaktion die ich schon lange befürchtet hab. Entweder er hat mal ein Messer im Rücken oder er dreht durch. Er kann einem wirklich nur leidtun", sagt Hörens-Freiberg. Abode sei ein großer Junge und er habe sich sicher nicht immer sehr diplomatisch verhalten. "Aber wie kann man das, wenn man drei Jahre gehetzt wird?"

Die Polizei bestätigt, dass der öffentliche Druck auf den jungen Mann enorm war. Der Auslöser waren vor zwei Wochen wieder einmal Auseinandersetzungen auf dem Bautzner Kornmarkt. Es waren Auseinandersetzungen zwischen deutschen Jugendlichen und Flüchtlingen, heißt es im Polizeibericht.

Warum es dazu kam? Der stellvertretende Landrat Udo Witschas will den Schuldigen bereits kennen. Er kündigt in einer Pressemitteilung kurz nach den Vorfällen auf seiner privaten Facebookseite die Verlegung von Abode an. Der Libyer sei eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Auch im Rückblick hält er es für gerechtfertigt, den Flüchtling öffentlich angeprangert zu haben. Er habe offen und auf seiner privaten Seite kommuniziert, sagt er.

Der Vize-Landrat lässt dabei unerwähnt, dass Abode und viele andere Flüchtlinge in Bautzen von Anfang an Zielscheibe von Rechtsextremen waren. So wie etwa im vergangenen Sommer: 100 Rechte jagten 20 Asylbewerber. Auf dem Kornmarkt skandierten Hunderte Neonazis ihre Parolen. Die Rechtsextremisten reklamieren auf einschlägigen Seiten den Kornmarkt als Platz für sich.

Die Probleme haben schon im September angefangen

Abode wird immer wieder angegriffen. Wenige Tage vor dem angedrohten Suizid sprechen wir mit dem jungen Mann. Er widerspricht der Darstellung des Vize-Landrates, dass auch er an jenem 28. Juli provoziert hätte. "Die Nazis haben mich nicht nur letzte Woche angegriffen, sondern seit letztem Jahr, die Probleme haben im September angefangen", sagt der Libyer. In der vergangenen Woche habe er mit Freunden auf dem Platz gesessen. Sie seien dort ruhig und zufrieden gewesen - bis die Rechten kamen. "Ich hoffte nur, dass nichts passieren würde."

Ebenso wie andere Jugendliche hat sich Abode regelmäßig mit seinen Freunden auf den Kornmarkt getroffen. Er wollte sich nicht vertreiben lassen. "Ich weiß schon, wenn ich auf diesem Platz bin, dann kriege ich Ärger. Aber ich habe keine Angst vor niemanden", sagt er.

Auch die Polizei bestätigt auf exakt-Anfrage, dass auf dem Kornmarkt immer wieder Einheimische an den Krawallen beteiligt sind – sie sind sogar in der Überzahl. Allein am vergangenen Freitag waren unter den Tatverdächtigen neun Wiederholungstäter. Drei Flüchtlinge, sechs Deutsche und darunter ein polizeibekannter Rechter. Ebenso ist im jüngsten Verfassungsschutzbericht explizit davor gewarnt worden, dass Rechtsextreme das Thema "Kornmarkt" für ihre Zwecke nutzen.

Ein Treffen zwischen Vize-Landrat und NPD-Mann

In diesem Verfassungsschutzbericht taucht auch der Bautzener NPD-Kreisvorsitzende Marco Wruck auf. Der Rechtsextremist ist laut Geheimdienst bei den fremdenfeindlichen Protesten aktiv eingebunden. MDR-exakt hat den CDU-Mann Witschas auf die Hetzjagd auf der Facebookseite des NPD-Mannes angesprochen. Solche Aussagen heiße er nicht gut, sagt er. Ob er sich dazu mal geäußert habe? "Warum sollte ich mich dazu äußern", antwortet Witschas.

Was der Vize-Landrat dabei verschweigt: Noch am selben Tag wird er den Inhaber der Hetzseite, Marco Wruck, zu einem persönlichen Gespräch im Landratsamt empfangen. Der Rechtsextremist zeigt sich nach dem Treffen höchst zufrieden. "Wir waren uns in vielen Sachen sehr, sag ich mal, einig, und einig darin, dass Abode hier mittlerweile wirklich eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt", sagt Wruck. Der CDU-Mann habe dem NPD-Mann gezeigt, was der Landkreis bisher versucht habe, um Abode an einen anderen Ort zu verlegen, "um hier für Ruhe zu sorgen".

Inzwischen ist Abode an einen anderen Ort verlegt worden. Die Neonazis bleiben Bautzen erhalten.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 09.08.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2017, 13:25 Uhr

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94 Kommentare

12.08.2017 18:45 Ekkehard Kohfeld 94

@ Alles klar an Silvio und Uwe 93 Ich lasse nicht die Probleme, die dieser Mann verursacht hat, unter den Tisch fallen, sondern erinnere nur noch mal daran, dass er offensichtlich mitnichten der Einzige ist, der auf dem Kornmarkt Probleme verursacht.##Ja was sie hier betreiben ist eindeutig ein Markenzeichen von Medirator wollen sie dem den Rang ablaufen,diesen Stil nennt man Whataboutism...den hatte schon die SED, die UdSSR und ihre Filialisten im Westen im Gepäck.
Kleine Kostprobe: Schlagzeile "Tödliche Schüsse auf DDR-Flüchtlinge an der Berliner Mauer"...sofortige "dialektische" Gegenfrage: ...
"Und was geschieht an der Grenze USA-Mexiko?"Wie mit Gegenfragen Diskussionen vermieden werden. „Whataboutism“ ist das Zauberwort.

12.08.2017 15:50 Alles klar an Silvio und Uwe 93

Ich lasse nicht die Probleme, die dieser Mann verursacht hat, unter den Tisch fallen, sondern erinnere nur noch mal daran, dass er offensichtlich mitnichten der Einzige ist, der auf dem Kornmarkt Probleme verursacht. Über kurz oder lang werden wir wohl dieselben Probleme da haben, und dann lässt sich, wenn das Aufenthaltsverbot durchgesetzt ist, eben nicht mehr "der King" für alles verantwortlich machen. Den auszuschalten ist als ob man glaubt, nur mit dem Entfernen eines kaputten Zahnrades ein ganzes marodes Uhrwerk wieder in Fahrt zu bringen... Insofern ist "eventuell" schon ganz gut gewählt, Uwe, aber "eventuell" ist sehr unwahrscheinlich. rotrotgrün hier ins Spiel zu bringen, trifft hier mal überhaupt nicht zu: CDU-Bürgermeister, CDU-Landräte, nicht mal ein Drittel der Stadträte sind rrg...

12.08.2017 12:22 der_Silvio 92

@Alles klar; "Bei den Auseinandersetzungen zwischen Ausländern und Einheimischen in Bautzen ist regelmäßig ein Libyer dabei, der sich selbst King Abode nennt....
Seit Monaten ärgern sich in Bautzen Polizei und Landkreisverwaltung mit einem Flüchtling herum. Der 21-jährige Libyer nennt sich selbst King Abode und sorgt in der Stadt immer wieder für Unruhe."
Quelle: MDR vom 10. August 2017

Das lassen SIE unter den Tisch fallen; Warum?
Zum Streit gehören immer zwei Parteien.

12.08.2017 11:48 Uwe 91

@alles klar
Und nun ?
Was ändert das alles daran das dieser Wahnsinn beendet werden muss und der Typ um den es hier geht eine maßgebliche Rolle an der immer weiter drehenden Eskalationsspirale hat ? Was ändert das alles daran das der hier eingeschlagene Weg eventuell zur Beruhigung führe kann während der von rotrotgrünen eingeschlagene eindeutig alles nur noch schlimmer gemacht hat.

12.08.2017 11:05 bunter Rheinländer 90

Warum sollte es denn in Bautzen keine Einheimischen mehr geben? Der Artikel empört sich: " – sie sind sogar in der Überzahl." Sehr bezeichnend.
Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit und der Autor wird noch erleben, dass es in Bautzen mehr Nordafrikaner als Einheimische gibt?

11.08.2017 23:07 Alles klar 89

Zitat 2: "Auch die Polizei bestätigt auf exakt-Anfrage, dass auf dem Kornmarkt immer wieder Einheimische an den Krawallen beteiligt sind – sie sind sogar in der Überzahl. Allein am vergangenen Freitag waren unter den Tatverdächtigen neun Wiederholungstäter. Drei Flüchtlinge, sechs Deutsche und darunter ein polizeibekannter Rechter. Ebenso ist im jüngsten Verfassungsschutzbericht explizit davor gewarnt worden, dass Rechtsextreme das Thema "Kornmarkt" für ihre Zwecke nutzen. In diesem Verfassungsschutzbericht taucht auch der Bautzener NPD-Kreisvorsitzende Marco Wruck auf. Der Rechtsextremist ist laut Geheimdienst bei den fremdenfeindlichen Protesten aktiv eingebunden. MDR-exakt hat den CDU-Mann Witschas auf die Hetzjagd auf der Facebookseite des NPD-Mannes angesprochen. Solche Aussagen heiße er nicht gut, sagt er. Ob er sich dazu mal geäußert habe? "Warum sollte ich mich dazu äußern", antwortet Witschas." Es hat Herr Richter die CDU wohl auch gerade wegen Leuten wie Witschas verlassen

11.08.2017 22:55 Alles klar 88

Zitat: "Der Vize-Landrat lässt dabei unerwähnt, dass Abode und viele andere Flüchtlinge in Bautzen von Anfang an Zielscheibe von Rechtsextremen waren. So wie etwa im vergangenen Sommer: 100 Rechte jagten 20 Asylbewerber. Auf dem Kornmarkt skandierten Hunderte Neonazis ihre Parolen. Die Rechtsextremisten reklamieren auf einschlägigen Seiten den Kornmarkt als Platz für sich ... Was der Vize-Landrat dabei verschweigt: Noch am selben Tag wird er den Inhaber der Hetzseite, Marco Wruck, zu einem persönlichen Gespräch im Landratsamt empfangen. Der Rechtsextremist zeigt sich nach dem Treffen höchst zufrieden. "Wir waren uns in vielen Sachen sehr, sag ich mal, einig" Und seit wann muss sich ein Inhaber eines Amtes und CDU-Politiker vor der NPD rechtfertigen? Schreiben wir 1932?

11.08.2017 19:14 Alles klar an Uwe 87

Schon klar, dass Sie kein Problem mit dem Gekungel des Vizes mit dem NPD-Chef haben. Mit dem haben schon der OB und der Landrat selbst versucht zu reden, Fehlanzeige. Was ist eigentlich mit den ganzen Landfriedensbrüchen von Wrucks Freunden, die übrigens auch beim letzten Kornmarktvorfall eindeutig waren? Es wird wenig helfen, wenn man einen Störfaktor (zu Recht) beseitigt, aber die anderen bestehen lässt...

11.08.2017 18:49 Anne 86

Jens der Lausitzer-"verbrauchten Bundesländer" schöne und zutreffende Bezeichnung. Man hat wirklich den Eindruck, dass so mancher Wessi nichts mehr mitbekommt. Wer die Wiedervereinigung mit der Flüchtlingspolitik gleichsetzt, hat von Geschichte 0-Ahnung. Spielt sich als Gutmensch auf, will sich moralisch überhöhen und kommt belehrend daher. Merkt nicht das die Argumente nur Parolen sind,ohne Sachverstand. Eine sachliche Auseinandersetzung mit Nichtwissenden ist verlorende Zeit.

11.08.2017 18:37 Uwe 85

@Alles klar
Wo bitte hat das ganze ein geschmeckle wenn es der CDU Vizelandrat auf diese Weise schaffen sollte für Ruhe in Bautzen zu sorgen ?
Aber schon klar.
Da hätten die rotrotgrünen ja was weniger was als Begründung für Landfriedensbrüche angeführt werden kann. Das darf nicht sein.
Richtig ?

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