exakt | 08.11.2017 Gerät der Holocaust bei der Jugend in Vergessenheit?

681 antisemitische Straftaten hat es im ersten Halbjahr 2017 gegeben, Antisemitismus bleibt ein Alltagsproblem. Wie kann sich das ändern? Ist die Pflicht, als Schüler eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen, eine Lösung?

681 antisemitische Straftaten hat es im ersten Halbjahr 2017 deutschlandweit gegeben – 27 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das hat eine Anfrage des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen) an die Bundesregierung ergeben. Auch der gefühlte Antisemitismus nimmt zu, bestätigt die jüdische Gemeinde in Leipzig dem MDR-Magazin exakt. Doch woran liegt das? Wird vergessen, dass der Holocaust etwa sechs Millionen Juden das Leben gekostet hat?

Ein Mann durchschreitet den Eingang zu Buchenwald.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In vielen Gedenkstätten – wie etwa in Buchenwald – kann man die Schrecken dieser Zeit nachempfinden. Zu DDR-Zeiten war der Besuch in einer KZ-Gedenkstätte Pflicht, heute bleibt das den meisten Schulen selbst überlassen. Rolf Isaacsohn, Holocaust-Überlebender und Ehrenvorsitzender der Israelitischen Gemeinde Leipzig, bereitet es große Sorge, dass der nationalsozialistische Völkermord bei der Jugend immer mehr in Vergessenheit gerät.

Hitlergruß am Synagogen-Denkmal

Illustration - Hitlergruß am Ort der Synagoge
Während der Reporter den Holocaust-Überlebenden befragt, zeigt ein Passant den Hitlergruß (Szene nachgezeichnet). Bildrechte: Schwarwel

Deswegen sei es so wichtig, dass Schulklassen auch heute wieder Pflichtsbesuche in KZ-Gedenkstätten absolvieren sollen, sagt der 84-Jährige. "Freiwillige haben ja etwas Scheu davor, dies zu sehen oder zu erleben."

Während Isaacsohn dies sagt, sitzt er an einem Holocaust-Mahnmal, an jenem Ort, an dem einst Leipzigs größte Synagoge stand. 1938 wurde sie in der Reichspogromnacht von den Nazis niedergebrannt. 140 Stühle erinnern daran. Kurz vor dem Ende der Dreharbeiten provozierten zwei Passanten. Einer von ihnen zeigte in Richtung Isaacsohn und Kamerateam den Hitlergruß. Direkt danach pöbeln die beiden Männer weiter.

Also ich muss sagen, dass ich jetzt innerlich zittere. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich hier in der Gedenkstätte stehe und einer mit einem Hitlergruß vorbeigeht.

Rolf Isaacsohn

Sollte auch angesichts solcher Beispiele ein Besuch in einer KZ-Gedenkstätte wieder zur Pflicht werden? Die DDR-Pflichtbesuche waren staatlich verordneter Antifaschismus. Das will die Gedenkstätte Buchenwald nicht mehr. "Unsere jahrzehntelangen Erfahrungen zeigen, dass bei freiwilligen Gedenkstättenbesuchen die Eigenmotivation der Besucher deutlich höher ist, sich intensiv und nachhaltig mit Buchenwald und seiner Geschichte auseinanderzusetzen", heißt es in einer Mitteilung.

Auch Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter (Die Linke), ist gegen eine Pflicht per Lehrplan. Er begrüßt zwar ausdrücklich Schulexkursionen in ehemalige Konzentrationslager, Zwang sei aber das falsche pädagogische Mittel. "Das ist für mich eine andere Herangehensweise: 'Ach, jetzt müssen wir dahin, jetzt müssen wir uns das auch antun.' Ich halte den Weg der Freiwilligkeit für den richtigen", erklärt Holter.

Klares Ergebnis bei Umfrage

Screenshot
Pflicht oder nicht: Die Umfrage zum Thema auf der exakt-Facebook Seite. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als MDR-exakt die Frage "Sollte der Besuch von KZ-Gedenkstätten wieder für alle Schüler zur Pflicht werden?" auf der eigenen Facebook-Seite stellte, stimmten die User überraschend eindeutig ab. Rund 13.000 Facebook-Nutzer sind für eine Schulpflicht – das sind fast 92 Prozent. Etwas mehr als 1.000 stimmten für "Nein" – das entspricht etwa sieben Prozent. 157 ist das Thema "egal".

Für den Zeitzeugen Isaacsohn war das Zeigen des Hitlergrußes am hellichten Tag die Spitze des Eisberges. "Es ist so, dass ich manchmal abends nicht einschlafen kann, dass mir dann durch den Kopf geht, was läuft hier in Deutschland, was läuft hier speziell in Sachsen?", erklärt er. "Warum gerade hier so? Es ist nicht so einfach für jemanden, der das erlebt hat, so wie ich und andere, die das durchmachen mussten."

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 08.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 18:43 Uhr

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5 Kommentare

10.11.2017 20:37 Eulenspiegel 5

Hallo Frederic 4
Was schreiben sie da für einen Blödsinn? Wollen sie die Deutsche Geschichte tot schlagen? Oder wollen sie Geschichtsfälschung betreiben? Sie scheinen ja wohl massive Probleme mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 zu haben. Ich denke der heutige Jugend sollte ein objektives und umfassendes Bild der Deutschen Geschichte bemittelt werden. Dazu gehört nicht nur warum Deutschland die Nation der Dichter und Denker ist. Dieses Deutschlandbild von Luther bis Goethe u.s.w. Sondern dazu gehört auch Hitler Goebbels und der Holocaust und vor allem wie es dazu kommen konnte. Denn Geschichte kann sich wiederholen. Und die Gefahr das sich gerade dieser Teil der Geschichte wiederholen könnte ist z.Z. sehr groß. Die gleichen Bauernfänger mit den gleichen Sprüchen ziehen wieder ihre Kreise. Darum darf der Geschichtsunterricht nicht beim Ende des 1. Weltkriegs schließen.

10.11.2017 08:49 Frederic 4

Die Frage sollte doch sein, warum die HEUTIGEN Jugend mit dieser Vergangenheit belasten. Nun es ist eben das Bild der Deutschen Medien und der Politiker dem Menschen, dem Deutschen "seine Vergangen- heit" ins Hirn einzuhämmern. In Keinem Lande dieser Erde gibt es solchen Irrsinn, den Kinder solches anzutun. Die HEUTIGEN GENE- RATIONEN leben in einer ganz anderen Welt, - mit ganz anderen Interesssen. Es ist nur in den Hirnen der EWIG GESTEREN zu finden. Die - welche diese Zeit miterlebt haben, könnten einiges sagen, aber man ist besser still - um seine Kinder nicht zu belasten. Diese Zeit war ---Heute ist es aber nicht viel anders, man möchte es nur nicht sehen !!!

09.11.2017 21:22 Michael 3

....mit Sicherheit nicht, dafür sorgen schon die Staatsmedien wie ARD und ZDF.
Letztes Beispiel - heutige Tagesschau.
Hier wurde zwar der - 9.11.38 - ausführlich erwähnt - nicht aber der 9.11.89
BRD-Geschichtsschreibung.

09.11.2017 15:31 Eulenspiegel 2

Hallo Bentin 1
„Der Besuch in Buchenwald mit Übernachtung war Pflichtprogramm 8.Klasse.“
Also ich denke ob reines Pflichtprogramm oder bewusst teilgenommen soetwas kann keiner so einfach abhaken und vergessen. Und wenn doch? Das ist eben die Freiheit die jeder hat. Mann kan jeden nur Angebote und Denkanstöße geben. Was er damit mach das entscheidet jeder selber.

09.11.2017 06:54 bentin 1

Einstige DDR. Der Besuch in Buchenwald mit Übernachtung war Pflichtprogramm 8.Klasse. Als ob das wirklich etwas an einer persönlichen Meinung und Wissensvermittlung ändern täte ... Wieviele der Schüler damals wirklich freiwillig dorthin fuhren, wurde und wird auch heute - nie ehrlich hinterfragt. Wichtiger war und bleibt der Haken in der Anwesenheitsliste. Zwecks Abrechnung der Leistung von Pädagogen.

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