Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 18.10.2017 | 20:45 Uhr Der Bombenbauer Albakr - Sein Weg von Damaskus nach Chemnitz

Am Abend des 12. Oktober 2016 wird der Syrer Jaber Albakr erhängt in einer Zelle in Leipzig aufgefunden. Zu diesem Zeitpunkt war er Deutschlands wichtigster Gefängnisinsasse – ein mutmaßlicher Terrorist des sogenannten Islamischen Staates. Einer, der möglicherweise unschätzbare Informationen im Hinblick auf zukünftige Anschläge hätte liefern können. Albakrs Tod ist das unrühmliche Ende in einer Serie beispiellosen Behördenversagens.

Dezember 2014 in der syrischen Hauptstadt Damaskus: Im Land herrscht Bürgerkrieg. Seit einigen Jahren wohnt der 20jährige Jaber Albakr hier in der Stadt. Er versucht, ein normales Leben zu führen, auch nachdem der Krieg im Land ausgebrochen ist.

Er war ein guter Schüler, von der Grundschule bis zur Uni. Er hat in Damaskus zwei Jahre lang Elektrotechnik studiert.

Jabers Eltern Rasmeia und Ismail Albakr

Doch seine Familie gerät in die Wirren des Bürgerkrieges, dessen Front sich mitten durch sie zieht. Einige Verwandte kämpfen auf Seiten des Regimes, andere auf der Seite der Rebellen. Als zwei Onkel von Jaber von der Terrororganisation Islamischer Staat exekutiert werden, verliert er die Zuversicht. Er flieht über Algerien, Lybien und Italien nach Deutschland. Schließlich landet er in einer Erstaufnahmeeinrichtung im sächsischen Delitzsch. Seine Mitbewohner dort beschreiben ihn als ruhigen Menschen, der nicht sonderlich religiös ist. Auch Sozialarbeiter haben einen ähnlichen Eindruck von ihm.

Er war eigentlich ziemlich normal, ich hätte nie gedacht, dass er irgendwie gefährlich sein könnte. Eben wie ein Teenager. Er hatte Pläne. Mir hat er erzählt, er wolle studieren.

Mitbewohner

Im Juni 2015 wird er als Flüchtling anerkannt und bekommt eine eigene Wohnung in Eilenburg. Hier ist er auf sich allein gestellt. Einsamkeit und Heimweh hätten ihn zunehmend belastet, berichten Jabers Eltern. In dieser Situation scheint er offenbar vom IS rekrutiert worden zu sein. Im Herbst 2015 reist er nach Syrien und schließt sich dort nach Augenzeugen-Berichten einer Terrorgruppe des IS an. Ob er vor Ort kämpft, ist unklar. Jedoch erhält er offenbar eine Kampfausbildung. Nach späteren Erkenntnissen der Geheimdienste soll er von einem hohen Repräsentanten des IS den Auftrag zu einem Terroranschlag in Deutschland erhalten haben.

Anschlagsvorbereitungen in Chemnitz

Im Sommer 2016 kehrt Albakr nach Sachsen zurück - jedoch nicht an seinen Wohnort in Eilenburg. Vielmehr mietet er sich in Leipzig in einem Hotel ein, zieht später zu einem Landsmann nach Chemnitz. Offenbar beginnt er hier, einen Anschlag mit Sprengstoff vorzubereiten. Ein mögliches Ziel: der Flughafen Berlin-Tegel.

Jaber Albakr
Jaber Albakr Bildrechte: obs/MDR/Tarek Khello

Das Bundesamt für Verfassungsschutz erhält im September 2015 einen Hinweis eines "befreundeten Geheimdienstes" zu Anschlagsplanungen. Hinweise zu möglichen Attentätern gibt es nicht. Erst später wird klar, dass der Hinweis sich auf Albakr bezogen haben könnte. Das Bundesamt kommt Albakr jedoch in den folgenden Wochen auf Spur. Am 7. Oktober wird er observiert, als er ein Paket mit Heißkleberkartuschen in Empfang nimmt. Für den Verfassungsschutz der letzte Beweis, dass Albakr offenbar einen Anschlag plant. Ein Zugriff wird geplant, verantwortlich ist das sächsische Landeskriminalamt. Das legt sich mit Beamten vor dem Haus in Chemnitz auf die Lauer, lässt ihn jedoch seelenruhig davon spazieren. Kommunikationspannen zwischen den Sicherheitsbehörden werden später dafür als Begründung angeführt.

Dass er einen Anschlag plant, wird Stunden nach seinem Verschwinden bei der Durchsuchung der Wohnung in Chemnitz klar.

Jaber Al Bakr hatte nach den Feststellungen rund 1,5 Kilogramm hochexplosiven Sprengstoffes TATP zubereitet. Daraus lassen sich eine Vielzahl von einzelnen Sprengvorrichtungen errichten.

Generalbundesanwalt Peter Frank

Albakr fährt nach Leipzig und kommt dort bei Landsleuten in einer Wohnung unter. Die werden schließlich darauf aufmerksam, dass die Polizei nach ihm fandet. Sie überwältigen ihn und alarmieren die Polizei, die ihn dann festnimmt. Albakr wird in die JVA in Leipzig gebracht. Er steht - darauf weist die Haftichterin ausdrücklich hin - unter Suizidverdacht.

Dennoch gelingt es ihm, sich drei Tage nach seiner Inhaftierung in seiner Zelle umzubringen. Warum er das ungehindert tun kann, ist bis heute unklar. Selbst als festgestellt wird, dass er an einer Steckdose manipuliert hatte und dass die Lampe in seiner Zelle heruntergerissen wurde, wird das nicht als Hinweis auf einen möglichen Suizidversuch gewertet. Aufmerksamer überwacht wird er nicht. Schließlich begeht er Selbstmord.

Fragen bleiben

Viele Fragen sind bis heute nicht restlos geklärt: Wann und wo hat sich der junge Student, der voller Zukunftspläne nach Deutschland kam, radikalisiert? Wurde er gezielt als Flüchtling eingeschleust? Handelte er allein oder war er Teil eines Netzwerkes, als er in einer Wohnung 1,5 Kilogramm des hochexplosiven Sprengstoffs TATP zusammenmischte? Widersprüchliche Aussagen gibt es auch zu den Umständen seines Todes. Haben sich die Ereignisse in der Justizvollzugsanstalt Leipzig wirklich so abgespielt, wie offiziell dargestellt?

Der könnte heute noch leben, der könnte für die Dienste, für unsere Strafverfolgungsbehörden, aber auch für die Aufarbeitung, für die Psychologen, die Mediziner in den Anstalten von großer Hilfe sein, wenn man ihn hätte auffangen können und nicht den, und den Suizid verhindert hätte.

Herbert Landau, Vorsitzender Expertenkommission

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2017, 19:05 Uhr