Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 15.11.2017 | 20:45 Uhr Schuld ohne Sühne: Warum rassistische Täter in der DDR davon kamen

Merseburg in der Nacht zum 13. August 1979: Nach einer Auseinandersetzung zwischen Einheimischen und kubanischen Vertragsarbeitern kommt es zu einer Hetzjagd auf zwei Kubaner. Zeugen sagen später bei der Polizei aus, die beiden Kubaner wären in die Saale gestoßen worden. Später werden ihre Leichen geborgen. Der Fall ist einer von vielen, in denen DDR-Bürger Vertragsarbeiter aus dem Ausland angriffen oder es zu Prügeleien zwischen beiden Seiten kam. Offiziell wurde darüber in der DDR geschwiegen.

Offiziell galt in der DDR das Prinzip der Völkerfreundschaft. Demnach wurden die ausländischen Arbeiter und Studenten aus den "befreundeten jungen Nationalstaaten" in die Arbeitskollektive eingegliedert. Von den 1970er-Jahren bis zum Ende der DDR 1989 kamen insgesamt rund 90.000 Algerier, Kubaner, Mosambikaner, Vietnamesen und Angolaner als Vertragsarbeiter oder Studenten in das Land. Sie sollten Hand in Hand mit den einheimischen Werktätigen den Sozialismus aufbauen. Zumindest stellte es so die Propaganda in den Medien der DDR dar. Die Realität sah vielerorts anders aus.

Seit Jahren forscht der Historiker Harry Waibel zum Thema und hat entsprechende Stasi-Akten ausgewertet. Demnach forderten rassistisch motivierte Gewalttaten mehrere tausend Verletzte und sogar Todesopfer: Manuel Antonio und Carlos Conceicao aus Mosambik, Delfin Guerra und Raul Garcia Paret aus Kuba. Sie wurden getötet, weil sie Ausländer waren, anders aussahen und sich anders benahmen. Bis heute blieb ihr Tod ungesühnt.

Zu Tode gehetzt in der Fremde: Raúl Andrés Garcia Paret

In seiner Heimat Kuba wurde der junge Mann begraben, nachdem er 1979 im ostdeutschen Merseburg ums Leben gekommen war. Wie er starb, erfuhr seine Familie lange Zeit nicht.

Ein großes Eingangstor zu einem Friedhof in Kuba. Das Tor ist gelb-weiß gestrichen und trägt unter der Jahreszahl 1925 die Inschrift: MORS ULTIMA RATIO
Der Friedhof von Santa Clara in Kuba. Hier befindet sich das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Ein großes Eingangstor zu einem Friedhof in Kuba. Das Tor ist gelb-weiß gestrichen und trägt unter der Jahreszahl 1925 die Inschrift: MORS ULTIMA RATIO
Der Friedhof von Santa Clara in Kuba. Hier befindet sich das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Drei Frauen gehen durch einen engen Gang zwischen Friedhofsmauern.
Die Mutter und die Schwestern besuchen das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Ein ungesühntes Opfer rassistischer Gewalt in der DDR. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Fünf Frauen unterschiedlichen Alters stehen zusammen und schauen in eine Richtung.
Familie Paret erfährt erst durch unseren Reporter, dass ihr Angehöriger gewaltsam zu Tode kam. Sie sind geschockt. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Aus einem Grab in einer Wand ist die Deckplatte halb herausgerissen.
Parets Grab liegt auf de einfachen Teil des Friedhofs. Die umliegende Gräber sind - wie dieses hier - zum Teil verwahrlost. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Auf einem Foto sind mehrere Männer zu sehen, die in einer Gruppe zusammen sitzen und stehen.
Raúl Andrés Garcia Paret (rechts außen) als Vertragsarbeiter in den Leuna-Werken 1979. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Eine alte Frau zeigt auf eine Person auf einem gerahmten Foto, das sie in der Hand hält. Eine andere Frau steht neben ihr.
Die Schwester und die Mutter von Raúl Andrés Garcia Paret. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
Eine Hand zeigt auf eine weiße Platte, auf der eine schwarze Inschrift steht.
Das ist das Grab von Raúl Andrés Garcia Paret. Neben der falschen Todesursache wurde der Familie auch ein falsches Sterbedatum mitgeteilt, das jetzt auf dem Grabstein steht. Bildrechte: MDR/Bergmann/Fugmann
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Delfin Guerra und Raul Garcia Paret starben bei der Hetzjagd im August 1979 in Merseburg. Die Kriminalpolizei ermittelte, verhörte Zeugen und fand Tatverdächtige. Doch dann erging von der obersten Staatsführung die Weisung: Ermittlungen einstellen. Das durch mehrere ausländerfeindliche Vorfälle belastete Verhältnis zu Kuba sollte nicht weiter gefährdet werden. Durchaus kein Einzelfall, sondern eher üblich.

Wie im Fall von Manuel Diogo aus Mosambik. Er wurde am 30. Juni 1986 in einem Zug zwischen Berlin und Dessau von Neonazis ermordet. Die Polizei notiert in ihren Ermittlungsakten, Diogo habe während der Fahrt "den Zug verlassen" und sei dabei überfahren worden. In seinem Heimatland bezweifelt man diese Version:

Die Staatssicherheit der DDR und andere Behörden, mit denen wir in Kontakt standen, haben uns nie direkt bestätigt, dass es sich um einen Tötungsdelikt durch Skinheads handelte. Hätten sie das getan, wäre dies ein ernsthaftes politisches Problem. Aber wir selbst haben die Ermittlungsergebnisse der DDR-Seite in Frage gestellt und waren überzeugt davon, dass es sich anders zutrug, als sie uns erzählt haben.

Pedro Taimo, damals im Arbeitsministerium von Mosambik für die Vertragsarbeiter in der DDR zuständig

Die Angehörigen von Manuel Diogo und auch von Delfin Guerra und Raul Garcia Paret erfuhren jahrzehntelang nichts über die wahren Umstände der Todesfälle. Erst durch Recherchen des MDR wurden sie darüber informiert, was damals wirklich passiert war.

Wir sind überrascht, dass mein Sohn ein Opfer dieser Banditen wurde. Es hieß immer, er sei bei einem Unfall gestorben. Ich bin froh, jetzt die Wahrheit zu kennen und hoffe, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden.

Faustina Machisso, Mutter von Manuel Diogo

Die Todesfälle von Raul Garcia Paret, Delfin Guerra, Manuel Diogo und Carlos Conceicao  wurden nie vollständig aufgeklärt. Denn obwohl Mord nicht verjährt, tun sich Ermittlungsbehörden auch heute noch schwer, die Fälle wieder aufzunehmen und zu ermitteln. So stellte die Staatsanwaltschaft Halle Vorermittlungen zu dem Fall von Merseburg wieder ein. Begründung: Man sehe keinen Anfangsverdacht für Mord.

Ein Verhalten, das bei Experten auf Unverständnis stößt:

Leider hat man in der Tat den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaften in den neuen Bundesländern hier etwas Manschetten haben, dass sie sehr vorsichtig an die Themen herangehen. Das ist sehr schade, zumal es um Ausländerfeindlichkeit geht und gerade Rassismus in der deutschen Geschichte generell ein Problem ist.

Prof. Dr. Martin Heger, Juristische Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 15. November 2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 18:12 Uhr

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