Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 20.09.2017 | 20:45 Uhr Babys und Bruchrechnung: Junge Mütter auf der Schulbank

Ein Film von Thomas Kasper

Jenny, Nancy und Cindy gehen auf die Berufsförderschule Nr. 12 in Leipzig. Die jungen Frauen haben schon Kinder, aber selbst noch keine Ausbildung geschafft. Und die Chancen der Mütter auf einen Berufsabschluss und einen Job danach stehen schlecht. Sie steuern direkt auf eine Hartz-IV-Karriere zu - obwohl sie das nicht wollen, wie sie sagen. Die Zahl schwangerer Teenager ist unter sozial Benachteiligten überall in Deutschland weiterhin hoch, obwohl das Durchschnittsalter aller Mütter steigt.

Die Berufsförderschule Nr. 12 in Leipzig ist durchaus eine besondere Einrichtung: Sie ist die Schule mit den meisten jungen Müttern in Sachsen. Dutzende junge Frauen, viele von ihnen gerade selbst dem Kindesalter entwachsen, versuchen hier, Berufsausbildung und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Viele von ihnen kommen aus schwierigen Verhältnissen, und ihre Probleme dominieren den Schulalltag. Finanzielle Probleme, Gewalt in der Familie, Ärger mit dem Jugendamt bis hin zum Kinderentzug.

Die meisten brechen die Lehre ab, nach acht Wochen dann, bleiben zu Hause. Manche setzen ein Jahr aus, manche setzen zwei Jahre aus. Ja, wir haben dann auch Schüler, die sind 28, 29 Jahre, wenn sie mit der Lehre fertig sind. Weil sie in der Zeit ein oder zwei Kinder oder auch drei, hatten wir auch schon, auf die Welt bekommen haben.

Schulleiterin Andrea Dörre

Es ist nicht einfach, Mutter zu sein, wenn man selbst wenig Halt im Leben hat. Und so gerät in der Berufsförderschule die Wissensvermittlung schnell in den Hintergrund. Als beispielsweise Nancy ihr drei Monate altes Baby über Nacht bei Mitschülerinnen lässt, um tanzen gehen zu können, ist das einige Tage später Thema im Unterricht. Stichwort: Kindeswohlgefährdung. Dass die Schule das Jugendamt eingeschaltet hatte, will Nancy nicht verstehen.

Aber ich fand es ein bisschen Scheiße, dass sie gleich das Jugendamt angerufen haben und nicht mal mich kontaktiert haben und gefragt haben, wie sieht es hier aus, können wir mal ein Gespräch mit dir führen.

Nancy

Und Jenny, die nach einer Drogen- und Knastkarriere endlich auf dem "richtigen Weg“ war, hat ihren Lebenspartner rausgeschmissen und schafft es nun kaum, ihr Kind zu betreuen und pünktlich in der Berufsschule und an ihrem Ausbildungsplatz im Supermarkt zu erscheinen.

Cindy stammt aus einer kinderreichen Familie, und ihre Eltern hoffen, dass sie ihr Leben in den Griff bekommt. Sie lernt Beiköchin, doch in der Berufsförderschule fehlt sie oft. Einmal zum Beispiel ist sie drei Wochen krankgemeldet, nachdem sie sich ein Tatoo hatte stechen lassen. Wegen der vielen Fehlzeiten läuft sie allerdings Gefahr, ihre Zwischenprüfung nicht zu schaffen.

Bilder zum Film

Für die Pädagogen in der Berufsförderschule Nr. 12 in Leipzig besteht der Arbeitsalltag nicht nur aus Lehrstoff-Vermittlung, sondern oft auch aus Sozialarbeit. Grund sind die oft schwierigen Verhältnisse ihrer Schüler.

Eine Frau steht im Eingang eines Gebäudes.
Schulleiterin Andrea Dörre am Eingang zur Berufsförderschule Nr. 12. Werden heute alle Schülerinnen kommen? Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
Eine Frau steht im Eingang eines Gebäudes.
Schulleiterin Andrea Dörre am Eingang zur Berufsförderschule Nr. 12. Werden heute alle Schülerinnen kommen? Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
Eine Lehrerin steht vor einer Schulklasse und hält ein Schild hoch, auf dem der Buchstabe A steht.
Englischunterricht Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
Mehrere junge Frauen sitzen an Tischen in einem Klassenzimmer.
Jenny - eine der jungen Mütter, die im Film begleitet werden (im Vordergrund) Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
Schuldirektorin Andrea Dörre steht in einem Klassenzimmer vor einer Tafel.
Direktorin Andrea Dörre und ihre Kolleginnen müssen sich immer wieder auch mit Problemen abseits vom Lernstoff beschäftigen. Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
Auf einem Teppichfußboden liegen zwei grüne Blätter, auf denen Text aufgedruckt ist. Einer der Text hat die Überschrift "Kindeswohl", der andere hat die Überschrift "Kindeswohlgefährdung"
Zum Beispiel mit dem Thema Kindeswohlgefährdung. Eine Schülerin hatte ihr Baby über Nacht bei Bekannten abgegeben, weil sie abends ausgehen wollte. Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
Workshop | In einem Klasszimmer sitzen mehrere Frauen in einem Stuhlkreis.
Workshop in der Klasse Bildrechte: MDR/Exakt - die Story
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Geduldig versuchen Andrea Dörre und ihre Kolleginnen, die Schülerinnen zur Mitarbeit und zum Lernen anzuregen. Und sie sprechen mit ihnen über Probleme in der Familie und zu Hause. Dass sie damit mehr leisten als normalerweise von einer Schule und ihren Lehrern erwartet wird, nimmt man in der Fachwelt durchaus zur Kenntnis, wie beispielsweise der Soziologe Dr. Ronald Lutz von der Fachhochschule Erfurt:

Eigentlich ist es nicht die Aufgabe dieser Schule, Sozialarbeit zu leisten. Dass sie es dennoch tun, zeigt, wie gut die Schule ist. Dass sie sich das leisten, das finde ich faszinierend.

Dr. Ronald Lutz

Doch ein Dauerzustand kann das nach seiner Einschätzung nicht sein. Eigentlich bräuchte die Schule Sozialarbeiter, meint der Lutz. Dass man sich dort nicht nur um den Unterricht bemüht, sondern auch um Lebenshilfe, ist aber nach seiner Ansicht wichtig.

Dass junge Frauen oder Mädchen aus schwierigen Familienverhältnissen häufig selbst sehr früh eigene Kinder bekommen, dafür gibt es laut Lutz drei Motive:

Zum einen bedeutet die Mutterrolle eine Statusaufwertung. Man fühlt sich als Frau eher wahrgenommen. Man fühlt sich auch in der Gesellschaft eher in einer Position, die anerkannt ist. Zum Zweiten verbindet sich mit der Mutterrolle aber auch so etwas wie ein Aufbruch: Wenn ich Mutter bin, kann es mir nur besser gehen, als vorher, dann gibt es einen klar definierten Weg und den gehe ich. Ich bin jetzt Mutter und damit auch ein Teil der Gesellschaft. Ich weiß, was ich zu tun habe. Das Dritte: Wenn ich Mutter bin und ein Kind hab, bekomme ich einfach auch ein bisschen mehr an Geld. Und das spielt sicherlich auch eine wichtige Rolle, aber nicht die einzige.

Dr. Ronald Lutz

Dass jungen Müttern aus schwierigen Verhältnissen ein sozialer Aufstieg gelingt, daran hat Lutz allerdings so seine Zweifel. Sie hätten nie gelernt, über einen längeren Zeitraum zu planen und möglicherweise auch von ihren eigenen Eltern gar nicht die nötigen Fähigkeiten vermittelt bekommen, die man für die Erziehung eines Kindes benötige. Und dann bleibe der Wunsch, dem eigenen Kind solle es besser gehen als einem selbst, oft unerfüllt.

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2017, 12:35 Uhr

Chronik

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