Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 11.10.2017 | 20:45 Uhr Pöbeln, anschreien, prügeln: Warum gehen wir so miteinander um?

Beleidigungen, Aggressionen und Gewalt im öffentlichen Raum gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Wer war nicht schon einmal Betroffener oder Zeuge einer Pöbelei in der Fußgängerpassage oder im Straßenverkehr, wo die Nerven besonders blank liegen? In vielen Fällen bleibt es aber nicht nur bei lautstarken Auseinandersetzungen. Gewalttaten unter Verkehrsteilnehmern nehmen genauso zu wie Angriffe gegen bestimmte Berufsgruppen.

In einem Krankenhaus in Magdeburg. In der Notaufnahme ist einiges los. Eine Krankenschwester versucht einen Patienten zu beruhigen, der aufgeregt ist, herumschreit, aggressiv ist. Neben der Schwester stehen Sicherheitsleute, die dafür sorgen, dass es nicht zu Gewalt kommt. Eine solche Situation ist mittlerweile nicht mehr selten in Krankenhäusern in Deutschland. Aggressive Patienten, die Ärzte und Pfleger beleidigen, anbrüllen, handgreiflich werden. Oft sind Alkohol oder Drogen im Spiel. In Sachsen-Anhalt wurden im vergangenen Jahr 63 Angriffe auf Rettungskräfte angezeigt.

Ich bin ja nun über 40 Jahre in der Notaufnahme und ich hab schon einiges gesehen und mich macht es traurig, dass diese Aggression uns gegenüber immer mehr wird.

Krankenschwester in der Notaufnahme einer Magdeburger Klinik

Die Zahl der Angriffe auf Rettungskräfte, Ärzte und Pflegepersonal, aber auch auf Feuerwehrleute und Polizisten hat in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. 2012 gab es in Sachsen 68 Fälle von versuchten Straftaten gegen Feuerwehrleute und andere Retter. 2016 schon 119. Zumindest diese Zahl bestätigt den Bundesinnenminister. Thomas de Maizière sprach nach der Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistik 2016 von einer Verrohung der Gesellschaft.

Wir treffen einen Mann, der häufiger gewalttätig geworden ist. Er erzählt uns, wie er beim Autofahren die Kontrolle über sich verloren hat.

Dann bin ich ausgestiegen und hab ihn gefragt, bist du noch ganz sauber und dann ist er auch ausgestiegen und auf mich zugerannt und dann ist es halt eskaliert. ... Ich hab zugeschlagen ein paar Mal mit der Faust in sein Gesicht, dann lag er am Boden, dann hab ich nochmal nachgetreten und dann bin ich in mein Auto eingestiegen und losgefahren.

Philipp (Name von der Redaktion geändert)

Dass die Aggressivität in der Öffentlichkeit zugenommen hat, davon berichten auch Zugbegleiter und Mitarbeiter von Sicherheitspersonal auf den Bahnhöfen.

DB-STATISTIK
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für mich ist es noch erträglich, aber wenn ich sehe, was so passiert. Wir haben einen Kollegen, der hat schon ein Messer am Hals gehabt, da habe ich dann gedacht, das muss nicht sein.

Bahn-Mitarbeiterin am Leipziger Hauptbahnhof
Ein Mann mit Brille und kurzen Haaren
Prof. Andreas Zick Bildrechte: MDR/Christin Simon

Der Gewaltforscher Prof. Andreas Zick befasst sich mit den gesellschaftlichen Ursachen solcher Gewaltausbrüche. Er macht unter anderem hohe Erwartungshaltungen bei vielen Menschen dafür verantwortlich. Auf enttäuschte Erwartungen werde mit Aggressivität und Gewalt reagiert, wenn also beispielsweise ein Patient nach seinem Empfinden nicht schnell genug in der Notaufnahme medizinische Behandlung bekommt. Etwa ein Viertel der Bevölkerung gehe laut Studien davon aus, dass es in der Gesellschaft nicht um Solidarität gehe, sondern um Konkurrenz, sagt er. Es gehe knallhart um den Vorteil des Einzelnen.

Und bei diesen Menschen, die solche marktförmigen Ideen von der Gesellschaft haben, such deinen Profit, schlag dich durch, die haben auch so ein generelles Verständnis, dass die anderen mir was liefern müssen und wenn die nicht liefern, dann werde ich aggressiv, dann werde ich ruppig.

Prof. Andreas Zick

Den Autoverkehr bezeichnet der Gewaltforscher als "Kampfgebiet". 2016 gab es 2,6 Millionen Verkehrsunfälle in Deutschland. Häufige Ursache: aggressives Fahrverhalten.

Das Problem ist beim Autoverkehr, das ist eine individuelle Wettbewerbssituation. Unsere Autos werden schneller, unsere Autos werden größer. Die Verkehrsführung wird schwieriger, es wird enger. Das heißt unser Konzept von Auto und Autofahren ist eher auf individuellen Wettbewerb eingestellt und das erhöht natürlich massiv eine Situation, in der Aggressionen eskalieren können.

Prof. Andreas Zick

Ein Modell, Aggressionen abzubauen, ist das Training, das Boxtrainer Hans-Peter Hofmann im sächsischen Glauchau anbietet. An seinen Kursen nehmen nicht nur sportbegeisterte Menschen teil, sondern auch Straftäter, die wegen aggressiven Verhaltens von Gerichten verurteilt worden sind.

Antiaggressionskurse werden allerdings nur selten gerichtlich angeordnet. Beispiel Magdeburg: Im letzten Jahr wurden 250 Gewalttäter verurteilt, nur 20 mit der Auflage an einem solchen Kurs teilzunehmen. Und das obwohl sie Erfolg versprechen - die Rückfallquote liegt bei nur 20 Prozent.

Wer von den Teilnehmern vom Gericht geschickt worden ist, das weiß nur der Trainer. Denn es gehört zu seinem Konzept, dass einzelne Menschen nicht ausgegrenzt werden, sondern ein Gefühl von Gemeinschaft erleben, von familiärem Klima. Das anstrengende Training zeige jedem einzelnen Teilnehmer seine Grenzen auf, fange ihn aber auch in einer Gruppe auf.

Und da finden sie sich hier viel, viel besser zurecht und das ist das Positive daran, dass sie nicht ausgeschlossen werden, nicht abgestoßen werden, sondern dass sie aufgenommen werden und sich im Schoß der Familie wiederfinden.

Hans-Peter Hofmann

Pöbeln, anschreien, prügeln: Warum gehen wir so miteinander um?

Ein Trainer zeigt beim Boxtraining einen Schlag
Hans-Peter Hofmann bietet in Glauchau Antiaggressionskurse an. Teilnehmer seiner Kurse sind nicht nur sportbegeisterte Menschen, sondern auch Leute, die wegen gewalttätigen Verhaltens zu Antiaggressionsmaßnahmen verurteilt worden sind. Bildrechte: MDR/Christin Simon
Ein Trainer zeigt beim Boxtraining einen Schlag
Hans-Peter Hofmann bietet in Glauchau Antiaggressionskurse an. Teilnehmer seiner Kurse sind nicht nur sportbegeisterte Menschen, sondern auch Leute, die wegen gewalttätigen Verhaltens zu Antiaggressionsmaßnahmen verurteilt worden sind. Bildrechte: MDR/Christin Simon
Ein Trainer zeigt beim Boxtraining einen Schlag. Mehrere Frauen und Männer in Sportkleidung machen es ihm nach
Welcher Teilnehmer aus welchem Grund hier ist, weiß nur der Trainer. Bildrechte: MDR/Christin Simon
Mehrere Männer beim Boxtraining in einer Halle
Sich auspowern und seine persönlichen Grenzen kennenlernen - auch darum geht es bei den Kursen von Hofmann. Bildrechte: MDR/Christin Simon
Ein Mann trainiert an einem Sandsack boxen
... Und um das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, wie in einer Familie aufgehoben zu sein. Bildrechte: MDR/Christin Simon
Ein Mann mit Brille und kurzen Haaren
Er forscht über Gewalt und ihre Ursachen: Prof. Andreas Zick. Dass Menschen sich als Patienten oder Autofahrer aggressiv gegenüber anderen verhalten, hat nach seiner Einschätzung mit übersteigerten Erwartungshaltungen und ichbezogenem Konkurrenzdenken zu tun. Bildrechte: MDR/Christin Simon
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 11. Oktober 2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 16:10 Uhr