Kind weg und Zahlungsaufforderung an Eltern Jugendämter wegen "Inobhutnahmen" in der Kritik

Fast 78.000 Kinder und Jugendliche haben Jugendämter in Deutschland allein im Jahr 2015 in ihre Obhut genommen. Die Trennung der Kinder von ihren Eltern hat oft dramatische seelische Folgen. Dabei hätten in vielen Fällen auch andere Hilfeleistungen Verbesserungen für die betroffenen Kinder und Eltern bringen können.

Die Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle traf Linda Neubauer und ihre 14-jährige Tochter Anna wie ein Schlag. Mutter und Tochter seien in einer "krankhaften Symbiose miteinander verstrickt", finden die Richter. Sie bestätigen damit die Feststellung einer Gutachterin, die diese symbiotische Verstrickung während eines einstündigen Gespräches mit Anna erkannt haben will. Im Oktober 2013 hatte das zuständige Jugendamt Anna aus der Schule abgeholt und direkt in ein Heim gebracht - etliche Kilometer von zu Hause entfernt.

Wochenlang weiß die Mutter nicht, wo ihre Tochter ist. Und dann bekommt sie noch eine Zahlungsaufforderung. Sie soll sich an den Kosten für die Heimunterbringung des Kindes beteiligen. 305 Euro monatlich soll sie zahlen. Neubauer lässt sich nicht entmutigen. Sie kämpft vor Gericht um ihre Tochter und hat schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht Erfolg. Die Richter in Karlsruhe erklären die Inobhutnahme von Anna für verfassungswidrig. Die Trennung eines Kindes bleibe Ultima Ratio und dürfe nur im äußersten Fall erfolgen, begründen sie ihre Entscheidung. Der sei im Fall von Linda Neubauer und ihrer Tochter nicht gegeben. Schließlich lenkt auch das Jugendamt ein: Die Familie erhält das bereits gezahlte Geld für die Fremdunterbringung zurück.

Der Fall ist einer von vielen. Welche Folgen solche Inobhutnahmen durch Jugendämter  für Eltern haben können, erläutert der renommierte Psychotherapeut Werner Leitner aus Berlin.

Wenn man sich vorstellt, dass ihnen nach all diesem Leid, nach all dieser Belastung mit Blick auf die Folgen und Spuren, die das Ganze hinterlässt, dann auch noch eine Zahlungsaufforderung zugestellt wird, dann ist das schlichtweg überhaupt nicht nachvollziehbar.

Prof. Dr. Werner Leitner

Leitner fordert eine neue Herangehensweise. Es müsse dringend darauf hingearbeitet werden, dass solche Inobhutnahmen nur noch erfolgen, wenn es wirklich absolut notwendig sei, sagte er dem ARD-Magazin FAKT.  Um herauszufinden, wann eine solche Notwendigkeit bestehe, bedürfe es entsprechend qualifizierter Fachkräfte.

Das Bundesfamilienministerium sieht indes keinen Handlungsbedarf. Es sieht die Jugendämter weiterhin in der alleinigen Verantwortung.

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2017, 12:53 Uhr

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