Nach der Bundestagswahl Experten: Viele Ostdeutsche fühlen sich benachteiligt

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Frustration, schlechtere materielle Verhältnisse als im Westen und mangelnde Demokratieerfahrung sind nach Einschätzung von Bürgerrechtlern und Soziologen Gründe für den starken Zuspruch, den die AfD bei der Bundestagswahl in Ostdeutschland bekommen hat. Viele Menschen im Osten hätten in den Jahren seit der Wiedervereinigung nicht den materiellen Wohlstand erreicht, den sie erhofften, sagte der Jenaer Soziologe Klaus Dörre dem ARD-Magazin FAKT. Hinzu komme ein Gefühl der Benachteiligung gegenüber dem Westen.

Prof. Dr. Klaus Dörre
Prof. Dr. Klaus Dörre Bildrechte: Anne Günther/FSU

Befragungen von ostdeutschen Arbeitern ergaben laut Dörre das Bild von Menschen, die zwar nicht arm sind, jedoch mit jedem Euro rechnen müssten. Die mediale Welt vermittle hingegen das Bild, dass es allen immer besser gehe. Dadurch fühlten sich die Befragten, "als sitzen sie in einem Waggon, der von diesem Wohlstandszug abgekoppelt ist".

Dass die AfD bei der Bundestagswahl so viele Stimmen erhalten hat - in Sachsen wurde sie stärkste Partei - hat nach Dörres Einschätzung mit zwei Faktoren zu tun. Zum einen werde die erfahrene Benachteiligung nicht mehr hingenommen, und zum anderen sei ein Selbstbewusstsein entstanden, "das sich nicht nur gegen oben, sondern auch gegen anders und nach unten richtet". Die Menschen hätten das Gefühl, dass ihre Leistung in der Gesellschaft nicht genügend wertgeschätzt werde - "insbesondere nicht aus dem Westen".

"Keine Zeit, sich als Staatsbürger zu entwickeln"

Nach Ansicht der sächsischen Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Die Generation der Ostdeutschen, die zur Wendezeit um die 20 Jahre alt war, sei in den Jahren nach der Wiedervereinigung vollauf damit beschäftigt gewesen, Geld zu verdienen oder mit Arbeitslosigkeit und Hartz IV zurechtzukommen. "Ich glaube, dass da keine Zeit blieb, sich als Staatsbürger zu entwickeln, dass eine Demokratie nur lebendig sein kann, wenn sich wirklich jeder beteiligt."

Markus Nierth
Markus Nierth Bildrechte: IMAGO

Ähnlich sieht es der frühere Bürgermeister von Tröglitz in Sachsen-Anhalt, Markus Nierth. Er war 2015 zurückgetreten, nachdem die rechtsextreme NPD wegen seines Engagements für Flüchtlinge gegen ihn mobil gemacht hatte. Er beobachtet heute eine Zerrissenheit in der Gesellschaft: "Man hat funktioniert, man hat versucht, den großen westdeutschen Bruder jetzt endlich auf materieller Ebene einzuholen. Ist furchtbar tapfer und fleißig im Hamsterrad mitgerannt, und ein Teil hat’s geschafft, wird stark beneidet von den anderen", sagt er. Ein weiterer Teil versuche es immer noch zu schaffen, sei aber kraftlos geworden. "Und ein anderer Teil hat es nicht geschafft, ist resigniert und voller Frust, der schon längst zu blanker Wut und blankem Hass gewachsen ist."

Dieser Hass richtet sich nach Einschätzung von Beobachtern gegen "die da oben" und gegen andere Gruppe in der Gesellschaft - etwa Flüchtlinge. So sagt Soziologe Klaus Dörre: "Je aussichtsloser es erscheint, die sozialen Ungerechtigkeiten zwischen oben und unten zugunsten unten zu korrigieren, desto eher neigen sie dazu, Verteilungskonflikte in solche zwischen innen und außen umzukehren." Und die AfD biete Munition dazu - "nämlich Kriterien, warum bestimmte Gruppen draußen bleiben sollen".

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 10.10.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2017, 22:38 Uhr

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13 Kommentare

11.10.2017 08:46 Clemens Blaas 13

Angela Merkel wurde nicht wie behauptet im Osten geboren sondern in Hamburg, wie wir alle spätestens seit der letzten heuteshow wissen.

10.10.2017 23:50 Dori 12

Also ich will ja nicht kleinlich sein aber in der Anmoderation wurde behauptet Angela Merkel sei gebürtig aus dem Osten. Aber Hamburg liegt gar nicht im Osten Deutschlands.

10.10.2017 23:43 burrkhard scheiwe 11

ps.unsere regierungen liefern nur die passenden sklaven,für die wahren machthabern und halten uns hin.um das zu ändern wünsche ich mir eine eine grundsätzliche veränderung der verhältnisse,zeitnah mfg burkhard

10.10.2017 22:56 Joachim Schiemanz 10

Endlich geht diese Diskussion in die richtige Richtung. Ich werde nächsten Monat 64. Nachdem ich (auch) nach der Wende gut zurecht kam wurde ich 2005 mit 52 erstmals arbeitslos. Da wir ein Haus gebaut hatten stand ich plötzlich mittellos da, fand aber nach kurzer Arbeitslosenzeit SELBST wieder einen Jobb - 6,69€ Stundenlohn (laut Fr. Merkel soll man davon noch vorsorgen) bei einer "Westfirma" im Osten. Als ich Wohngeld beantragen musste wurde mir schnell klar ich muss weg vom Jobbsenter, weg aus meiner Heimat. Gesagt getan, 7 Jahre als Elektriker in Norwegen, trotz der höheren Kosten konnte ich ca. 8000€/Jahr sparen. Letztes Jahr kam meine Frau nach. Übrigens seit Dezember 2016 "arbeitet" die Rentenversicherung in Deutschland daran, meine norwegische Arbeitszeit herauszubekommen um mir irgendwann meine Rente zu zahlen, vermutlich unter Abzug der Sozialbeiträge, obwohl ich in Norwegen versichert bin. Mit dieser Politik haben wir abgeschlossen und übrigens KEINE PARTEI gewählt.

10.10.2017 22:49 Ulrich Pietschmann 9

Liebe Fernsehmacher,

immer wieder enttäuschen Sie mich mit schlechter Darstellung allgemein bekannter Fakten.
Unsere Noch-Bundeskanzlerin ist keine Ostdeutsche,
zumindest dürfte es allgemein bekannt sein, daß in ihren Dokumenten als Geburtsort Hamburg vermerkt ist. Sie ist in der DDR aufgewachsen, aber als echte Ostdeutsche fällt sie durch.
Und leider muß ich immer wieder feststellen, daß sehr ungenau recherchiert wird. Es wäre ein inniger Wunsch meinerseits, wenn die gemachten Aussagen so konkret wiedergegeben werden, die auch wirklich sattelfest sind.
Mag sein, daß man meine Meinung nicht teilt, aber für mich ist Frau Merkel eine Person, die nicht als
waschechte DDR-Bürgerin durchgeht.....

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Pietschmann

10.10.2017 22:44 Janet R. 8

Ich finde deiesen Beitrag deutlich zu einseitig. Es wurde überhaupt nicht beleuchtet, dass im alten Westteil die AfD 64 Mandate geholt hat und nur 30 Mandate im ehemaligen Osten geholt wurden. Ohne die AfD-Wähler aus Westdeutschland hätte die AfD längst nicht diese Kraft. In Berlin, meiner Heimat, wurden 4 Mandate geholt, zwei in Steglitz-Zehlendorf und zwei in Mitte. Und Mitte ist quasi das Manhattan Berlins. Das ist kein armes Viertel. Steglitz-Zehlendorf steht auch sehr gut da. Ich verstehe nicht, warum nicht darüber berichtet wird, was die Wähler in Westdeutschland dazu bewegt hat, die AfD zu wählen? Was sind ihre Ängste, Sorgen, Nöte? Das ist ein gesamtdeutsches Problem. Z.B. Dort wo am wenigsten Ausländer wohnen, wurde am meisten die AfD gewählt. Ich wünsche mir eine objektivere und umfassendere Berichterstattung. Eine die nicht nach jemandes Nase tanzt.

10.10.2017 22:40 Peter Hantschel 7

Da muss man keine Professur haben um fest zustellen, das der Osten über 27 Jahre mit fleissig eingezahlt hat ins hochgelobte Systemmum dann am Ende nicht einmal die letzten Wahlversprechen zu erhalten. Da können die noch froh sein das noch viele links gewählt haben,sonst hätten wir alle Ergebnisse wie in Sachsen

10.10.2017 22:21 Frank 6

Hallo, fand den Beitrag "Ostdeutsche fühlen sich benachteiligt" gut dargestellt. Es gibt viele Probleme nicht nur die Eisenbahner in Ihrem Beitrag. Auch alle geschiedenen Ehefrauen aus DDR Zeiten erhalten keine Witwenrente und somit nur keine kleine Rente, die nicht zum Leben reicht. Denn jeder weiß ja, dass die Löhne in der ehemaligen DDR auch gering waren. Ich frage mich ersthaft, wie diese geschiedenen Frauen von ihrer Rente Leben solln bzw. später mal einen Platz im Alten und Pflegeheim bezahlen sollen? Hier ist doch vorprogramiert, dass dieser Personkreis Auf Sozialhilfe angwiesen ist. Immer schön nach dem Motto zum Leben zu wenig zum Sterben zu viel. Eine traurige und unsoziale Gesellschaft im reichen Deutschland. Und dann wird sich gewundert wenn Wähler die AFD wählen...!

10.10.2017 22:20 Axel 5

na klar doch

Ein westdeutscher "Experte" erklärt im Staatsfernsehen den angeblich unterbelichteten Ostdeutschen wieder mal die Welt.

10.10.2017 22:16 franz kestel 4

Dieser Beitrag enthält ein völlig falsches Axiom!
Nicht die Demonstranten in Leipzig oder andersowo
in der DDR leiteten die Wende ein, sondern es waren die Oppositionellen der ehemaligen DDR, die das
Fundament legten. Es waren und sind diejenigen, die
an der innerdeutschen Grenze erschossen wurden und an der Berliner Mauer, es waren die, die Widerstand leisteten und dafür in Bautzen oder Hoheneck landeten, Menschen, die wegen ihrer
offen oppositionellen Haltung entlassen wurden, den Beruf nicht mehr ausüben konnten...kurz: es waren die Politisch Verfolgten von Stasi und SED.
Diese Menschen kommen heute gar nicht mehr vor.
Im Gegenteil: es gibt Anerkannt Politisch Verfolgte, denen wegen "zu kurzer" Verfolgungszeit keinerlei
Leistungen zustehen, keine Opferrente, nichts!
Die Mitläufer und Täter dagegen standen und
stehen nach wie vor,mit Unterstützung des heutigen Staates, Diese Menschen sind heute
Flüchtlinge vor diesem auf dem Papier so menschenwürdigen Staat.