exakt | 05.07.2017 Problem Gaffer - nach dem Busunfall auf der A9

Es ist immer wieder das gleiche erschreckende Szenario. Je spektakulärer der Unfall, desto größer der Menschenandrang. Das Problem kennt auch die Freiwillige Feuerwehr Irxleben. Bei ihren Einsätzen sind Gaffer Alltag. Oft müssen sie zur A2 ausrücken - ein Unfallschwerpunkt. Immer mit dabei ist die Ungewissheit darüber, wer sich ihnen heute in den Weg stellt.

Die Ansammlung von Menschen ist dann besonders groß, wenn Personen verletzt sind, wenn es Blut zu sehen gibt oder eben extreme Verletzungen. Dann sind die besonders neugierig, die Leute.

Axel Klitschke, Einsatzleiter

Zum Problem werden aber auch immer wieder Autofahrer, die den Rettungskräften das Durchkommen zum Unfall erschweren. Bilden Fahrer keine Rettungsgasse, brauchen Einsatzkräfte im Schnitt vier Minuten länger zum Unfall. Minuten, die Leben retten könnten. Stattdessen wird der Weg selbst zur lebensgefährlichen Tortur. Sogar auf dem Motorrad.

Im September 2016 rückt Hendrik Sickert mit seiner "Motorrad-Staffel Sachsen-Anhalt" aus. Denn für Rettungswagen auf vier Rädern ist kein Durchkommen mehr. Damals kommt es zu einem Unfall.

Am Anfang der Rettungsgasse stand eine Pkw-Fahrerin mit ihrem Auto, die meinte: Oh prima alle halten an auch der Gegenverkehr, da kann ich links abbiegen. Und so kam es zum seitlichen Anprall. Das Motorrad hat einen Totalschaden und ich war auch ganz schön verletzt.

Hendrik Sickert

Bilden Fahrer keine Rettungsgasse, weil sie nicht wollen oder weil sie nicht können? „exakt“ fragt Fahrer an der A2, wie man auf einer vierspurigen Autobahn eine Rettungsgasse bildet.

Joa, so zwei Spuren rechts, Rettungsgasse, links, links ... Und das ist jetzt falsch?!

Autofahrer

Jetzt ja. Denn bis 2016 galt: Bei vier Spuren mussten Autofahrer die Rettungsgasse in der Mitte bilden. Seit Januar lautet die Regel: Egal wie viele Spuren, die ganz linke Spur hält sich links, alle anderen müssen nach rechts. Fazit der Umfrage: Spätestens bei vier Spuren raten die meisten. Unwissenheit ist also ein Grund, weshalb Rettungskräfte auf ihrem Weg behindert werden.

Empfindliche Strafen für Gaffer – das wurde schon lange gefordert. Im Mai trat nun eine Strafrechtsänderung in Kraft, nach der jede Behinderung hilfeleistender Personen strafbar ist und mit Geldstrafe oder sogar Gefängnis geahndet wird. Doch viele Kritiker zweifeln, dass sich dadurch das Gaffen einfach verhindern lässt.

Wenn es eine Straftat ist, müssen sie die Personalien erheben, obwohl sie eigentlich was anderes zu tun haben. Sie müssen aber auch den Tatbestand des Gaffens genau dokumentieren. Das ist gar nicht so einfach. Ich kann ja nicht reinschreiben: Da stand jemand auf dem Platz. Sondern ich muss genau reinschreiben, wo und in welchem Verhältnis und warum er mir im Weg stand.

Ulrich Schellenberg, Präsident Deutscher Anwaltsverein

Beweise gegen Gaffer sammeln - ohne zusätzliches Personal. Einige sehen die Lösung in den "Body Cams“. In Rheinland-Pfalz wurden sie bereits getestet. Aber auch da muss man sich Zeit für den Gaffer nehmen. Zeit, die die Einsatzkräfte vor Ort oft nicht haben. Der Kampf gegen das Gaffen ist trotz Gesetzesänderung und neuer Technik noch lange nicht vorbei.

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2017, 18:31 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.