exakt | 08.11.2017 Ohne Job und doch nicht arbeitslos?

Fast eine Million Menschen tauchen in der offiziellen bundesweiten Arbeitslosenzahl von 2,4 Millionen gar nicht auf. Das kritisiert Prof. Stefan Sell vom Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung in Remagen. Die Statistik sei geschönt, weil sogenannte Unterbeschäftigte in der Statistik nicht mitgezählt werden. Sie nehmen z.B. an einer Aktivierungsmaßnahme teil, sind gerade krankgeschrieben, oder weil sie über 58 Jahre alt sind.

Stefan Sell
Prof. Stefan Sell vom Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung in Remagen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Unterbeschäftigten – das waren im Oktober bundesweit ca. 629.000 Personen in arbeitsmarkpolitischen Maßnahmen wie Weiterbildung und Aktivierung, mehr als 163 000 über 58-Jährige, die nicht mehr vermittelt werden, gut 80.000 Personen in Arbeitsgelegenheiten und fast 81.000 kurzzeitig Erkrankte.

Summiert man diese Zahlen der Bundesagentur für Arbeit,  so gibt es in Deutschland nicht nur die fast 2,4 Millionen Arbeitslosen, die offiziell gemeldet werden, sondern fast 3,4 Millionen, die tatsächlich arbeitslos sind. Eine Schönrechnung? Das Bundesarbeitsministerium weist diesen Vorwurf zurück, schriftlich heißt es: "Dieser Vorhalt ist nicht haltbar, denn es werden ja Monat für Monat gerade beide Größen transparent und öffentlich …. dargestellt."

Wie viele Arbeitslose gibt es wirklich?

Die Arbeitslosigkeit im Landkreis Görlitz zählt zu den höchsten in Sachsen. Im Oktober lag die offizielle Zahl laut Bundesagentur für Arbeit hier bei: 10.572 Personen, das sind 8,4 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Zählt man aber die sogenannten Unterbeschäftigten dazu, sind es im Landkreis Görlitz tatsächlich 14.085 Arbeitslose, was einer Arbeitslosenquote von 11,0 Prozent entsprechen würde.

Margitta Lange
Margitta Lange Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Margitta Lange ist einer dieser Unterbeschäftigen. Sie läuft jeden Tag durch halb Löbau zur Arbeit. 25 Minuten hin, 25 Minuten zurück. So spart sie das  Geld für den Bus. Drei Euro Fahrgeld täglich, das wäre fast die Hälfte ihres Tageslohnes. Die 53-Jährige ist beim Arbeitslosenverband Löbau beschäftigt, einem eingetragenen Verein. Dort arbeitet sie als "MAE-Kraft", also in einer Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung und macht hier die Buchhaltung für den Verein. Die Mehraufwandsentschädigung beträgt 1,20 Euro pro Stunde. Landläufig bekannt ist diese Maßnahme vom Jobcenter als Ein-Euro-Job.

Per Definition "nicht arbeitslos"

Maßnahmen, Umschulungen, Weiterbildungen, Margitta Lange hat schon vieles durch. Nach der Wende machte Sie eine Ausbildung zur Fachlageristin, Computerlehrgänge und arbeitete auf einer "FAV-Stelle" - einer Maßnahme zur Förderung von Arbeitsverhältnissen. Seit zehn Jahren gibt es für die gelernte Handelskauffrau nur Beschäftigungen mit seltsamen Abkürzungen. Und dennoch gilt Frau Lange nicht als arbeitslos, sondern, wie es im arbeitsagenturdeutsch heißt, als "unterbeschäftigt".

Margitta Lange empfindet das als Lüge, denn von dem Geld könne ja keiner leben und ist  trotzdem arbeitslos, sagt sie. Noch bis Ende November hat sie ihren Ein-Euro-Job im Arbeitslosenverband. Sie sucht weiter nach einer richtigen Arbeit.

Über dieses Thema berichtete MDR exakt auch im: Fernsehen | 08.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 18:44 Uhr

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16 Kommentare

09.11.2017 14:07 HOPF L. 16

@8 007 Merkel muss weg,09.11.2017,10:57 Uhr.Ihr Beitrag zeigt,was diese Statistik der Bundesargentur für Arbeit,für eine Aussagekraft hat.Genauso sind die Aussagen der früheren Bundesregierungen zu bewerten,wenn Sie sich auf die Statistik der BAA berufen hatte.Frau Sahra Wagenknecht,hatte in der Vergangenheit,diesen Statistiken nie getraut.So sieht es auch in der gesetzlichen Rentenver-
sicherung bis zur Beitragsbemessungsgrenze aus.
"In keinem einzigen Jahr seit 1957,ist der Bund auch nur annähernd seinen Verpflichtungen nachge-
kommen,in keinem Jahr waren die Bundes-
zahlungen ausreichend,um die versicherungs-
fremden Leistungen,in vollem Umfang zu fi-
nanzieren".Diese Zitate stammen von dem letzten
Sozialpolitiker der SPD,Rudolf Dressler.

09.11.2017 13:43 Heiko M 15

Damke an @Der Reformer, endlich mal eine fundierte Antwort auf Heilsverkünder von rechts und links!

Das unsinnige Herausrechnen der über 58-jährigen oder das "Sich von Masßnahme zu Mahname hangeln"-Müssen gibt es - leider! - schon seit der Wende, das in den entsprechenden %-Aufschlägen zur ofiziellen Quote!

Es ist aber auch kein Wunder mach *der* Deintustrialisierung, in der nicht zuletzt auch unliebsamne Konkurennz beseitigt wurde. Veraltete, heruntergewirtschaftete Betriebe waren ein weiterer großer Teil des Pronlems.

Der Rat "eines Glückes Schmied" zu sein, half und hilft dabei nicht allen.

09.11.2017 13:26 Der Reformator 14

@ 007 Merkel muss weg

Die Agenda 2010 wurde aber nicht von Merkel gemacht, sondern von Schröder und der SPD. Und das Schönen der Statistik gab es früher schon, alles nichts neues.

@all
Was denken die Leute eigentlich was passieren würde wenn die AFD in die Regierung kommt. Etwa das der Staat anfängt Geld zu verschenken? Langzeitarbeitslose auf einmal superbezahlte Jobs bekommen.
Es würde rein gar nichts in diese Richtung passieren. Lest euch einfach mal die Wahlprogramme durch. Leider fällt mir da nur eine Partei ein, welche wirklich was verändern will. Zumindest schreibt sie das.
Allerdings hatten die 40 Jahre Zeit dazu und haben es nicht geschafft. Ganz im Gegenteil.

Also nicht jammern, sondern seines Glückes Schmied sein.

09.11.2017 12:45 benutzer 13

und nicht zu vergessen die Aufstocker ,)

09.11.2017 11:41 Horst 12

Noch eine Ergänzung: Wenn man die tatsächliche Arbeitslosigkeit (also auch Unterbeschäftigte berücksichtigt), dann haben wir im Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat ca. 140.000 Arbeitslose weniger.

09.11.2017 11:35 Stefan K 11

das muss man sich einmal auf der zunge zergehen lassen, das fäschen der statistik einmal beiseite gelassen, ehrliche statistiken gibt es selten. für eine qualifizierte tätigkeit 1,20 eur zu zahlen ist eine sauerei, und ich nehme an, dies ist nur ein beispiel. auf der anderen seite gibt es sicherlich noch genug jobs die dies auch betrifft, wo aber auf der anderen seite mehr geld eingenommen wird. auch wenn es einigen nicht gefällt,d iese jobs werden mit den angereisten unqualifizierten arbeitskräften noch aus dem boden schiessen, aber die haben dann, damit es sich auch lohnt sicherlich noch eine satte staatliche förderung für den der es anbeitet. man muss eben nur schwein sein. in diesem sinne tolle politik und übrigens egal ob rot, grün schwarz oder gelb, die machen alle das gleiche, oder hat man vielleicht inthüringen gemerkt, das eine soziale regierung das anders macht, denn thüringen zählt nach wie vor beim verdienst zu den schlusslichtern. danke bodo r.

09.11.2017 11:22 Atze 10

Weg mit den 1Euro- Jobs und Martin Dulig hat jetzt vor, 2Euro- Jobs einzuführen. Unsäglich!
Die SPD verrät die Interessen der Werktätigen und das schon xWahlperioden.
Meine Forderung lautet :
Es muss aus Vertrauensgründen in Sachsen Neuwahlen geben. Weder die CDU, noch die SPD haben hier die Legitimation.
Tillich ist zurückgetreten, Dulig soll sein Arbeitslosenpaket einpacken und es Andere besser machen lassen.Die Bürger werden schon die richtigen Leute finden. Die Arbeitsmarktmisere ist auch der SPD zu verdanken.Mit Verschweigen fängt alles an.

09.11.2017 11:18 Bürger 9

Tja, traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast...

09.11.2017 10:57 007 Merkel muss weg! 8

Summiert man diese Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, so gibt es in Deutschland nicht nur 2,4 Mio. Arbeitslose die offiziell gemeldet werden, sondern 3,4 Mio., die tatsächlich arbeitslos sind.
Und auch das ist wieder nur die halbe Wahrheit.
In meinem Bekanntenkreis gibt es Frauen u Männer verheiratet u nicht verheiratet die vom A.-Amt nicht einen Cent bekommen, überhaupt nicht mehr als Arbeitslos registriert sind weil, der Lebensgefährte/in oder Ehepartner/in "zuviel" Geld verdienen. Das ist die traurige Wahrheit. Da kämen garantiert nochmal mindestens 1,5 Mio. Arbeitslose dazu. Das wurde alles mit der Agenda 2010 eingerührt. Man macht sich, wenn man mit jemand zusammenzieht, ob verheiratet oder nicht, irgendwann seinen Job verliert, zum Bettler. Vom Staat gibts so schnell nichts mehr. Deshalb behalten auch die meisten Singles ihre Zweitwohnung weil es dann noch das Hartz IV gibt. Dadurch verknappt sich zusätzlich der Wohnungsmarkt u der Staat zahlt letztendlich noch drauf ...

09.11.2017 10:56 Untermensch aus Dunkeldeutschland 7

das hängt damit zusammen, dass die korrekte Ausweisung des Arbeitskräfteüberschusses noch mehr Unmut hervorbringen würde. Genau deshalb wird auch so penedrant gegen kostendämpfende Gebiets- und Verwaltungsreformen polemisiert.