exakt | 12.07.2017 Insolvenz: Langwierige Verfahren - wenig Ergebnisse

Ein Insolvenzverfahren soll ermöglichen, dass Gläubiger zumindest einen Teil des investierten Geldes zurückbekommen. Doch häufig ziehen sich die Verfahren über Jahre hin. exakt erzählt Hintergründe am Beispiel der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft West, die vor elf Jahren Insolvenz anmeldete. Geschädigte Kleinanleger warten und hoffen bis heute auf Geld aus der Insolvenzmasse.

Ehepaar Ullrich in Nordhausen bekommt im Jahr 2005 Post - mit einem verlockenden Angebot: sogenannte Inhaber-Teilschuld-Verschreibungen mit Zinsen von bis zu sieben Prozent jährlich. Die Rentner entscheiden sich, 10.000 Euro zu investieren. Sie überweisen die Summe der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West – kurz WBG. Ein Jahr später der Schock. Das Geld ist offenbar weg.

Wir sind Betrügern aufgesessen. Von Westdeutschland kamen die ja alle. Und haben das dann alles in die eigene Tasche gewirtschaftet.

Gerhard Ullrich

Die Ullrichs zählen zu insgesamt 47.000 Betrogenen. Kleinanleger verlieren bundesweit mehr als 350 Millionen Euro. Mitte 2006 meldet die WBG Insolvenz an. Eine Riesen-Pleite. Hauptgesellschafter ist Jürgen Schlögel, ein Geschäftsmann aus Nürnberg. Er landet vor Gericht. Der Vorwurf: Schwerer Betrug und Insolvenzverschleppung. Mit anderen soll er ein Schneeballsystem aufgebaut haben. Heißt: Mit jeweils frisch eingesammelten Geldern wurden die Zinsen der früheren Anleger bezahlt. Millionen verschwinden. Erst nach Jahren fliegt dieses System auf.

Ein Insolvenzverwalter wird berufen. Christa und Gerhard Ullrich bekommen von ihm jedes Jahr Post – und jedes Mal werden sie vertröstet. Durchschnittlich dauern Insolvenzverfahren bei Unternehmen vier Jahre. Doch in diesem Fall geht auch nach elf langen Jahren das Warten weiter. Und eine entscheidende Frage bleibt offen: Wie viele Prozent von ihrem Geld können die Geschädigten nach dem Verfahren erwarten?

Es wird erwartet, dass am Ende 1,5 bis 2 Prozent herauskommt. Also wer 10.000 Euro eingesetzt hat, bekommt 150 bis 200 Euro zurück. Ernüchternd, enttäuschend, aus meiner Sicht ein Totalverlust.

Jochen Resch, Rechtsanwalt

Wenig Geld – und das, obwohl die durchschnittlichen Quoten bei Insolvenzen in Deutschland ohnehin niedrig sind. Sie liegen bei rund vier Prozent. Bei solchen Mammutpleiten bleibt oft nur wenig für die Anleger. Das Verfahren verschlingt einen Großteil der zurückgeholten Gelder.

Jetzt sage ich Ihnen mal ganz ehrlich: Das können sie sich auch an den Latz knallen, dann verzichte ich auch darauf. Da bin ich rigoros und ganz fuchtig darüber.

Christa Ullrich

Doch was wurde aus Jürgen Schlögel, gegen den 2007 der Prozess begann? Das Verfahren musste nach einem knappen halben Jahr ausgesetzt werden, weil der Staatsanwaltschaft Verfahrensfehler unterliefen. Inzwischen liegen Gutachten vor, wonach Schlögel wegen seiner Alkoholsucht nicht mehr verhandlungsfähig sei.

Wer ihn heute sucht, landet in Berlin Pankow. Hier ist seine amtliche Meldeanschrift. Doch weder am Klingelschild noch an den Briefkästen steht sein Name. Wir fahren nach Nürnberg, wo er damals mehrere Firmen betrieben hat. Viele Millionen sollen auf deren Konten geflossen und seither verschwunden sein. Im Handelsregister finden wir eine Spur. Jürgen Schlögel ist in mehreren Firmen aktiv – als Geschäftsführer oder in einer anderen Führungsposition. Der Mann, der fürs Gericht nicht verhandlungsfähig sein soll.

Das Fazit fällt fatal aus: Elf Jahre dauert das Insolvenzverfahren, an dessen Ende für die Anleger ein angekündigter Totalverlust droht. Der Hauptverdächtige muss sich zurzeit nicht vor Gericht verantworten. Und trotz Verhandlungsunfähigkeit betreibt er offenbar in entscheidender Funktion erneut Geschäfte.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 12.07.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2017, 17:27 Uhr

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