Landwirt Mario Kuder
Landwirt Mario Kuder hat durch Glyphosat Hunderte Kühe verloren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 06.12.2017 Hat Glyphosat eine Existenz zerstört?

Mario Kuder erkrankte vor einigen Jahren schwer und verlor seine gesamte Milchviehherde. Beides ist auch auf Glyhopsat zurückzuführen, sagen Experten. Der Landwirt ist empört über den weiteren Einsatz des Pflanzengifts.

Landwirt Mario Kuder
Landwirt Mario Kuder hat durch Glyphosat Hunderte Kühe verloren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Landwirt Mario Kuder führte vor wenigen Jahren noch einen stolzen Milchviehbetrieb mit Hunderten Kühen. Doch der Betrieb brach zusammen. Ihm sind gerade mal eine Handvoll Bullen und ein Berg Schulden geblieben. Aus Kuders Sicht gibt es für seinen Ruin genau ein Wort: Glyphosat.

Als der Vogtländer vor wenigen  Tagen von der weiteren Zulassung des Pflanzengifts und dem deutschen "Ja" durch Minister Christian Schmidt (CSU) hörte, konnte er es nicht glauben. "Also ich denke, die Entscheidung, die er da gefällt hat, die ist verantwortungslos!", sagt Kuder.

Bei ihm und seiner Familie kamen böse Erinnerungen hoch. Erinnerungen an die Zeit, als die Krankheit auf den Hof kam. Kühe, die sich nur mit Mühe und unter Schmerzen auf den Beinen halten konnten, schlimm abgemagert. Schließlich starben sie. Zwischen 2006 und 2012 sind auf dem Hof so 600 Tiere verendet.

Landwirte verloren Tausende Tiere

Prof. Monika Krüger
"Wir haben festgestellt, dass Glyphosat auf die gesundheitsfördernden Bakterien abtötend wirkt", sagt Professorin Monika Krüger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Suche nach den Ursachen dauerte Monate. Wissenschaftler der Universität Leipzig identifizierten in der Herde einen hochpathogenen Erreger: Clostridium Botulinum. Doch es war nicht dieser Erreger allein. Aus Sicht der Experten musste noch etwas hinzukommen, um die Tiere anfällig für diesen Erreger zu machen: eine Substanz, die sie überall fanden: im Urin der Tiere, im Futter, sogar in der Stallluft: das Pestizid Glyphosat.

"Wir haben festgestellt, dass Glyphosat auf die gesundheitsfördernden Bakterien abtötend wirkt", sagte Professorin Monika Krüger im Jahr 2012. "Während pathogene oder krankheitsauslösende Bakterienspezies durch das Glyphosat nicht beeinträchtigt werden. Sie können also an Masse, zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt, gewinnen."

Aus Sicht der Wissenschaftlergruppe um Krüger ist es das Pflanzengift, das seit Jahrzehnten in steigenden Mengen auf Deutschlands Feldern versprüht wird, das zu den Problemen auf Kuders Hof beitrug. Doch nicht nur in seinem Betrieb gab es solche Probleme. Vor allem in Norddeutschland waren seit Mitte der Neunziger Jahren zahlreiche Höfe betroffen. Die Landwirte verloren Tausende Tiere.

Kuder litt unter ähnlichen Symptomen

Exakt die Story "Glyphosat - Tote Tiere, Kranke Menschen"
Mario Kuder leidet unter ähnlichen Symptomen wie seine Tiere. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch gesundheitliche Probleme gab es nicht nur bei den Tieren. Auch Kuder litt seitdem unter ganz ähnlichen Symptomen wie seine Kühe: Muskelschwäche, Schmerzen, Schlappheit. "Die Muskelkraft ist so geschwächt, dass ich die Kraft von einem 13-Jährigen habe", sagte der Landwirt. 2012 konnte Kuder keine Wasserkästen mehr tragen, dies musste seine Frau Bettina für ihn erledigen.

Fünf Jahre sind seitdem vergangen. Die Tierärztin und Mikrobiologin Krüger ist inzwischen in Pension. Doch sie hält noch immer Vorträge zum Thema Glyphosat – und sie warnt vor dem Totalherbizid. "Ich halte Glyphosat für schädlich für Lebewesen auf diesem Erdball. Und es betrifft sowohl Kleinst-Lebewesen im Boden, im Magen-Darm-Trakt, als auch Großlebewesen wie Tiere und Menschen", sagt Krüger. Sie hält Glyphosat für eine Bedrohung und sie "will die Leute wachrütteln".

Nicht mehr mit Glyphosat in Berührung

Landwirt Kuder hat aktuell nur noch wenige Bullen im Stall. Bei ihnen achtet er sorgfältig darauf, dass sie nicht mit Glyphosat in Berührung kommen – ebenso wie er selbst. Gesundheitlich geht es ihm heute besser. "Ich würde sagen, dass so 80 Prozent wieder hergestellt sind", sagt Bettina Kuder über ihren Mann. Die Getränkekisten könne er wieder tragen.

Auch die Ärztin, die Kuder seit seiner schweren Erkrankung behandelt, ist zufrieden. Bei der Frage nach dem "Warum", antwortet Annette Weiß: "Mit dem heutigen Wissen denke ich schon, dass Glyphosat dabei eine wesentliche Rolle gespielt hat." Aus ihrer Sicht habe Glyphosat einen negativen Einfluss auf Bakterien und auch auf die Darmflora. Durch Glyphosat werde die Abwehrfunktion der Darmflora geschädigt.

Anders sehen das die deutschen Behörden, allen voran das Bundesinstitut für Risikobewertung. Dort verneint man Risiken dieser Art durch Glyphosat.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 06.12.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2017, 16:46 Uhr

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4 Kommentare

07.12.2017 08:51 Peter Hoffmann 4

Sehr geehrte Redaktion,
als praktizierender Landwirt fand ich Ihre Berichterstattung dieses Themas sehr einseitig.
Denn Sie sind nicht der Frage hinterher gegangen wie denn das Glyphosat in solch letaler Dosis in den Kuhstall gekommen ist...
Bei fach- und sachgerechter Anwendung ist dies quasi unmöglich und kein Pflanzenschutzmittel hat eine Zulassung innerhalb eines Stalles.
Es wäre zu Fragen, in wie vielen Betrieben, die mit Glyphosat arbeiten, Kühe halten und Gülle ausbringen, lässt sich ein gleiches Schadbild feststellen oder ist das hier ein Einzelfall???
Vom öffentlich rechtlichen Fernsehen darf man eine Berichterstattung erwarten, die alle Seiten eines Problems beleuchtet und keinen einseitigen Populismus!!!

07.12.2017 07:38 Knuffl 3

"Zwischen 2006 und 2012 sind auf dem Hof so 600 Tiere verendet. "

ich möchte das keinesfalls in Frage stellen, aber warum sind auf dem einen Hof 600 Tiere gestorben und auf allen anderen keine?
Hat das noch niemand hinterfragt?

07.12.2017 07:06 Axel 2

MDR-Redaktion,

ich möchte für folgende Behauptungen von Ihnen die Quellen benannt bekommen!

1. "das seit Jahrzehnten in steigenden Mengen auf Deutschlands Feldern versprüht wird,"
Um wieviel Prozent ist die ausgebrachte Menge jeweils zum Vorjehr (!) gestiegen?

2. "Vor allem in Norddeutschland waren seit Mitte der Neunziger Jahren zahlreiche Höfe betroffen. Die Landwirte verloren Tausende Tiere."
Wieviel Höfe waren betroffen? Warum wurde darüber nicht in den norddeutschen Medien berichtet? Haben die norddeutschen Medien die Öffentlichkeit jahrelang BELOGEN?

06.12.2017 21:01 Viola Einert-Krug 1

Es ist wirklich ein Skandal, wie leichtfertig mit der Gesundheit und unserer Umwelt umgegangen wird. Denken die Verantwortlichen denn gar nicht an die Zukunft?! Haben diese Leute weder Kinder noch Gewissen? Wir leben auch am Stadtrand und haben öfters diese Giftspritzen gesehen und gerochen. Wir fühlen uns nicht mehr wohl und sind überzeugt, dass der Konsum Überfluss definitiv zu Lasten der Natur geht. Es muss auch anders gehen! Wenn selbst der kleinste Zweifel besteht, sollte darauf verzichtet werden. Können die Verantwortlichen eigentlich noch ruhig schlafen und welche Konsequenzen erwarten eigentlich Herr Schmidt?

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