exakt | 01.11.2017 Kein Gebärdensprachkurs für hörgeschädigten Jungen?

Max aus Halle ist drei Jahre alt und hat neben etlichen körperlichen Problemen auch eine hochgradige Schwerhörigkeit. Vor kurzem wurden ihm Cochlea-Implantate eingesetzt, die perspektivisch das Hören ermöglich sollen. Doch das ist ein langer Weg. Die von der Mutter beantragten Gebärdensprachkurse - für sie und ihn - werden abgelehnt, mit der Begründung, man wolle sehen, wie sich Max mit den Implantaten entwickelt. Laut Anwalt der Familie rechtswidrig.

Der dreijährige Max leidet an einem angeborenen schweren Hörfehler. Anfang des Jahres wurden ihm zwei Cochlear-Implantate eingesetzt, mit deren Hilfe er hören lernen soll. Alle zwei Wochen müssen er und seine Mutter Karin Schulz nun in die Uniklinik Leipzig. Weil er fast taub ist, hat Max bisher nicht gelernt zu sprechen, kann sich nur schwer verständigen. Wie lange es dauern wird, bis Max mit den Implantaten hören kann, ob es überhaupt funktioniert und ob er sprechen lernen wird, ist völlig unklar. Deswegen braucht er nach Ansicht seiner Mutter unbedingt eine alternative Kommunikationsmöglichkeit.

Mutter mit Kind
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Die Hallenserin möchte, dass Max Gebärdensprache lernt. Deshalb beantragt Karin Schulz zwei Haus-Gebärdensprachkurse bei der Stadt Halle, einen für Max und einen für sich selbst. Bisher versucht sie es autodidaktisch, aber das ist schwer. Doch das Sozialamt Halle lehnt die Finanzierung eines Gebärdensprachkurses für Max ab und bietet lediglich 68 Euro pro Woche für eine hörspezifische Förderung an. Doch die angebotene Förderung deckt die Kosten für einen Gebärdensprachkurs für Max bei weitem nicht ab.

Katrin Schulz lernt momentan die Gebärdensprache mit Hilfe einer App, um sich so mit ihrem Sohn zu verständigen. Der Gebärdensprachkurs, den sie für sich selbst beim Jugendamt beantragt hat, wurde ebenfalls abgelehnt. Ihr Anwalt Alfred Kroll hält das für rechtswidrig, da eine Kommunikation mit dem Kind, allein durch das Einsetzen der Implantate, noch nicht gewährleistet sei.

Max' Entwicklung ist stark beeinträchtigt

Gerade bei Kindern wie Max ist eine besondere Förderung notwendig. Der Dreijährige hat schon einige Zeit in Krankenhäusern verbracht. Gleich nach der Geburt wird er operiert, weil ihm ein künstlicher Darmausgang gelegt werden muss. Neun Tage später hat er die nächste OP, Max hat einen schweren Herzfehler. Neun Stunden dauert dieser Eingriff. Seine Entwicklung leidet unter den gesundheitlichen Problemen. Ein Gutachten der Uniklinik Leipzig kommt eindeutig zu dem Befund: "Die Testdiagnostik ergab eine Entwicklungsverzögerung von mindestens 1 bis 1,5 Jahren."Eine Förderung der Sprachentwicklung (laut- sowie gebärdensprachlich) wird für die geistige und psychosoziale Entwicklung ausdrücklich empfohlen …" Offenbar floss dieses Gutachten nicht in die Entscheidung der Stadt Halle ein.

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Im Februar haben Max und seine Mutter ein Gespräch im Sozialamt Halle, bei dem vier Mitarbeiterinnen anwesend sind. Kein Arzt, kein Fachmann für Hörschäden oder hörgeschädigte Kinder begutachtet den Jungen. Für Anwalt Alfred Kroll ist das ein glatter Rechtsbruch. Die Behörde sei verpflichtet, drei Gutachter den betroffenen Eltern zu benennen, aus denen die Eltern dann einen aussuchen können, erklärt der Anwalt. Dieses gesetzlich vorgeschriebene Prozedere werde bundesweit von vielen Behörden häufig ignoriert, beobachtet Anwalt Kroll weiter.

Die Stadt Halle verweist auf Anfrage von "exakt" auf die Sozialagentur Sachsen-Anhalt. Die sei für den Fall zuständig. Dort wiederum will man sich nicht äußern, weil eine Klage anhängig ist. Bevor die vor Gericht landet, werden wahrscheinlich noch Monate ins Land gehen.

Katrin Schulz hat eine Spendenaktion im Internet gestartet. Von dem eingesammelten Geld kann sie jetzt einen Gebärdensprachlehrer wenigstens für ein paar Stunden bezahlen. Eine dauerhafte Lösung ist das jedoch nicht.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 01.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 21:49 Uhr

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2 Kommentare

03.11.2017 14:56 Ilona Stammwitz 2

Mein Sohn ist auch hochgradig schwerhörig geboren. Mittlerweile ist er 28. Wir haben zuerst damals nur Hörgeräte bekommen, und uns mit Lautsprache abgequält. Dann ging er 1 Jahr in einen Regelkindergarten. Er war einsam und wir entschieden uns ihn nach Leipzig in die Samuel-Heinicke-Schule gehen zu lassen. In der Schule wurde Lautsprache-Unterricht gegeben. Mit 8 bekam er endlich ein CI. Aber in dieser Schule ist er unter gleichbehinderten Kindern aufgeblüht, er hat die Gebärde ganz von allein gelernt. Er hat es mit viel Mühe zum Erzieher für Schwerhörige geschafft. Ist einer der zufriedensten und glücklichsten Menschen, die ich kenne. Kann Gebärde und mit uns hörenden spricht er Lautsprache. Inklusion hin oder her, aber die Behinderung bleibt. Ich selbst als Mutter bin traurig, dass so gute spezialisierte Schulen kaputt gemacht werden, statt die Kinder ihre Behinderung annehmen zu lassen und ihnen Raum für ihr Leben zu lassen.

02.11.2017 19:05 Lisanne Krause 1

Mein Sohn Amadeus ist hörend, 1 Jahr und 4 Monate alt. Er kann schon viel Gebärdensprache und er spricht auch schön. Die kleinen Kinder lernen schneller als Erwachsene. Die Gebärdensprache ist ganz wichtig um uns zu verstehen und sich uns gegenüber auszudrücken. Wie bitte, ein kleiner Junge hat 2 Implantate, die Eltern möchten einen Gebärdenkurs und die Unterstützung wurde abgelehnt? Die Ablehnenden müssen sich richtig schämen. Mein Sohn kann soviel Wörter mit Gebärdensprache. Max ist 3 Jahre alt und versteht leider keine Wörter. Wacht auf, Max wird in 3 Jahre eingeschult. Ihm hilft die Gebärdensprache auch beim sprechen. Er muss beides können. Ich habe auch ein Implantat, spreche und kann Gebärdensprache. Er kann sich doch mit Gebärde alles viel besser vorstellen und merken. Die Eltern sind traurig, der Staat und das Jugendamt bezahlen nicht für Max die Kommunikation mit Gebärde.