Johannes-Wilhelm Rörig, beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs,
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

FAKT Interview "Sexuelle Gewalt findet überall statt"

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht im Interview mit FAKT darüber, wie man Missbrauch verhindern kann und warum sich Islamverbände dem Thema nur langsam öffnen.

Johannes-Wilhelm Rörig, beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs,
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie kann man Kinder in Einrichtungen wirksam vor sexueller Gewalt schützen?

"Es ist wichtig, dass eine Einrichtung, eine Kirchengemeinde, ein Sportverein, einen Verhaltenskodex aufstellt, klare Regeln, wie man mit Nähe und Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern umgeht. Wichtig ist, dass vertrauensvolle Ansprechpersonen benannt werden, an die sich Kinder, denen Erwachsene beispielsweise zu nahe gekommen sind, wenden können. Das ist wichtig, dass ein Beschwerdemanagment in einer Einrichtung eingeführt wird. Das sind etwa Bausteine eines Schutzkonzeptes."

"Gemeinsam mit den Dachorganisationen der Zivilgesellschaft, den Kirchen, mit der Wohlfahrt, versuche ich, dass in möglichst allen Einrichtungen in Deutschland solche Schutzkonzepte zur Anwendung kommen. Ich rede da über mehr als 50.000 Kindertagesstätten, über mehr als 90.000 Sportvereine, in die Kinder tagtäglich und jede Woche gehen und ich rede über die mehr als 30.000 Schulen in Deutschland."

Was bringen solche Schutzkonzepte?

"Wenn in einer Struktur klar gesagt wird, dass man sexuelle Übergriffe überhaupt nicht duldet, beispielsweise auch keine sexualisierte Sprache und dass jegliche sexuelle Handlungen zu unterlassen sind, dass ganz klar formuliert wird, dann schränkt sich der Spielraum für die Täter auch erheblich ein. So können Täterstrategien wirksam durchkreuzt werden. Missbrauch geschieht nie durch Zufall. Missbrauch ist eine strategisch geplante Tat. Missbraucher suchen sich ihre Opfer langfristig aus und testen aus, wie weit sie gehen können."

"Es ist für die Kinder besonders gefährlich, wenn das Thema tabuisiert wird und wenn keine Schutzmechanismen eingebaut sind in den Qualitätsprozess einer Einrichtung. Wir wissen aus der Forschung, dass Täter dann sich eher zurück ziehen, wenn das Thema offen angesprochen wird, wenn es eine klare Beschwerdestruktur gibt und wenn es ewa einen Notfallplan gibt in einer Einrichtung, in der ganz klar gesagt wird, auch den Kolleginnen und Kollegen, den Fachkräften beispielsweise in einer Schule oder einer Kita: Wenn ihr eine Vermutung oder einen Verdacht habt, dann meldet euch bei der und der Person, dann können wir in Ruhe diesen Verdacht abklären. Alleine eine solche Struktur erhöht schon die Hürde für die Verwirklichung von Sexualstraftaten gegen Kinder und Jugendliche."

Sie haben auch versucht, die großen islamischen Dachverbände dazu zu bewegen, solche Schutzvereinbarungen zu unterzeichnen. Bis auf den Zentralrat der Muslime kam aber bisher keine Kooperation zustande. Warum nicht?

"Es ist tatsächlich so, dass viele eine ganz große Scham haben, über das Geschehene zu sprechen. Es ist ein verstörendes Thema. Und  es ist so, dass der Institutionenschutz, beispielsweise, wenn in einer Moschee ein Fall auftritt, wenn in einer Kirche ein Fall auftritt, gibt es immer noch Verantwortliche, die meinen, es ist besser, zu dem Thema zu schweigen, es möglichst unter den Teppich zu kehren und nicht offen aufzuarbeiten und Transparenz zu schaffen und darüber auch zu verhindern, dass andere, noch weitere Kinder Opfer von Sexualtätern in ihren jeweiligen Strukturen werden."

"Ich rufe alle dazu auf, sich in dem Thema zu engagieren und nicht zu hoffen, dass es, nur weil es in dem religiösen Wertesystem klar formuliert ist, dass kein Missbrauch an Kindern statt finden darf, sich darauf zu verlassen, dass das ausreicht. Das reicht auf gar keinen Fall. Jede Struktur braucht ein Schutzkonzept, braucht Gebote und Verbote, was zulässig ist und was dringend unterlassen werden muss. Nur so können wir Kinder wirksam vor sexueller Gewalt schützen."

Was entgegnen Sie denn dem Argument, es ist im Islam streng verboten, so etwas zu tun, deswegen kommt es auch nicht vor?

"Sexuelle Gewalt findet in allen Kontexten statt. Sexuelle Gewalt findet in allen religiösen Kontexten statt, aber auch im Sport und vornehmlich im familiären Kontext. Sexuelle Gewalt findet in gebildeten Elternhäusern statt und in ungebildeten, in rein deutschen oder ausländischen Haushalten. Experten, die seit Jahren im Dunkelfeld forschen und Interviews führen, bestätigen genau das, was ich eben gesagt habe."

"So müssen wir auch Prävention ansetzen und schaffen, dass alle Handlungsmöglichkeiten zum Schutz für Kinder und Jugendliche auch politisch genutzt werde, so dass wir endlich in Deutschland beispielsweise von den immer noch ungebrochen hohen Fallzahlen runter kommen. Wir haben in Deutschland immer noch 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in jedem Jahr."

"Man kann aus der Dunkelfeldforschung ableiten, dass die Hellfeldzahlen, also die, die in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik jedes Jahr veröffentlicht werden, um ein fünffaches oder sechsfaches höher sind. Wir müssen im Moment davon ausgehen, dass in Deutschland in jedem Jahr ungefähr 100.000 Fälle von sexueller Grenzverletzung, sexuellen Übergriffen und sexuellem Missbrauch stattfinden."

Aber beispielsweise in einem sehr konservativen Moscheeverein, ist das nicht fast utopisch, dass man es da erreicht, über sexuellen Kindesmissbrauch offen zu sprechen?

"Es darf nicht utopisch sein. Der Weg ist schwer, da sind sehr viele Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Aber es gibt aus meiner Sicht, wenn man den Kinderschutz ernst nimmt, keine Alternative zu wirksamen Präventionsmaßnahmen und wirksamen Hilfestrukturen in den jeweiligen Einrichtungen. Ich wünsche mir, dass die muslimischen Verbände das Thema Schutz der Kinder, Schutz muslimischer Kinder vor sexueller Gewalt ernst nehmen. Ich wünsche mir, dass sie sich nicht allein hinter den wichtigen Aussagen im Koran verstecken, sondern dass sie Schutzmaßnahmen in den religiösen Alltag mit einbauen um dadurch dann wirklich die Kinder wirksam zu schützen."

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 10.10.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2017, 11:40 Uhr