Kinder sitzen auf Teppichboden und umringen eine stehende Person
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

FAKT | 10.10.2017 Kindesmissbrauch in Moscheen

Es ist bislang ein verschwiegenes Problem – doch es ist ein relevantes Problem. Das Tabu wird nur ganz zögerlich gebrochen.

Kinder sitzen auf Teppichboden und umringen eine stehende Person
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Der Sechsjährige hat der Mutter erst Stunden später erzählt, was ihm angetan wurde. Er berichtete es ihr auch nur, weil seine Verletzungen nicht zu verbergen waren. Der Koranlehrer hatte dem Jungen gedroht, ihn und seine ganze Familie umzubringen, wenn er darüber redet.

"Er sagte: Der Koranlehrer hat mich auf die Toilette mitgenommen, weil er dort Kekse und Saft für mich versteckt hatte", berichtet die Mutter. Sie möchte zum Schutz ihres Kindes anonym bleiben. Auf der Toilette habe der Lehrer das Kind dann ausgezogen.

Die Eltern rufen die Polizei und den Rettungsdienst. Im Arztbericht heißt es: Verdacht auf Vergewaltigung. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen Vollzuges des Beischlafs oder ähnlicher sexueller Handlungen mit einem Kind. Der Sechsjährige ging vor der Tat schon ein knappes halbes Jahr in die Koranschule einer Berliner Moschee - immer samstags. Insgesamt 70 Kinder werden dort unterrichtet. Der Täter war sein Lieblingslehrer.

Erwachsene berichten, was ihnen als Kindern angetan wurde

Mimoun Azizi
Der muslimische Arzt Mimoun Azizi meint: Kindesmissbrauch in Moscheen ist ein durchaus relevantes Problem. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ist das ein Einzelfall? FAKT recherchiert: Die Redaktion fragt alle Polizeidienststellen größerer Städte in Deutschland an. Das Ergebnis: nur vier angezeigte Fälle in den letzten fünf Jahren. Doch der muslimische Arzt Mimoun Azizi meint: Kindesmissbrauch in Moscheen ist ein durchaus relevantes Problem. Ihm als Neurologe und Psychiater berichten Erwachsene, was man ihnen als Kinder angetan hat.

"In den letzten 15 Jahren ist es eben häufiger vorgekommen, dass ich dann Patienten behandelt habe, die tatsächlich auch missbraucht worden sind", sagt Azizi. Dieses Problem gebe es nicht nur bei deutschen Muslimen, sondern er habe es auch bei Flüchtlingen beobachtet. Einige hätten berichtet, dass sie dies in den jeweiligen Ländern ähnlich erlebt haben.

Doch darüber zu reden fällt den Opfern extrem schwer. Dass Kinder in Moscheen missbraucht werden, daran zweifelt der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, nicht. Er kümmert sich seit den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche um Prävention und Aufarbeitung von sexueller Gewalt gegen Kinder.

Begünstigende Strukturen für sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind immer Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, geschlossene Strukturen, in denen es machtvolle einzelne Personen gibt. Und begünstigend ist auch, wenn Sexualität mit einem starken Tabu belegt ist.

Johannes-Wilhelm Rörig

Inzwischen kooperieren die Kirchen, was die Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch angeht. Wie viele Sport- und Kulturverbände haben sie eine Schutzvereinbarung mit dem Beauftragten abgeschlossen. Damit verpflichten sie sich etwa, dass alle Mitarbeiter, denen Kinder anvertraut sind, ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen und dass es regelmäßige Schulungen zum Thema sexuelle Gewalt gibt. Zudem müssen Personen benannt werden, an die sich Betroffene wenden können.

Dieses Jahr hat der Zentralrat der Muslime eine Vereinbarung mit dem Missbrauchsbeauftragten unterschrieben, ein solches Schutzkonzept umzusetzen. Bislang als einziger muslimischer Verband. Auf die FAKT-Anfrage antworten der Islamrat und die Alevitische Gemeinde telefonisch, dass sie nun gern mit dem Beauftragten in Kontakt treten möchten. Sie seien offen für das Thema. Auch der Verband der Islamischen Kulturzentren möchte sich auf zeitnah mit Missbrauchsbeauftragtem treffen. Den Wunsch nach einem Treffen äußert auf einmal auch die türkisch-islamische Anstalt für Religion, DITIB – nachdem es zwei Jahre lang nicht zum Gespräch gekommen war.

Absolutes Tabuthema: Leidtragenden sind die Opfer

Dieser erste Schritt und ein offener Umgang mit diesem Thema ist dringend notwendig. Denn sexueller Missbrauch von Kindern – erst recht im Zusammenhang mit Moscheen oder Imamen – ist unter Muslimen ein absolutes Tabu. Die Leidtragenden sind die Opfer -  wie der Sechsjährige aus Berlin. Seine Mutter erlebt ihn nach der Tat als vollkommen verändert: "Er hat Angst, wenn ich ihn ausziehe, schreckliche Angst. Es hat drei Tage gedauert, bis ich ihn baden konnte. Es muss jetzt immer jemand mit ihm auf die Toilette, er will nicht alleine gehen. Und er hat immer schreckliche Angst, auch wenn er schläft, er schreit im Schlaf."

Nach Angaben der Familie habe der Vorstand der Moschee ihnen viel Geld geboten, wenn sie schweigen. Als sie dennoch die Polizei riefen, setzte der Täter sich sofort ins Ausland ab. Die Familie möchte das Schweigen brechen  - auch wenn sie zum Schutz ihres Kindes anonym bleiben wollen.

"Ich erhoffe mir von diesem Interview, dass, wenn andere Kinder in Moscheen missbraucht wurden, dass sie sich bei den Eltern melden", erklärt die Familie des Sechsjährigen. "Oder die Eltern, hört mich, es ist nicht so schlimm, ihr könnt zur Polizei, zum Krankenhaus gehen. Ihr könnt anonym sein, so wie wir." Denn bislang gibt es für betroffene Muslime so gut wie keine Beratungsstellen, auch speziell geschulte Therapeuten fehlen.

Mehr zu diesem Thema bei FAKT in Das Erste: Fernsehen | 10.10.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2017, 10:21 Uhr

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23 Kommentare

12.10.2017 16:02 aus Sachsen und denkt 23

Lieber Frederic, die Korrelation besteht nicht zwischen Religion und Missbrauch, sondern zwischen autoritären Strukturen und Missbrauch.
Genau deswegen ist das Vertuschen der Eltern auch absolut verständlich (wer sowieso schon unten in der sozialen Hackordnung steht, legt sich nur schwer mit dem Chef der Gemeinschaft an und wird als Folge dessen nicht selten von den anderen Mitgliedern zusätzlich geächtet). Um so mehr bewundere ich die im Beitrag genannte Familie.

Die Alphatiere vom Thron holen ist m. E. deshalb zielführender als Religionsbashing.

12.10.2017 11:34 Frederic 22

Das - was nun "aufgedeckt" wurde, ist nur die Spitze des Eisberges. Das passiert bei den Katholiken und den Islamisten schon seit TAUSENDEN von Jahren. Man sollte nicht so tun, - als wäre das nicht längst bekannt.
Es wird meist von den Eltern der Kinder vertuscht. Was im Grunde unverständlich ist-- Glaube auch, gerade bei den Islamisten gibt es mehr Homos als man sich vorstellen kann. Die Frage bleibt, welche Strafe bekommt der Täter - würde sagen lächerlich!

12.10.2017 10:47 Querdenker 21

Aischa war die jüngste Ehefrau von dem Religionsgründer Mohammed.

siehe „Wiki Aischa bint Abi Bakr“
Zitat: „Im islamischen Schrifttum wird Aischas Alter bei der Eheschließung mehrheitlich mit sechs bzw. sieben Jahren, beim Vollzug der Ehe mit neun bzw. zehn Jahren verzeichnet.“

siehe „N-TV Lust auf die eigene Tochter Inzest-Fatwa war Übersetzungsfehler“
Zitat: „Es sei ebenfalls keine Sünde, wenn ein Vater seine Tochter "ansieht und dabei Lust empfindet". Das Mädchen müsse aber "älter als neun Jahre" sein. … … Die Standardantwort seiner Behörde bei entsprechenden Anfragen lautet indes, dass inzestuöse Lust eine "pathologische Anomalie" sei.“

Über den Inzest wurde sich in der Türkei aufgeregt und die Veröffentlichung deshalb wieder entfernt. Das Alter mit den 9 Jahren war aber kein Thema. Diyanet ist die höchste islamische Autorität in der Türkei . Etwa jede 4. Ehe ist in der Türkei eine Kinderehe (siehe mein Beitrag 8). Sie wollen es offenbar dem Religionsgründer gleich tun.

11.10.2017 20:29 aus Sachsen und denkt 20

@Querdenker: genau das meine ich mit dem autoritären Familienvater: es ist eher das Ausleben des vermeintlichen Herrschaftsanspruchs als Mann, und der muss dann absolut keine Religion als Feigenblatt hernehmen (@D.o.M.). Der guckt weder in Koran noch Bibel, sondern sich bloß in die Hose ... aha, ist noch da, also bin ich der Größte.
Bitte nicht missverstehen, ich bin kein Männerfeind, aber solche narzisstischen Alphatiere sind das Problem; ich denke, Mohammed war (auch) genau das. Und leider ist er durch diese Religionsstiftung zum Vorbild und zur Ausrede für gewissenlose Typen geworden.

"Und begünstigend ist auch, wenn Sexualität mit einem starken Tabu belegt ist." - ist m. E. Kernargument. Und eines für die zeitige Aufklärung, auch schon in geeigneter Form vor der Schulzeit. Hat mit der befürchteten Frühsexualisierung nichts zu tun.

Hut ab vor dem Mut der oben genannten Familie!

11.10.2017 16:51 Querdenker 19

@aus Sachsen und denkt 14 - - - Zitat: „zum -zigsten Male, damit es endlich verstanden wird: pädophil sein per se ist KEINE Straftat, nur das Ausleben.“

Das ist soweit korrekt.

Dennoch haben hier einige ggf. einen Denkfehler! Es wird dem Imam unterstellt, dass er unter Pädophilie (das *primäre* sexuelle Interesse an Kindern) leidet. Das muss *absolut* nicht sein! Ich will es mal auf eine stark vereinfachte Kurzformel bringen: Kleine minderjährige Mädchen werden früh (zwangs)verheiratet, (auch) damit das Jungfernhäutchen noch ganz ist (was folgt ist oft Kindesmissbrauch). Verheiratete muslimische Frauen sind tabu. Frauen in der Öffentlichkeit sind Tabu. Was ggf. bleibt sind minderjährige „Lustknaben“, an denen der Mann sich befriedigen kann (und Pornos). Siehe hierzu meine Beiträge davor. ...und im Paradies warten die Jungfrauen.

11.10.2017 16:10 Querdenker 18

In der Bibel gibt es genug Stellen, die den Missbrauch von Kindern verdammen. An einer Stelle ist sogar vom „Knabenschänder" die Rede. Die Täter machen sich vor Gott demnach schuldig. Gibt darüber auch genug Internetseiten.

Im Islam hingehen, sieht das offensichtlich etwas anders aus, denn da wird nach einer Legitimation gesucht und sie wird in sehr konservativen Kreisen ohne Probleme gefunden (siehe mein Beitrag 8). Wie kann es auch anders sein, wenn der Gründer der Religion selbst eine äußerst junge Frau hatte.

Auch daran erkennt man den Unterschied zwischen Bibel und Koran. Und deswegen wird es auch viel schwerer sein, dagegen vorzugehen. Weil man immer wieder auf die konservativen Lehren zurückfallen wird. Und den Islam kann man auch nicht reformieren, denn Reformation bedeutet vom wörtlichen Sinn her eine Zurück (Re) Gestaltung (Formation). Also es geht darum zurück zu den Ursprüngen der Religion zu kommen. Der Ursprung vom Islam ist Mohammed.

11.10.2017 15:50 Fragender Rentner 17

Zitat von Oben: Kindesmissbrauch in Moscheen

Das kann doch nicht war sein, was wird denen unterstellt?

11.10.2017 15:37 Sachse 16

@Heide und Sympatisanten: Das gilt auch für "aufgeklärte" Atheisten und sogar für Bundestagsabgeordnete der "Volksparteien"

11.10.2017 15:34 D.o.M. 15

@aus Sachsen und denkt 14 "....Auch ein autoritärer atheistischer Familienvater..." Der macht das aber nicht zynischerweise unter dem Deckmantel irgendeines mittelalterlichen Glaubens, der ihm dann auch noch per Grundgesetz geschützt wird.

11.10.2017 14:55 aus Sachsen und denkt 14

@part: zum -zigsten Male, damit es endlich verstanden wird: pädophil sein per se ist KEINE Straftat, nur das Ausleben.

@Heide "Das ist alles so pervers in unserem ehemals schönem Deutschland." - Genau, den Missbrauch z. B. auch in Kirchenkreisen, Heimen etc. gibt es ja erst, seit es rausgekommen ist, gelle ...

Das Zitat "Begünstigende Strukturen ..." (s. o.) trifft doch den Punkt. Es geht eben NICHT um Hetzvorlagen gegen Moslems, Kirchen oder dergleichen. Auch ein autoritärer atheistischer Familienvater wäre eine solche begünstigende Struktur. Oder eine straffe Führungsorganisation z. B. in einer politischen Partei, die das Autoritäre zum Ideal erhebt.