Hand drückt eine Kanüle in die Haut
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

FAKT-Hintergrund Informationen zum Lymphödem

Es gibt nur Schätzungen dazu, wie viele Menschen in Deutschland unter einem Lymphödem leiden. Diese reichen bis zu 1,5 Millionen. Mehrere Hunderttausend davon dürften von einem schweren Lymphödem betroffen sein.

Hand drückt eine Kanüle in die Haut
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Das Lymphsystem als Leitungsbahn für Flüssigkeiten ist nicht so bekannt wie der Blutkreislauf, stellt aber neben diesem das wichtigste Transportsystem im menschlichen Körper dar. Die Lymphflüssigkeit (Lymphe) entsteht an den kleinsten Blutgefäßen, wo das Gewebe mit Blutplasma durchtränkt wird (zum Zweck der Ernährung und Abtransport von Stoffwechselprodukten). Da die groben Abfallprodukte die Wand der Blutgefäße nicht durchdringen können, bleiben sie zurück, als Teil einer Art Gewebsflüssigkeit. Diese wird durch das Lymphsystem abtransportiert.

Ist dieser Transportweg gestört, so kommt es zu Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe, eben dem sogenannten  Lymphödem. Die Flüssigkeit sammelt sich in den Zellzwischenräumen an und führt zu Schwellungen der betroffenen Körperteile. Die häufigste betroffene Region sind die Beine, dann folgen Arme. Aber auch andere Regionen des Körpers wie die Genitalregion oder das Gesicht können betroffen sein.

Grundsätzlich unterscheidet man ein primäres und ein sekundäres Lymphödem. Dem primärem Lymphödem liegt eine Entwicklungsstörung des Lymphgefäßsystems in der Embryonalphase zugrunde. Manchmal ist das daraus resultierende Lymphödem bereits bei der Geburt vorhanden, meist entwickelt es sich aber in der Pubertät. Demgegenüber ist das weit häufigere, sekundäre Lymphödem Folge einer Schädigung des Lymphsystems, die durch Unfall oder Operation oder nach der Behandlung bösartiger Tumore entstanden sein kann.

Ein Problem besteht darin, dass Lymphödeme als solche oftmals unerkannt bleiben, weil das Lymphsystem und die damit verbundenen Erkrankungen nicht nur in der Bevölkerung zu wenig bekannt ist, sondern weil auch unter Ärzten darüber häufig zu wenig Kenntnisse bestehen. Darauf weist der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie hin: Das Lymphödem habe schon im Medizinstudium einen zu geringen Stellenwert; mit der Folge, dass das eigentliche Problem, das die Patienten haben, mitunter lange unerkannt bleibt. Die Patienten kommen dann mit der Diagnose "dicker Arm" oder "dickes Bein" in die Praxis oder Klinik. In der Fachsprache: Die Erkrankung ist "unterdiagnostiziert". Und in der Folge auch unterbehandelt.

Zu unterscheiden ist das Lymphödem von einem zweiten Krankheitsbild, das ein ähnliches Erscheinungsbild bietet: das sogenannte Lipödem. Bei diesem - ausschließlich bei Frauen vorkommenden - Krankheitsbild steht aber nicht eine Flüssigkeit im Gewebe im Vordergrund, sondern eine Entzündung des Fettgewebes. Die Flüssigkeit spielt dabei eine untergeordnete Rolle,  die Therapie ist ähnlich jener des Lypoödems mit manueller Lymphdrainage und nachfolgender dauerhafter Kompression.

Patienten mit Lymphödem brauchen spezielle Behandlungen, vor allem bestimmte Massagen: sogenannte manuelle Lymphdrainagen. Dabei wird die Flüssigkeit im Gewebe mobilisiert, so dass sie wieder in Bewegung und in den Kreislauf gelangt und ausgeschieden werden kann. Praktisch immer muss diese Behandlung auch mit bestimmten Kompressionsbandagierungen einhergehen. Diese Behandlungen werden in der Regel ambulant durch speziell geschulte Physiotherapeuten durchgeführt. Durch sie lässt sich die Erkrankung beherrschen und in den meisten Fällen eine Verschlimmerung verhüten.

Es gibt aber auch Patienten, die ein so schweres Krankheitsbild aufweisen (oft auch in Verbindung mit anderen schwerwiegenden Krankheiten), dass diese regelmäßigen ambulanten Behandlungen, selbst wenn sie täglich durchgeführt werden, nur auf Zeit ausreichen. Da kann es dazu kommen, dass regelmäßig - einmal im Jahr, in sehr schlimmen Fällen auch zweimal im Jahr - Aufenthalte in speziellen Fachkliniken nötig werden, wo eine nochmal intensivierte Lymphdrainage und Kompression durchgeführt wird.

Die lymphologischen Fachkliniken, die diese Spezialbehandlungen anbieten, sind allerdings fast ausschließlich Reha-Kliniken. In normalen Akut-Krankenhäusern findet man diese Behandlungstechniken in der Regel nicht vor. Was zu dem Problem führt, dass Ärzte ihre Patienten, wenn sich ein Lymphödem akut stark verschlechtert, nicht einfach in eine Klinik einweisen können. Der Patient wird deshalb auf die Reha-Schiene gezwungen, um dann auch in eine spezialisierte Reha-Klinik gehen zu können. Dies bedeutet aber, dass erst mal ein Antrag gestellt werden muss. Und dieser Antrag muss von dem zuständigen Kostenträger - das kann die Krankenversicherung sein oder, bei noch Erwerbstätigen, die Rentenversicherung - genehmigt werden.

Das Problem ist aber, dass das Verfahren oft wochen-, manchmal monatelang dauert. Dies kann für Patienten, die ein sehr schweres Lymphödem haben, zum Problem werden - darum geht es in dem FAKT-Film.

Häufig treten Lymph- und Lipödem auch als Folge einer Adipositas auf, also eines krankhaften Übergewichts. In diesen Fällen steht nicht das Lymphödem als Erkrankung im Vordergrund, sondern die Adipositas. (Wobei es immer so ist, dass ein Lymphödem durch eine begleitende Adipositas verschlimmert wird.)

Zu konstatieren ist, dass es einen gewissen Druck in die Kliniken gibt, durch Menschen, die an der Krankheit Adipositas leiden. (Leider kommt es auch häufig zu Stigmatisierungen der betroffenen Patienten – obwohl die Adipositas eine von der WHO anerkannte Krankheit ist.) In diesen Fällen, in denen nicht das Lymphödem im Vordergrund steht, sondern das Übergewicht, sehen Experten es jedoch als verfehlt an, diese Patienten regelmäßig in Kliniken zu behandeln. Hier müsse in erster Linie die Adipositas behandelt werden, das damit einhergehende Lymphödem verbessere sich von allein. In ausgeprägten Fällen (z.B. 130 Kilo plus X) wird häufig eine bariatrische OP, also eine chirurgische Magenverkleinerung, als alternativlos angesehen.

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 11:58 Uhr