Eine Gruppe Jugendlicher vor einer Baracke
Eine Gruppe Jugendlicher vor einer Baracke des früheren KZ Buchenwald. Bildrechte: MDR/exakt

exakt exklusiv | 08.11.2017 Kultusministerien mehrheitlich gegen Pflichtbesuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert seit vielen Jahren einen Pflichtbesuch von Schülern in KZ-Gedenkstätten. Schüler aller Schularten sollten sich vor Ort mit der Geschichte auseinandersetzen. Die allermeisten Kultusminister und selbst die Gedenkstätte Buchenwald lehnen das jedoch ab.

Eine Gruppe Jugendlicher vor einer Baracke
Eine Gruppe Jugendlicher vor einer Baracke des früheren KZ Buchenwald. Bildrechte: MDR/exakt

Angesichts des nach wie vor bestehenden Problems des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft wird diskutiert, ob Schüler im Rahmen des Lehrplans pflichtgemäß eine KZ-Gedenkstätte besuchen sollten.

Josef Schuster
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Bildrechte: dpa

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert, dass alle Schüler der höheren Schulklassen eine KZ-Gedenkstätte besuchen müssen. Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster betont gegenüber dem MDR-Magazin, dass bei solch einem Pflichtbesuch an authentischen Orten das historische Geschehen begreifbarer wird als in Büchern oder Filmen.

Ich halte solche Besuche auch für Schüler mit Migrationshintergrund, also deren Vorfahren nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten, für sinnvoll. In der Gedenkstätte wird sichtbar, wohin die Diskriminierung und Verfolgung einer Minderheit im Extremfall führen kann.

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Auch Rolf Isaacsohn, der 84-jährige Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Leipzig, ist für Pflichtbesuche. Der Holocaust-Überlebende, der als Kind nach Theresienstadt deportiert wurde, sagte MDR-exakt: "Es ist wichtig, dass das heute weitergeführt wird, dass die Schulklassen, wie es zu schon zu DDR-Zeiten war, alle nach Buchenwald mussten. Freiwillig haben ja manche Scheu davor, das zu sehen oder zu erleben."

Rolf Isaacsohn wurde erst Mitte Oktober mit einer bedrückenden Situation konfrontiert. Am Rande des "exakt"-Interviews zur Erinnerungskultur in der Leipziger Innenstadt zeigte ein Passant den Hitlergruß. Der Vorfall hatte für Schlagzeilen gesorgt, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln.

KZ-Besuch zu DDR-Zeiten Pflicht

Eine Gruppe Jugendlicher stehen auf einem Weg hinter einem Sacheldrahtzaun.
Eine Schülergruppe besucht die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Bildrechte: MDR/exakt

Im Bildungssystem der DDR waren Besuche von KZ-Gedenkstätten verpflichtend für jeden Schüler - meistens im Rahmen der Jugendweihe.

Heute gibt es diese Pflichtbesuche kaum noch. Lediglich in Bayern steht für nahezu alle Schüler der Besuch einer KZ-Gedenkstätte im Rahmen einer Schulexkursion auf dem Lehrplan. Das ergab eine "exakt"-Umfrage unter allen 16 Kultusministerien der Bundesländer.

Kultusminister setzen auf Freiwilligkeit

Thüringens Minister für Jugend, Bildung und Sport, Helmut Holter (Die Linke), positioniert sich gegen einen im Lehrplan verordneten Gedenkstätten-Besuch. Zwang sei das falsche pädagogische Mittel, wie er im "exakt"-Interview erklärt: "Das ist für mich eine andere Herangehensweise. 'Ach, jetzt müssen wir dahin, jetzt müssen wir uns das auch antun.' Ich halte den Weg der Freiwilligkeit für den richtigen."

Auch die Gedenkstätte Buchenwald lehnt die Verankerung eines KZ-Besuchs im Lehrplan ab. Der Sprecher der Gedenkstätte, Dr. Philipp Neumann-Thein, teilte dem MDR-Magazin schriftlich mit: "Unsere jahrzehntelangen Erfahrungen zeigen, dass bei freiwilligen Gedenkstättenbesuchen die Eigenmotivation der Besucher deutlich höher ist, sich intensiv und nachhaltig mit Buchenwald und seiner Geschichte auseinanderzusetzen."

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 08.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 15:13 Uhr

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35 Kommentare

09.11.2017 10:52 Atze 35

Dieser Staat versucht jetzt gegenzusteuern, was er jahrzehntelang versäumt und auf der ganzen Linie versagt hat. Keine entsprechende kritische und ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Faschismus.
Jetzt geht es den Politikern darum, Schadensbegrenzung zu machen.
Schon lange ist ihnen aber das Ruder aus der Hand geglitten.Das zeigen die letzten Jahre, auch verschärft durch das Brennglas der Flüchtlingskrise.
Und immer noch zaudern die Kultusminister, da wird einem so richtig klar, dass wir in einer sehr präkären Situation sind.
Linke in Hamburg, Rechte, die nicht den Holocaust akzeptieren ....es spitzt sich zu in D.
Nach z.B. Sachsenhausen zu fahren, ist schon im Ansatz ein Bekenntnis zum Humanismus.Scheut das Jemand?

09.11.2017 06:32 REXt -Merkel hat fertig! 34

Der Pflichtbesuch hat so was von DDR Geschmack u. das will man vermeiden, obwohl wir ja schon einige Zeit in diese Richtung hin schlittern!

08.11.2017 22:13 der Uwe 33

@#26 : Sie haben es immer noch nicht geschnallt: ICH MUSS MICH FÜR KEINEN KRIEG ENTSCHULDIGEN, Sie könnten das in meinem Ausweis "nachlesen" . Diesbezüglich gehen mir Ihre "Relativierungsvorwürfe " am Allerwertesten vorbei. Wir leben im jetzt und heute, da liegt es näher , mal zu Fragen wer die letzten Weihnachtsmärkte oder Rockkonzerte nicht überlebt hat und ob aus der (Verursacher)- und geistiger Brandstiftungs- Richtung schon mal irgendwas wie Reue oder Bedauern geäussert wurde? Im übrigen sehe ich im Nationalismus nicht das Problem , man sollte bloß nicht AUSSCHLIESSLICH im historischen Müll wühlen, damit man den Blick auf's Wesentliche nicht verliert, denn die Gefahr, dass bei der nächsten Bücherverbrennung Goethe, Schiller, Heine oder Bibel an der Reihe ist, liegt näher als Sie denken, aber hoffentlich "relativieren " SIE jetzt nicht und wiegen es mit der Vergangenheit gegen... Im übrigen: In der Gedenkstätte Buchenwald war ich als Schüler, in Sachsenhausen als Privatbesucher .

08.11.2017 20:40 Dorfbewohner 32

“007 Merkel muss weg! 15

Niemand hat das Recht einem freien Bürger (auch nicht Minderjährigen) gegen seinen Willen Besuche in politischen- religiösen Einrichtungen, Anstalten oder KZ Städten der Gewalt des Verbrechens oder ähnlichen Orten vorzuschreiben. Das darf nur freiwillig sein sonst machen sich die Verantwortlichen gleich.”

Ich will mal zusammenfassen. Sie schreiben: “Niemand hat das Recht einem freien Bürger (auch nicht Minderjährigen) gegen seinen Willen Besuche in...KZ...vorzuschreiben...sonst machen sich die Verantwortlichen gleich.”

Mit was und mit wem machen die sich dann gleich?
Doch wohl nicht mit den Verursachern von dem, was die Kinder dort aber auch nur noch im Ansatz sehen würden?

Ich habe ja schon viel in meinem Leben hören müssen aber das wäre dann mit eines von dem Extremen! Ich hoffe, ich deute es falsch!

08.11.2017 19:26 Kritischer Bürger 31

@Gerald 18: Lag es dann bei der jeweiligen Schulleitung, die gegen poli. sozialistische Einheitsmeinung aufbegehrte oder war es rein finanziell? Das sollte man dabei auch nicht außer acht lassen, das es auch solche Schulleitungen gab. 1980 Neun Jahre vor der Wende gab es sicher schon viele Schulleiter die etwas toleranter gegenüber der sozialistischen Einheitsmeinung waren. Da könnte man sich fast heute auch wieder ein Beispiel nehmen und Schüler entscheiden lassen wo sie hin wollten wenn das Geld dazu usw....?

08.11.2017 19:17 Kritischer Bürger 30

@ Na so was 14: Ist auch garantiert das entsprechende Schüler mit entsprechendem Elternhaus diese Gedenkstätten,die Opfer usw.als das sehen was hier keiner wünscht?Das die damalige Herrschaft alles richtig gemacht hat.Auch diese Überzeugung sollte mit bedacht werden,denn daraus allein resultiert meinerseits das man mit solchen Besuchen KEINE PFLICHT MACHEN SOLLTE! Die Generation der damaligen Zeit ist heute fast ausgestorben+die Neuen vor denen man Angst hat+mit Hass überschüttet finden da dann nur das eine solche Art die einzige Antwort auf so viel Hass von der anderen poli. Seite sein möchte.Gerade diese ob nun zugewandert, pol.rechts od.links alles nur aus Überlieferungen,Schulkenntnissen etc. kennen,doch je nach Ansicht es auch so oder so richtig finden.Daher sollte man Geschichte = Geschichte sein lassen mit den Jahren sonst könnte man bis ins Mittelalter zurück gehen wo noch Hexen verbrannt wurden.Für diese Opfer des Glaubens gilt zu gedenken! Glaube+Koran sei auch angeführt!

08.11.2017 19:02 Kritischer Bürger 29

@Andreas 8: Ein Großteil der Eltern haben heute ganz andere Probleme, als so über eine Zeit die Auffassungen zu vermitteln, die in der Gesellschaft von heute ggf. sicher wieder vorkommen könnten, doch hat das andere Ursachen, wie man gerade sah und sieht zum Thema =andere poli. Parteien und Hass verbreitend VON BEIDEN POL. SEITEN=. Da ich damals schon keine Interesse an das Schicksal vom Menschen hatte, welche ich nicht kannte, habe ich NUR meine Schulkenntnisse an unsere Kinder weiter gegeben und das hat bis heute nicht geschadet wenn ich dazu ausführte: Ich kann nur aus dem Geschichtsunterricht meiner Zeit erzählen-selbst erlebt habe ich es nicht! Da nun aber Schule poli. ausgelegt wird, wie man es in einem entsprechendem System bedarf, sollte man diese Zeit so langsam NUR NOCH im Geschichtsunterricht erwähnen mehr nicht!

08.11.2017 18:48 Kritischer Bürger 28

Hr. Schuster: Zu DDR-Zeit war es Pflicht als Schüler der 8 - 10. Klasse POS! Ich habe mich für diese Zeitgeschichte wie dieses Geschehen NICHT INTERESSIERT,denn es fällt nicht in meine Lebenszeit+daher war diese Pflicht NUR eine Pflichtaufgabe mehr nicht! In späterer Lebenszeit war es für mich wichtiger diesem Sozialismus mit all seinen Vorteilen+Nachteilen zu erkennen+gegen die Nachteile in der Zeit von 1973 - 1989 vorzugehen mit Meinungsverbreitungen zwischen den Zeilen lesend+immer den Horch-Guck-Schnapp nicht in die Hände zu spielen. War wie das Spiel mit Katz und Maus! Also sollte man es auch heute bei der Freiwilligkeit belassen, denn LEIDER WIRD DIESE ZEIT von einer poli. Seite als das bezeichnet, was sie war, doch dabei wird die damalige Gegenwart DDR ff. bis 1989 und weiter im Heute dies mit entsprechender Überzeugung wieder salonfähig zu machen basierend auf die Geschichtsereignisse hochstilisiert als einzig wahre und zu lebenden Gegenwart = DEM HEUTE und der ZUKUNFT!

08.11.2017 18:46 Hippiehooligan 27

Besonders interessant ist, dass die gleichen Leute, die sonst ständig plärren, dass man sich mehr auf deutsche Kultur und Geschichte zurückbesinnen soll, diese 12 Jahre in der Geschichte am liebsten komplett totschweigen oder verdrehen.
Braune Doppelmoral die Dritte...

08.11.2017 18:39 Hippiehooligan 26

@Uwe ich hab zum Beispiel von diesen ständigen Relativierungen die Schnauze voll. Da wird die Teilung und Reparationen mit dem industriellen Massenmord an mehreren Millionen gleichgesetzt. Wie krank ist das denn eigentlich? Da kommt jemand und bringt deine ganze Familie um und für dich wäre nach der Zahlung von ein paar Euro alles wieder vergeben und vergessen?
Hört endlich mal auf mit diesem dämlichen Nationalismus und fängt an euch wieder wie Menschen zu benehmen. Ich würde den Besuch nicht nur gesetzlich vorschreiben sondern auch noch jeden zur Kasse bitten, der versucht sich zu drücken, denn ganz offensichtlich braucht die Gesellschaft diese Erinnerung im Moment mehr denn je...

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