Exakt | 19.07.2017 Mein Sohn, der Intensivtäter

Jens sitzt im Gefängnis. Seine eigene Mutter hat ihn angezeigt. Der 23-Jährige hat zahlreiche Straftaten begangen. Doch daraus lernen, das fällt ihm schwer. Die Mutter kämpft für seine Zukunft – auf ihre Art.

Jugendlicher schaut aus Gefängnisfenster
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Jugendlicher schaut aus Gefängnisfenster
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Jens sitzt im Gefängnis. Zwei Jahre und neun Monate hat er bekommen – für viele Straftaten. Einen Taxifahrer wollte er ausrauben, eine Tankstelle überfallen, in Lottoläden stehlen. Er war einer der Rädelsführer einer Kinder- und Jugendbande, die in Markkleeberg bei Leipzig monatelang für Unruhe sorgte. Ein Ende gab es erst, als seine eigene Mutter ihn bei der Polizei anzeigte.

Frau
Die Mutter von Jens: Bettina Gellert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Verhaftung im April 2016 wollte Bettina Gellert erst einmal nichts mehr mit ihrem Sohn zu tun haben. "Wer Bockscheiße macht, muss dafür gerade stehen", sagt sie. Schließlich besucht die 52-Jährige ihn doch im Gefängnis. Sie habe die Hoffnung nie aufgeben, dass aus all ihren acht Kindern einmal etwas wird – auch nicht bei Jens.

"Wenn er wirklich was an seinem Leben ändern möchte, soll er wenigstens eine Ausbildung hier drin anfangen", sagt die Mutter. Doch sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und aus seinen Taten zu lernen, das fällt dem jungen Mann schwer.

Jens ist bereits sehr zeitig auf die schiefe Bahn geraten. Es begann mit dem Schwänzen der Schule und kleinen Diebstählen. Der Vater war kaum zu Hause und wenn doch, dann war er häufig aggressiv. Als Jens etwa neun Jahre alt war, da habe der Vater ihn einmal mit einer Holzlatte brutal auf dem Arm geschlagen, berichtet Gellert. Ein richtiger Vater habe dem Jungen gefehlt.

Die Mutter und die späteren Stiefväter waren mit den acht Kindern oft überfordert, sagt Anwältin Judith Hiller, die die Familie bereits lange kennt. "Irgendwann ist er dann ja auch ins Heim gekommen."

Mehr kriminelle Jugendliche

Jens ist kein Einzelfall. Vor allem in den Problemvierteln großer Städte steigt die Kinder- und Jugendkriminalität. In Leipzig nahm die Zahl der Täter unter 14 Jahren von 2015 auf 2016 um zwei Prozent zu. Die Zahl der 14- bis 18-Jährigen sogar um 10,5 Prozent. Durch geburtenstarke Jahrgänge wird es in Zukunft sogar noch mehr kriminelle Jugendliche in Leipzig geben, sagt Polizeisprecher Andreas Loepki. "Statistisch ist das pro Jahr eine Steigerung von drei bis sieben Prozent, die wir für die ganzen nächsten Jahre erwarten."

Auch wenn es kriminelle Jugendliche schon immer gegeben hat – gefährlich wird es, wenn aus ihnen Intensivtäter werden. Jens und seine Bande hätten mit ihren Einbrüchen und Diebstählen nicht aufgehört, berichtet die Polizei.

Die Hemmschwelle sinkt mit jeder Tat

Die Hemmschwelle sank mit jeder Tat. Ihr größter Coup sollte der bewaffnete Überfall auf eine Tankstelle in Markkleeberg werden. Jens benötigte ein Alibi. Für den Fall, dass etwas schiefläuft. Er bat seine Mutter, ihm den Rücken freizuhalten.

Junger Mann verschränkt Arme hinter dem Kopf
Inzwischen versteht Jens, warum seine Mutter ihn verraten hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch die hatte genug. "Ich habe dann das Telefon genommen", sagt Bettina Gellert. Sie glaubt, dass sie damit das Richtige getan habe. Die Polizei ergreift Jens kurz vor dem Überfall.

Inzwischen – Monate später - versteht der junge Mann, warum sie es getan hat. "Lieber hat sie mich verpfiffen, als zu sagen, jetzt habe ich einen Sohn, der lebenslänglich irgendwann sitzt, weil er doch mehr Scheiße gebaut hat", sagt Jens. Nun versucht seine Mutter, ihn auf ein Leben nach dem Gefängnis vorzubereitet – auf ihre Art. "Mensch Junge, du willst was lernen", sagt sie bei einem Besuch. Er will sich kümmern, antwortet er halbherzig. Sie will ihm Dampf machen, wenn er es nicht tue.

Spätestens Ende 2018 wird Jens entlassen. Ob er die Chance nutzt und während der Haft eine Ausbildung beginnt – dafür gibt es bis jetzt kaum Anzeichen. Im schlimmsten Fall beginnt nach seiner Entlassung alles von vorn. Für die Mutter ist der Kampf um ihren Sohn, den Intensivtäter, also noch lange nicht vorbei.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 19.07.2017 | 20:15 Uhr

MDR exakt hat über den Fall von Jens bereits berichtet:

Ein Jugendlicher sitzt mit gesenktem Haupt auf einem Stuhl.
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Zuletzt aktualisiert: 07. August 2017, 10:04 Uhr

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