exakt | 08.11.2017 War es wirklich Selbstmord? - NSU-Mythen im Fakten-Check

4. November 2011 in Eisenach: Die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begehen an diesem Morgen ihren letzten Banküberfall. Die Polizei leitet eine Ringfahndung ein und riegelt Fluchtwege rund um den Tatort ab. Doch die beiden Terroristen schafften es, sich mit ihrem Wohnmobil in den Ortsteil Stregda abzusetzen. Dort warten sie ab. Gegen Mittag nähern sich zwei Streifenpolizisten, kurz darauf fallen Schüsse im Wohnmobil, Böhnhardt und Mundlos sind tot.

Das Handout des Bundeskriminalamtes zeigt das mutmaßliche Mitglied der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), Uwe Mundlos.
Bildrechte: BKA

Selbstmord lautet das Ermittlungsergebnis von BKA und Bundesanwaltschaft. Die offizielle Version des Ablaufs: Uwe Mundlos erschießt zuerst Uwe Böhnhardt, zündet dann das Wohnmobil an und tötet sich danach selbst. Doch diese Version wird immer wieder angezweifelt. Hartnäckig halten sich Spekulationen: War es Mord, vielleicht sogar im Auftrag des Staates?

Wie plausibel sind die Todesumstände?

Drei Rechtsmediziner von verschiedenen Universitäten analysieren unabhängig voneinander Fotos der Spurensicherung aus dem Wohnmobil und die Obduktionsberichte. Alle drei Experten kommen zu dem Ergebnis, dass ein Fremdverschulden auszuschließen ist. Der Rechtsmediziner Professor Michael Klintschar von der Medizinischen Hochschule Hannover hält es für "stimmig und plausibel", "dass der eine erst den anderen erschießt, dann sich selber erschießt".

Prof. Klaus Püschel, Rechtsmediziner, Uni-Klinikum Hamburg Eppendorf
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Gerichtsmediziner mit Konzentration auf den Kernpunkt des Geschehens ist es für mich ein erweiterter Selbstmord in einer Drucksituation.

Klaus Pünschel, Rechtsmediziner, Uni-Klinikum Hamburg Eppendorf

Für die Experten gibt es keine Alternative zu einem Selbstmord. Mutmaßungen über einen großen Unbekannten, den dritten Mann am Tatort, der Mundlos und Böhnhardt getötet haben soll, damit sie für immer schweigen und nicht aussagen können, halten die Experten für abwegig.

Starke Kritik an der Tatortarbeit

Ernsthaft zu kritisieren bleibt der Abtransport des Wohnmobil-Wracks. Durch die beim Hochziehen entstandene Schräglage wurden Spuren und die Lage der beiden Leichen verändert. Aber nicht so gravierend, dass deshalb die Selbsttötung in Frage zu stellen ist, so die Experten übereinstimmend. Eine bewusste Tatortmanipulation halten sie für ausgeschlossen.

Der Rechtsmediziner Professor Michael Bohnert äußert sich folgt dazu: "Manipulierte Tatorte fallen auf. Und zwar deshalb, weil diejenigen, die einen Tatort inszenieren, Fehler machen. Da passen dann die einzelnen Spuren nicht zusammen, da passen die einzelnen Befunde nicht zusammen und dieser Tatort Wohnmobil innen drin ist dermaßen komplex, und dermaßen komplex in sich stimmig, dass da kein Widerspruch zu finden ist."

Keine Indizien für Mord

Seit mehr als sechs Jahren beschäftigt sich Katharina König-Preuss mit den Taten und Opfern des NSU. Sie ist Mitglied des Untersuchungsausschusses im Thüringer Landtag. Nach ihrer Ansicht gibt es "keinerlei Belege für eine Verschwörungstheorie, hier wäre ein dritter Mann, eine dritte Person, ein Geheimdienst, sei er Deutsch oder woher auch immer, vor Ort gewesen". Für sie viel bedeutender sind "die eigentlichen Aufgaben, die noch vor uns liegen und die viel schwieriger aufzuarbeiten sind als dieser 04. November 2011".

Denn im gesamten NSU-Komplex gibt es noch immer gravierende offene Fragen. Doch am Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt besteht keinerlei Zweifel mehr.

Über dieses Thema berichtete MDR exakt auch im: Fernsehen | 08.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 18:44 Uhr

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19 Kommentare

11.11.2017 11:04 Franz 19

zu Palikasoitz, ob B/M/Z eine mordende Nazibande waren ist nicht erwiesen. Vieleicht eher so wie im Tatort "Puppenspieler". Auch im Sachsensumpf wurden rechte Schlägertruppen (im Auftrag von wem?) benutzt um Zeugen zu beeinflussen. Siehe auch Aussagen von Binninger und Ströbele: niemand weiß ob der NSU tatsächlich am Abzug war...
Im NSU- Untersuchungsausschuss BaWü meldete sich ein Zeuge der den Mord an die Polizistin Kiesewetter fotografiert haben will. Man wollte ihn nicht anhören und seine Bilder ansehen, man verwies ihn an den GBA.
Würden diese Fotos die Täterschaft von B/M beweisen wären sie veröffentlicht?

11.11.2017 08:44 Peter Ruppert 18

@ Palikasoitz

Da "wissen" Sie mehr als bisher öffentlich bekannt ist. Die zugänglichen Teile der Aktenlage stützen Ihre Einschätzung ebenfalls nicht. Aus kriminaltechnische Perspektive sind so viele Delikte ohne DNA Spuren der Täter reichlich unwahrscheinlich. Genau so wie die Interpretation von den Vorgängen im WoMo so nicht stimmen kann. Kein Suizident wischt nach einem Krönleinschuss die WAffe ab, oder lädt durch. Auch schießt sich niemand so mit unterschiedlichen Waffen durchs Cranium. Eine Waffe fehlt, dafür sind Projektilfragmente im Schädel, dafür fehlt das FLG aber die daktyloskopisch reine Flinte liegt da?

10.11.2017 20:24 Palikasoitz 17

Fürchterlich, wie hier heimliche Sympathisanten versuchen, einen Verschwörungs-Mythos um diese mordende Nazi-Bande zu konstruieren.

Das waren hoch kriminelle Serien-Mörder mit einer menschenverachtenden Gesinnung. Radikalismus und Hass und Zerstörung war der Lebensinhalt dieser NSU-Leute.

10.11.2017 20:02 Renate 16

Dieser Fall wird nie der Wahrheit wegen aufgeklärt werden. Zuviele Ungereimtheiten seitens des tiefen Staates und deren bezahlten zwielichtigen und Gut bezahlten V.-Männern.

Unglaublich, was in diesem Staat so alles passiert.

10.11.2017 19:43 Kommandeur Lutz 15

...und natürlich sind auch die in den vergangenen Jahren selbstgemordeten und im jugendlichen Alter an plötzlicher Krankheit gestorbenen Zeugen, deren Zahl inzwischen die der "NSU"-Opfer erreicht haben dürfte, vollkommen "stimmig und plausibel"....

10.11.2017 19:09 Wachtmeister Dimpfelmoser 14

1961: "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten".
2017: "Am Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt besteht keinerlei Zweifel mehr".

10.11.2017 18:10 KeyserSöze 13

Lieber mdr, ein "Fakten-Check" wie dieser ohne Fakten, lediglich mit ein paar nicht einzuordnenden Statements von Experten, ist Teil des Problems und nicht der Lösung.

Es gibt im Internet inzwischen so viele (den Namen verdienende) Fakten-Checks, die die Widersprüche der öffentlichen Verlautbarungen in großer Zahl mit den eigenen Dokumenten der Strafverfolgungsbehörden sehr präzise darstellen.

Hier mit ein paar warmen Worten aus Volontärsfeder(?) all das wegwischen zu wollen, zeugt entweder von fehlendem Berufsethos, fehlendem Sachverstand, öffentlich-rechtlicher Selbstüberschätzung oder einer gefährlichen Mischung von all diesen Ingredenzien.

10.11.2017 17:33 AufmerksamerBeobachter 12

Das grosse Raetsel ist einzig der Kiesewetter-Mord. Warum fahrem B/M nach Heilbronn, um ausgerechnet dort an Polizeiwaffen zu kommen? (und wozu? Waffen hatten die genug) Woher wussten sie, dass K dort gegen 2:00 im Streifenwagen auf diesem Parkplatz sitzt? Waere K ein zufaelliges Opfer, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, das das Opfer aus dem naeheren Umfeld (Oberweissbach) der Taeter stammt?

Um es auf die Spitze zu treiben, wird ein wesentlicher Bericht zum NSU fuer 120 Jahre gesperrt! Dazu die vielen Todesfaelle von Zeugen im Zuge der Ermittlungen im Fall K. Soviele Experten kann man gar nicht hinzuziehen, um zu widerlegen, dass hier ein ganz dickes Ding dahinterstecken muss.

Es wundert einen direkt, das Beate Z. nichts zugestossen ist. Der Fall ist derart verworren (worden), man koennte ihr ein Kronzeugenangebot machen, aber vlt. soll sie nichts sagen - oder hat im Fall K keinen Einblick gehabt.

10.11.2017 11:02 Egon 11

Klar, die Tatortspuren sind total stimmig! Selten so gelacht!Kein Ruß in der Luge, weil M sich nach dem Feuer machen so weit unten aufgehalten hat. Erzählte das BKA zuerst auch, änderte das aber, weil das nicht zur lupenreinen Wand hinter M´s zerschossenen Kopf und dem Ausschußloch in der Decke paßt. Total stimmig ist außerdem:Mit weggeschossenem Kopf nachladen, keine Fingerabdrücke an keiner der 8 Waffen, der gesamten Munition, dem Beutegeld aus 2! Banküberfällen,(wer nimmt Sand mit zum Strand?) 4 Sorten Schmauch an B´s Händen, einmal davon Polzeischmauch. Völlig intakte Bauchtasche auf verbrannter Sitzbank, Völlig sauberer neuer Rucksack auf verrußtem Bett. Uswusf…

10.11.2017 10:43 Peter Ruppert 10

Interessante Schlussfolgerungen die leider terminalballistisch so extrem unwahrscheinlich sind.
Dazu die Spurenlage:
- der "letzte Schütze" hat Schmauchantrag von 4 Munitionsarten, darunter Polizeimunition
- dem Geschädigten gingen zwei Projektile durch den Kopf, ein in 6 Teile zerlegtes ) 9X19 Projektil mit Eintritt vom rechten Jochbein, und dann ein FLG angeblich von vorn. Problem: nach jedem einzelnen dieser Treffer tritt sofort Handlungsunfähigkeit auf. Ein zweiter Schuss mit Waffenwechsel ist nicht mehr möglich. Zudem: Wo ist die 9X19er Waffe?
-Es fehlen CO im Blut sowie Schmauch- und Pulverpartikel in den Atemwegen des M. Auch wurde kein Brandbeschleuniger nachgewiesen.
-Die Flinte war vollständig frei von daktyloskopischen Spuren. Nach Krönleinschuss ist die Flinte wohl selbst reinigend?

Fazit: nur unbefriedigende Erklärungen mit viel Konjunktiv.

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