Jugendliche am Leipziger Hauptbahnhof
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 11.10.2017 Obdachlose Teenager am Leipziger Hauptbahnhof

Jeder Reisende muss an ihnen vorbei - Bettler am Leipziger Hauptbahnhof. Sie gehören zum Stadtbild, haben kein besseres "Wohnzimmer", sagen sie. Halten zusammen wie eine Familie. Das zieht auch immer wieder Teenager an, die hier ihre Freizeit verbringen und als nächste Generation der Bahnhofsbettler heranwachsen.

Jugendliche am Leipziger Hauptbahnhof
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Der Hauptbahnhof von Leipzig gilt als schönster Bahnhof Deutschlands, elegant, aber auch warm und trocken. Wichtig für alle, die kein richtiges Zuhause haben. Zu den Obdachlosen und Bettlern gesellen sich, so scheint es, immer mehr Jugendliche.

Jan zum Beispiel. Vor wenigen Tagen wurde er volljährig. Am Tag seines 18. Geburtstages zog der Teenager in ein Obdachlosenheim. Weil Jan Hunger und kein Obdach hatte, schickte ihn die Bundespolizei in die nahe gelegene Rosa-Luxemburg-Str. 38, in den Kinderstraßenladen "Tante E". Den betreibt Gabi Edler. Seit der Wende kümmert sie sich um arme Kinder in Leipzig. Die Armut würde zunehmen, beobachtet Gabi Edler, gerade auch unter Kindern und Jugendlichen. Es seien immer mehr geworden, früher hätte sie bei sich zu Hause bis zu 20 Kinder beherbergt, heute seien es sehr viel mehr Kinder, die arm sind, sagt die 74-Jährige.

Gründe für Kinderarmut immer komplexer

Laut einem aktuellen Bericht des Bundesamtes für Statistik sind 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland arm. Leipzig ist in Sachsen die Stadt mit den meisten auf Hartz-IV-Leistungen angewiesenen Familien: 22,7 Prozent. Der Sozialbericht der Stadt Leipzig spricht davon, dass die Gründe für Kinderarmut immer komplexer werden. So würde finanzielle Armut zu sozialer Ausgrenzung und Überforderung bei der Kindererziehung führen.

Jugendliche am Leipziger Hauptbahnhof
Von den Jugendlichen wird das freie W-LAN auf Leipzigs Hauptbahnhof geschätzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Zahl der Gestrandeten vom Hauptbahnhof nimmt zu, viele junge Leute fallen uns auf. Eva ist 17, ihre Mutter starb vor drei Jahren, zum Vater hat sie keinen Kontakt, ihre neue "Familie" sind die Frauen und Männer der Alkoholiker- und Drogenszene am Hauptbahnhof. Eva ist nicht die Jüngste, berichtet sie: Ganz junge Teenager betteln bereits um Geld für Drogen und Alkohol. Tatsächlich werden wir Zeuge, als ein 14-Jähriger Drogen kaufen will. Der Junge verrät uns, dass er in die 7. Klasse geht. Am Bahnhof sei er fast täglich. Nun soll er in eine Entzugsklinik. Sein Einstieg in eine Drogenkarriere begann typisch mit Cannabis, Tabak und Alkohol.

Auch Jan verbringt seinen Tag am Hauptbahnhof und seine Nächte im Obdachlosenheim in der Rückmarsdorfer Straße in Leipzig. Jans Karriere ist bedrückend. Seit er sieben Jahre alt war, wurde er von Jugendpflegeeinrichtung zu Jugendpflegeeinrichtung weitergereicht. Sachsen, Werder an der Havel, Berlin, Hessen waren die Stationen. Seit kurzem ist er auf sich selbst gestellt, seit genau acht Tagen wohnt er in diesem Heim. Schön sei es hier nicht, nur alte Männer und viele sind besoffen, dann schon lieber der Hauptbahnhof, sagt Jan noch, da gibt es wenigstens freies WLAN. Und verschwindet in seinem neuen "Zuhause".

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 11.10.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 18:47 Uhr

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