Schneemannfiguren
Schneemannfiguren aus dem Erzgebirge. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 22.11.2017 Schöne, heile Erzgebirgswelt?

Schwibbögen, Pyramiden, Nussknacker und Räuchermännchen: Mit der Konkurrenz aus Fernost hat die erzgebirgische Handwerkskunst schon lange zu kämpfen, doch auch Mindestlohn und Nachwuchsprobleme machen ihr zu schaffen. Die Hersteller kämpfen ums Überleben.

Schneemannfiguren
Schneemannfiguren aus dem Erzgebirge. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Firma Erzgebirgische Holzkunst Gahlenz in Oederan gibt es seit über 100 Jahren. 700 Artikel haben die Holzkunstproduzenten im Angebot: Engel, Räuchermännchen, Nussknacker. Zu DDR-Zeiten waren die Waren äußerst begehrt – und das sind sie immer noch.

Menschen in einer Werkstatt
Bei der Arbeit: Mitarbeiter der Firma "Erzgebirgische Holzkunst Gahlenz" in Oederan. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur das Bewusstsein für echte Qualitätsware sei nicht mehr so vorhanden, bedauert Martina Hübler, die die filigranen Figuren zusammenleimt. Denn viele Kunden greifen mittlerweile auf preiswerte Produkte aus dem Ausland zurück. "Wenn ich da so ein kleines Männel sehe, da sind Leimflecken dran und überhaupt das Holz und alles", sagt Hübler und schüttelt den Kopf. Solch ein Billigprodukt würde sich die Handwerkskünstlerin nicht ins Regal stellen. Wenn schon, denn schon: echt.

Doch echte erzgebirgische Holzkunst bedarf aufwändiger Handarbeit und die hat ihren Preis: Ein durchschnittlicher Nussknacker kostet etwa 60 Euro, kleinere Figuren, etwa ein 9 bis 10 Zentimeter großes Räuchermännchen, gibt es schon ab 23 Euro. Große, elektrisch beleuchtete Figuren können auch schon mal 160 Euro kosten.

Eine Engelsfigur mit Harfe wird zusammengebaut
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

25 Arbeitsschritte braucht es bis zum fertigen Engel. Fräsen, bohren, schleifen, Lackieren, Verpacken. Früher arbeitete man hier im Akkord – hundert Hölzärmchen in elf Minuten. Wer das nicht schaffte, bekam weniger Lohn. Doch die Arbeitssituation für die Holzschnitzer hat sich verbessert. "Der Druck ist nicht mehr da", sagt Hübler. Denn heute gibt es Mindestlohn und die Auftragslage ist gut. Nur 2010 und 2011 habe es mal eine Flaute und auch Kurzarbeit gegeben.

Nachwuchssorgen und Zukunftsängste

Dennoch: Reich wird hier niemand. Und selbst der Chef der Firma muss sich Gedanken machen, ob das Erwirtschaftete fürs Alter überhaupt reicht. "Ich kriege aus DDR-Zeiten mal 420 Euro Rente", sagt Firmenchef Gundolf Berger. "Ich müsste mir privat was zurücklegen, damit ich die Jahre, die ich noch lebe, überhaupt finanzieren kann", fügt er hinzu. Doch das sei ihm bisher nicht gelungen. 

Nach der Wende kaufte Berger mit einem Partner die Firma von der Treuhand. Sie verpfändeten ihre Häuser, nahmen Kredite auf. Mit der Euroeinführung brach der Export ein. Von 78 Mitarbeitern blieben nur noch 40. Mittelweile werden händeringend Arbeitskräfte gesucht – für das Unternehmen ist das ein Existenzrisiko. Weil Nachwuchs schwer zu finden ist, sind mittlerweile auch jene willkommen, die sich selbst als handwerklich begabt einschätzen. "Wir haben in den letzten Jahren fast nur Quereinsteiger eingestellt", sagt Berger. Und auch einen Nachfolger für die Firma sucht er noch. Die eigenen Kinder hätten kein Interesse – zu viel Arbeit und zu wenig Ertrag.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 22.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2017, 20:53 Uhr

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1 Kommentar

22.11.2017 20:38 beate hermann 1

unser sohn wollte sooo gerne den beruf des drechslers erlernen , leider gab es weit und breit nur eine lehrstelle und die war schon lange vergeben !