Lagertor mit Inschrift "JEDEM DAS SEINE"
Bildrechte: MDR/Jörg Thiem

exakt | 04.10.2017 Sollte der Besuch in KZ-Gedenkstätten wieder zur allgemeinen Pflicht werden?

Dieser Frage hat sich der exakt-Reporter Albrecht Radon gewidmet und mit Besuchern und Mitarbeitern der Gedenkstätte Buchenwald gesprochen. Er absolvierte hier als Schüler einen Pflichtbesuch - inzwischen passiert dies auf freiwilliger Basis.

Lagertor mit Inschrift "JEDEM DAS SEINE"
Bildrechte: MDR/Jörg Thiem

Über diesen Weg sind früher Tausende Menschen in das Vernichtungslager Ausschwitz deportiert worden - darunter waren auch viele Kinder. Die kleine Gedenksteine am Rand erinnern an sie. Ich stehe auf den letzten Teilstück der ehemaligen Buchenwaldbahn - mitten in der Gedenkstätte. Bis 1945 war hier ein Konzentrationslager der Nazis, dann bis 1950 ein Speziallager der Russen. Zu DDR-Zeiten war ein Besuch auf dem Ettersberg bei Weimar Pflicht. Inzwischen ist es den Schulen selbst überlassen, ob sie die Schrecken der NS-Zeit mit eigenen Augen sehen wollen. Exakt wollte wissen, wie gehen Besucher und Mitarbeiter mit der Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte um.

Zwei Männer räumen abgebrochene Äste aus dem Wald.
Exakt-Reporter Albrecht Radon packt mit an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als erstes treffe ich Jugendliche, die in der Gedenkstätte wohnen und arbeiten. Sommercamp nennt sich das Ganze. Zwei Wochen Geschichte zum Anfassen. Der Programmpunkt an diesem Tag: Landschaftspflege auf dem letzten Teilstück der Buchenwaldbahn. Ich will mit ihnen ins Gespräch kommen und packe selbst mit an. "Kann man sich überhaupt vorstellen, was hier, auf dieser Strecke, passiert ist?", frage ich. "Ich kann es mir nicht vorstellen. Vielleicht ist das auch ganz gut so", antwortet Johannes Frey.

Er studiert in Göttingen Politik und Geschichte und möchte, dass sich jeder mit diesem Thema auseinandersetzt. "Das ist mir wichtig", sagt der junge Mann. In seinem Umfeld würden dies auch alle tun. Ich habe meine Zweifel, dass alle Jugendlichen so denken. Das Arbeiten fällt mir schwer. Die 200 kleinen Steine rufen mir immer wieder ins Gedächtnis, was hier auch Kindern angetan wurde.

Im Internet finde ich auf einer Seite über den Gedenkweg ihre Geschichten. Bruno Zenz etwa steckten die Nazis 1944 in einen Zug mit dem Ziel Auschwitz. Mit 14 stirbt er in der Gaskammer.  Etwa 10.000 Buchenwald-Insassen teilten dieses Schicksal. Auch wenn vom alten Bahnhof heute nur noch wenige Gleismeter erhalten sind, entstehen Bilder in meinem Kopf - kein gutes Gefühl.

2.500 Schulklassen besuchen die Gedenkstätte pro Jahr

Es sind junge Frauen und Männer aus ganz Europa, die hier im Sommercamp mit anpacken. Gedenkstätten-Mitarbeiter Heiko Clajus ist froh, dass sich so viele Jugendliche mit der Geschichte Buchenwalds beschäftigen. Dazu zwingen, dürfe man aber niemanden, sagt er. "Wenn ich jetzt nur von mir ausgehe, ich habe zu DDR-Zeiten das auch richtig abgelehnt, hier hoch zu gehen. Da ist bei mir alles zugegangen, weil es Pflicht war."

Menschen bei Steinmetzarbeiten in einer Werkstatt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heute besuchen im Schnitt rund 500.000 Menschen die Gedenkstätte pro Jahr, darunter viele Schüler. Ich will wissen, wie sehr sie dieser Ort beeindruckt. Die Lehrpläne sehen heute keinen Pflichtbesuch in Buchenwald mehr vor. Dennoch betreut die Gedenkstätte pro Jahr rund 2.500 Schulklassen.

Wie eine 10. Klasse aus Weimar, für diese steht gerade der Besuch des Krematoriums auf dem Programm. Ich will wissen, wie sehr die Schüler dieser Ort beeindruckt. Sie werden mit heftigen Bildern konfrontiert. US-Soldaten dokumentierten 1945 nach der Befreiung des Lagers die Leichenberge im Innenhof.

Melanie Strehle hat mit ihrem Geschichtslehrer Bengt Kasper gerade den Rundgang beendet. „Wie erlebst du es, wie mit dem Thema umgegangen wird? Glaubst du, dass es dafür noch ein Bewusstsein dafür gibt?“, frage ich. „Manche machen sich halt darüber lustig“, antwortet die Schülerin. Das habe sie auch schon selbst erlebt. Manche würden den Hitlergruß oder Adolf Hitler nachmachen. Das sei auch schon bei ihr an der Schule geschehen.

„Wir sind häufig im Geschichtsunterricht Klasse 9 die ersten, die sich damit etwas intensiver beschäftigen“, erklärt Lehrer Kasper. Da passiere es mitunter, dass die Köpfe schon von anderen Leuten besetzt worden seien und dass schon andere auf die Schüler eingewirkt hätten.

Innenansicht einer Häftlingsbaracke in Buchenwald
In einer Buchenwalder Häftlingsbaracke hatte die SS bis zu 2.000 Menschen eingepfercht. Bildrechte: IMAGO

Nicht selten übernehmen die Lehrer selbst die Führung bei den Besuchen der Gedenkstätte. So tut es auch Birgit Horway mit ihren Schülern aus Hannover. „Das hier vorne ist dann der Appellplatz gewesen, wo die Inhaftierten antreten mussten“, erklärt sie. Die Barracken sehe man heute nicht mehr, das sind immer die schwarzen Flächen, da standen dann vorher die Barracken. In einige Barracken, die gerade einmal für 50 Pferde ausgelegt waren, hatte die SS bis zu 2.000 Menschen eingepfercht. Es sind Tatsachen, die die Schüler erst einmal verdauen müssen.

Lehrerin Horway hat mit ihren Schülern bereits einige KZ-Gedenkstätten besucht. Ihre Schüler sind der Meinung, dass ein Besuch wieder zur Pflicht werden sollte. „Man muss sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Einige versuchen das so ein bisschen zu verdrängen“, sagt Schülerin Laura Kanclerski.

Mehr zu diesem Thema bei MDR exakt im: Fernsehen | 04.10.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 13:04 Uhr

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10 Kommentare

05.10.2017 17:27 Leo Bronstein 10

Auch wenn ich gegen Zwang bin.
In d. Fall sollte es Pflicht sein, auch wenn ich Simons letzten Satz voll zustimme.

.
@ OHNEWORTE 8
>D. Nachkriegsgeschichte in d. BRD ist so braun,dass man d. Thema DDR schoen vorschieben kann zur Vergessenheit.<

Stimmt.
U. d. DDR hatte keine braunen Spurenelemente?
- Adam, Wilhelm
ab '33 Stahlhelm u. SA, Träger d. Blutordens.
'50-'52 sächsischer Finanzminister; '49-'63 Abgeordneter d. Volkskammer
- Bartsch, Karl-Heinz
'40–'45 Soldat/Unteroffizier Waffen-SS
SED '49–'63, '54–'60 Mitglied d. SED-Bezirksleitung Erfurt; '63 stellvertretender Landwirtschaftsminister ...
Daten: wikipedia(org) >Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945politisch tätig waren<

.
Hippiehooligan 5
>D. Rechten dürften sich daran ja nicht stören.<

Ebenso d. Linken. Schon vergessen, dass Vertreter d. polit. linken Spektrums bei d. jährlichen Al-Quds-Demos in Berlin anwesend waren, wenn >Juden ins Gas< gegrölt wurde?

05.10.2017 12:49 Ursula Felten-Bommarius 9

Ich finde es sehr wichtig,dass Schüler einmal hautnah mit der Geschichte konfrontiert werden,nur dann kann man ungefähr nachvollziehen,welch unendliches Leid manche Menschen erdulden mussten, absolut ohne Grund!

05.10.2017 12:11 OHNEWORTE 8

In der DDR war diese Besuche der Konzentrationslager ueblich..... Klassenfahrten,Jugendweihe,Vereidigung .......
Ein Kommentar schrieb .... heute ist die Daemonisierung der DDR das Thema , Grenzmuseen , Stasigefaengnisse, und Politibuero.
Diese Themen werden so schwarz gemalt,dass der wahre Faschismus 1933-1945 verdraengt wird. Die Nachkriegsgeschichte in der BRD ist so braun,dass man das Thema DDR schoen vorschieben kann zur Vergessenheit. Die grossen blieben unverschont in der BRD ,die die Schuld hatten, wurden wegen fehlender Beweiskraft freigesprochen .
Was jetzt tendiert ist ,dass die neue Partei AfD auf eine Stufe gehobenen wird mit dem dritten Reich von Hitler . Vorher die Geschichte vergessen zu machen,heute .... nutzt man diese, um eine unbeliebte Bewegung ,legale Partei zu verteufeln.
Zur Erinnerung , es gab hohe BRD Regierungsmitglieder ,die Konzentrationslager mitplanten,errichteten ,die Justiz ausuebten unter Hitler ....und angesehene Parteimitglieder der CDU waren.

05.10.2017 10:40 HERBERT WALLASCH, Pirna 7

Pflichtbesuch in der heutigen Zeit wäre so gut wie ein Mienenfeld für den entsprechenden Lehrer bei der öffentlichen Auswertung des Besuches. Es ist kein fester politischer Standpunkt vorhanden, weder von der Politik, noch von dem " Geschichtswissenschaftlern " und somit wird der Lehrer alleingelassen und geht sicherheitslieber den staatskonformen Weg. Vielfach wird Ursache und Wirkung bewußt politisch mißbraucht, auch der Verwendungszweck und die Lebensumstände, also die Gleichstellung von vor 45 mit nach 45. Es endet nicht 1950, die Schuldigen haben alle versucht sich nach dem Westen abzusetzen, wo viele ihre Karriren nahtlos fortsetzen konnten, evetuell eine kurzzeitige Strafe bekamen und egal was später noch aufgedeckt wurde, nur einmal nach neuem bundesdeutschen Gesetzen verurteilt werden konnten. Eine objektive, neutrale Bewertung kann ein Lehrer nie bewältigen und die Moralische nur bedingt. Die Altbundesbürger betreiben ja seid Jahrzehnte eine massive Geschichtsglättung.

05.10.2017 10:38 SGDHarzer66 6

Sollte auch der Besuch von Bad Nenndorf und den Rheinwiesenlagern zur Pflicht werden? Und das sind nur 2 Mord- und Folterstätten....., im Sinne einer ausgewogenen Geschichtsdarstellung sicher hilfreich Guten Tag.

05.10.2017 09:49 Hippiehooligan 5

Angesichts der neuesten politischen Entwicklungen wären Pflichtbesuche absolut richtig. Die Rechten dürften sich daran ja nicht stören. Schließlich ist auch Buchenwald Teil der ach so tollen deutschen Geschichte...

05.10.2017 09:36 Mal ne Anmerkung 4

Buchenwald Besuch wieder Pflicht?Richtig ,aber es gibt ja Politiker/Landtagsabgeordnete in Sachsens CDU ,die es nicht für notwendig halten das unsere Kinder die Grausamkeiten des Naziregimes kennenlernen.Fragen sie mal den Abgeordneten Sebastian Fischer was er da vor längerer Zeit dazu geäußert hat!Sachsen CDU braucht keinen "Rechtsruck" ,in Sachsens CDU gibt es genügend schon "Rechtsgeruckte"!

04.10.2017 00:35 Horst Uwe 3

Nichts gelernt?! Unter Anderem die staatliche Penetration mit Antifaschismus hat doch schon vor der Wende dazu geführt, dass, wer gegen den Staat sein wollte, sich einfach nur als Anti-Antifaschist zu zeigen brauchte. Und weil Minus und Minus Plus ist, kürzt sich dieses Wort zu Faschist zusammen. Die Gedenkstätten als Anlaufpunkte erhalten, zu einem Besuch anregen und keine Angriffsflächen bieten, was die ausreichend greuliche Wahrheit anbelangt. Das ist definitiv nachhaltiger.

04.10.2017 23:17 part 2

Im heutigen Schulsystem liegt die Bedeutung des Geschichts- und Gesellschaftsunterrichts mehr auf der Dämonisierung des Sozialismus, möchte man meinen. Besuche in privaten Grenzmuseen oder dem Anschauungskabinet eines Hubertus Knabe scheinen Vorrang zu haben vor den Mordstätten einer Sonderform des Imperialismus, eben auch als Pflichtprogramm. Doch manchmal kann auch ein Pflichtbesuch sehr hilfreich sein in der Bildung. Als Kind besuchte ich damals auch das KZ Theresienstadt, dort war sehr viel anschaulicher dargestellt, wie die Menschen damals hausen mussten und welchem Repressionssystem sie ausgesetzt waren. In Buchenwald, Ravensbrück oder anderen Gedenkstätten wäre es hilfreich entsprechend die Baracken orginalgetreu nachzubauen, denn leere Schotterplätze mit Markierungen können nur schlecht die Realität von damals wiederspiegeln.

04.10.2017 23:05 Sebastian 1

Für drei Monate war ich in einer KZ-Gedenkstätte tätig und begleitete dort Schulklassen. Es berührte mich jedes Mal, wie sich Schüler auf dieses Thema eingelassen haben und Demut zeigten. Auch sah ich Tränen. Pflicht geht mit Druck einher. Wer sich auf freiwillger Basis diesen Orten nähert, ist empfänglich.

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