Polizei in Magdeburg im Einsatz.
Hauptkommissar Michael Höhne und Kommissarin Sophie Schöntaube auf dem Weg in den Einsatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

exakt | 29.11.2017 Polizei an der Belastungsgrenze

Fehlendes Personal, mangelnde Ausrüstung und steigende Kriminalität – die Polizei hat mit vielen Problemen zu kämpfen. In Sachsen-Anhalt ist es besonders prekär. Ein exakt-Reporter hat die Beamten einen Tag begleitet.

Polizei in Magdeburg im Einsatz.
Hauptkommissar Michael Höhne und Kommissarin Sophie Schöntaube auf dem Weg in den Einsatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist ihre Entscheidung, wie das stattfindet", sagt der Polizist. Der Betrunkene antwortet: "Radikal!" Es ist das Ende einer Fahrt mit viel Alkohol. Dem Mann soll im Polizeirevier Magdeburg nur Blut abgenommen werden. "Radikal? Das können wir auch."

Wenige Stunden zuvor: Der exakt-Reporter begleitet Polizeihauptkommissar Michael Höhne und Polizeikommissarin Sophie Schöntaube bei ihrer Nachtschicht. Gegen 21 Uhr geht es mit Blaulicht zum ersten Einsatz. Jugendliche sollen mit Böllern und Flaschen eine Straßenbahn beworfen haben. 20 Beamte versuchen 19 Jugendliche in den Griff zu bekommen und die Personalien festzustellen. Die Stimmung ist aufgeheizt. Einige sind betrunken, andere reagieren aggressiv.

Stellenabbau sorgt für prekäre Lage

"Fass mich nicht an, Mann. Bist du dumm, oder was?", ruft einer der Jugendlichen. Solche Situationen kennt Schöntaube zur Genüge. Seit vier Jahren ist die studierte Polizeikommissarin im Streifendienst. "Ich habe oft Respektlosigkeit erlebt, körperliche Auseinandersetzungen, wo man mit einem männlichen Kollegen draußen war und sich nicht zurückgenommen wurde, obwohl man als weibliche Kollegin dabei war." Heute bleibt es bei verbalen Attacken.

Polizei in Magdeburg im Einsatz.
Hauptkommissar Michael Höhn im Einsatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Sachbeschädigung liegt dann doch nicht vor. Bevor die Gruppe weiterziehen darf, stellt Kollege Höhne einen vermeintlich illegalen Böller sicher. Der junge Mann gibt sich ahnungslos, ist aber von seinen Freunden nur schwer im Zaum zu halten. "Ist auch vor wenigen Tagen auch erst aus der JVA entlassen wurden. Also wirklich Klientel, das wir ins Herz geschlossen haben", sagt Höhne.

Seit 37 Jahren ist der Polizeihauptkommissar im Dienst – durch den Stellenabbau sei die Lage für die Beamten vom Revier so prekär wie noch nie. Vom Revier sind fast alle verfügbaren Kräfte vor Ort, unterstützt werden sie von den Kollegen der Bereitschaftspolizei. Doch die sind immer nur am Wochenende in der Stadt. Wäre der Einsatz in der Woche, wäre es wohl anders ablaufen.

Das Problem: zu wenig Leute. In keinem anderen Bundesland wurden mehr Stellen abgebaut. Von 2008 bis jetzt ist die Zahl der Vollzugsbeamten in Sachsen-Anhalt um mehr als 20 Prozent gesunken. Immerhin will das Land bis 2021 wieder mehr Polizisten auf die Straßen bringen. In vier Jahren sollen dann statt 5.700 wieder 6.400 Beamte für Sicherheit sorgen.

Zahl der Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund steigt

Der nächste Einsatz: Ein Mann wurde von vier Ausländern zusammengeschlagen. Das Opfer wartet an einer Straßenbahnhaltestelle. Ein anderer Streifenwagen ist bereits vor Ort. Vier Personen sollen ihn angeblich grundlos attackiert haben. Ein Augenzeuge hatte die Polizei verständigt.

"Bin ausgestiegen, weil ich mir eigentlich noch ein Döner holen wollte und dann haben sie mich zusammengeschlagen", sagt der Mann, der offenbar noch etwas unter Schock steht. Warum? Er weiß es nicht. Ihm tun Finger und Arm weh. Nach den Tätern wird nun gefahndet.

Verstöße gegen die Aufenthaltsbestimmungen, Drogen, Raub und Sexualdelikte: Die Zahl der Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund lag im Einsatzgebiet der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord im vergangenen Jahr bei rund 9600. Fast 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Es ist eine zusätzliche Belastung für die Beamten.

Verkehrskontrolle endet im Schwitzkasten auf dem Revier

Inzwischen ist es zwei Uhr. Über Funk bitten die Kollegen Schöntaube und Höhne um Unterstützung. Ein Mann flüchtet mit seinem Auto vor einer Verkehrskontrolle. Der Hauptkommissar nimmt die Verfolgung auf. Wenige Straßen später ist der Mann gestoppt. Wieder musste die Bereitschaftspolizei aushelfen.

Warum der Fahrer nicht anhalten wollte? 1,93 Promille hat der Alkoholtest ergeben. Das ist eine Straftat. Auch dieser Mann ist aggressiv. Nur mit viel Überredungskunst lässt er sich überzeugen, dass sein Fahrzeug von einem Polizisten beiseite gefahren werden darf, statt teuer abgeschleppt zu werden. Dann kommt er auf das Revier zur Blutentnahme. Diese muss im Schwitzkasten durchgeführt werden, weil der Mann, wie er es nennt, "radikal" wollte.

Der Frust sitzt tief

Polizei in Magdeburg im Einsatz
Beispiel Helm: "Wir hätten gern auch ein schusssicheres Visier", sagt der Hauptkommissar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Hauptkommissar berichtet, dass er gern Polizist ist. Dennoch sitzt der Frust tief. Zur hohen Einsatzbelastung und zum Stellenabbau komme die Sorge um die eigene Sicherheit. Denn die Widerstandshandlungen, Körperverletzungen und Attacken auf Polizeibeamte nehmen in ganz Sachsen-Anhalt zu. Im Jahr 2015 waren es 1086 Delikte, im vergangenen Jahr bereits 1365.

Eine bessere Ausrüstung könnte die Sorge um die Sicherheit mindern. Beispiel Schutzhelm: "Wir hätten gern auch ein Visier, das schusssicher wäre. Ist leider nicht möglich", sagt Höhne. In Thüringen etwa wird den Schutzpolizisten ein größerer Helm inklusive Visier zur Verfügung gestellt.

Abstriche auch beim restlichen Equipment. Vieles würden sich die Beamten privat kaufen, erzählen sie. Viele haben sich selbst Handschuhe besorgt, die schnitt- und stichresistent sowie schlaggepolstert sind. Schöntaube hat sich etwa eine leistungsfähigere Taschenlampe zugelegt. Die Situation dahinter beschreibt Höhne so: "Ich denke mal, es ist wie immer, es kostet Geld, und wir sparen am falschen Ende, und solange es sich die Kollegen privat kaufen, ist es ja irgendwo auch da." Der Dienstherr, also das Innenministerium, teilt auf Anfrage mit: Die Ausstattung der Schutzpolizisten sei ausreichend.

Über dieses Thema berichtet exakt auch im: Fernsehen | 29.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2017, 18:25 Uhr

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