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Britta Belzer leidet seit Jahren unter Lymphödemen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Behandlung von Lymphödemen Experten sehen "Systemfehler" bei Behandlung

Britta Belzer leidet unter schweren Lymphödemen. Weil es in Deutschland fast keine Kliniken gibt, die akut behandeln, blieb ihr dafür nur der Weg über eine Reha. Keine Problem? Doch, wenn es um die Bezahlung geht.

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Britta Belzer leidet seit Jahren unter Lymphödemen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Schwachpunkt im deutschen Gesundheitssystem verhindert nach Einschätzung von Medizinern eine angemessene Behandlung von Patienten mit schweren Lymphödemen. Denn in Deutschland gibt es so gut wie keine Akutkliniken, die diese Krankheit behandeln. Stattdessen wird diese spezialisierte Behandlung fast ausschließlich in Reha-Kliniken angeboten - was aber für betroffene Patienten häufig mit langen Genehmigungsverfahren bei den Kostenträgern, zum Beispiel der Deutschen Rentenversicherung, verbunden ist. Patienten mit schweren, sich akut verschlimmernden Lymphödemen können dadurch in die Gefahr geraten, dass sie in solchen Fällen nicht die Behandlung bekommen, die nötig wäre.

Ein Beispiel ist die 46-jährige Britta Belzer. Sie leidet seit Jahren unter massiven Lymphödemen: also Einlagerungen von Gewebsflüssigkeit in Armen und Beinen. Diese Flüssigkeitsansammlungen werden mit sogenannten Entstauungen behandelt - speziellen Massagen, manuelle Lymphdrainage genannt, mit begleitender Kompressionsbehandlung (Bandagierungen). Im Zeitraum von neun Jahren zahlte die Deutsche Rentenversicherung Britta Belzer fünf Mal eine solche stationäre Entstauung. Allerdings wurde dies mehrfach zunächst abgelehnt und Belzer musste kämpfen: einmal erhob sie eine Untätigkeitsklage, einmal zog sie vor das Sozialgericht, einmal schaltete sie das Bundesversicherungsamt (als Aufsicht der Rentenversicherung) ein.

 Diese Lymph-Drainage-Therapie ist für mich so extrem wichtig, weil das die einzige Version ist, oder die einzige Möglichkeit, mir zu helfen.

Britta Belzer
Mann
Dr. Karsten Kollecker Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehrfach wurde es für Britta Belzer zum Problem, dass sie heftige Krankheitsschübe erlitt und dann auf eigene Kosten in eine entsprechende Klinik fuhr. Belzers behandelnder Arzt, Dr. Karsten Kollecker, hätte sie in diesen Fällen gerne in eine Akutklinik eingewiesen, aber er sah dazu keine Möglichkeit. Kollecker: "Es gibt in Deutschland leider so gut wie keine Akutkliniken, die lymphologische Patienten behandeln." Da die darauf spezialisierten Krankenhäuser Reha-Kliniken seien, müsse für eine Behandlung dort jedes Mal eine Reha beantragt werden, was für Patienten und Ärzte sehr unbefriedigend sei und im Fall von Ablehnung und Widerspruchsverfahren auch mit einem großen Zeitaufwand (und damit: Zeitverlust) verbunden sein könne.

Für Britta Belzer bedeutete dies, dass sie mehrere Behandlungen in der Klinik am Ende selbst bezahlen musste - was sie an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten brachte. Einmal spendierte ihr sogar ein Mitpatient eine Woche in der Klinik.

Der Chefarzt des Lymphzentrums Nord-West(am Pius-Hospital Ochtrup), Prof. Gerd Lulay, sieht angesichts der gegenwärtigen Situation ein "absolutes Versorgungsdefizit": Die Behandlung des Lymphödems finde in der Akutmedizin praktisch nicht statt, sagte er FAKT. Die langwierigen Genehmigungsverfahren im Bereich der Rehabilitation würden schwer betroffenen Patienten nicht gerecht, da sich das Krankheitsbild akut verschlimmern könne. Lulay: "Das ist ein Systemfehler von vorne bis hinten."

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte demgegenüber auf Anfrage von FAKT, die vollstationäre Krankenhausbehandlung sei nachrangig, wenn die Leistung auch in Rehakliniken erbracht werden könne. Und das sei immer möglich, wenn dies aus medizinischen Gründen dringend erforderlich sei.

Tatsächlich sagen die Gesetze eigentlich, dass medizinische Rehabilitationen, bezogen auf dieselbe Krankheit, frühestens alle vier Jahre erbracht werden können. Aber es ist auch die Ausnahme dieser Regel definiert: Die Vier-Jahres-Regel gilt nicht, wenn die Behandlung "aus medizinischen Gründen dringend erforderlich“ ist.

Ein Arzt untersucht eine Frau mit Lymphödem.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur: Dies muss vom Kostenträger auch anerkannt werden. Anders als bei einer akuten Einweisung, bei der allein der Arzt darüber entscheidet, ob eingewiesen wird oder nicht, muss bei Reha-Anträgen der Kostenträger zustimmen (Genehmigungs-Vorbehalt). Und im Fall von Frau Belzer hat es Situationen gegeben, da waren der ambulant behandelnde Arzt wie auch die Ärzte der Fachklinik, in der Frau Belzer mehrfach behandelt wurde, einig, dass die stationäre Entstauung dringend erforderlich ist. Zudem wurde dies noch durch ein MDK-Gutachten empfohlen. Und trotzdem sagte die Deutsche Rentenversicherung nein.

Das ist ein Problem. Und - mit Blick auf diese Gruppe schwer betroffener Patienten, bei denen das Lymphödem nicht allein Folge der Adipositas ist - wohl in der Tat ein offenkundiger Systemfehler.

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 12:45 Uhr

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2 Kommentare

15.09.2017 08:32 Jessica 2

Herzlichen Dank, ich hoffe das durch den Bericht das Gesundheitsministerium wachgerüttelt wird und uns betroffenen Mitleidenden endlich die korrekte Versorgung der chronischen Erkrankung zugestanden wird. Der Fehler im System ist mehr als offensichtlich und muss schleunigst behoben werden.
Es handelt sich um einen vererbten Gendefekt, somit können wir nicht dafür und haben uns das kranke Fett nicht angefressen, auch wenn diese Meinung leider weit verbreitet ist.
Ich wünsche allen viel Kraft bei dem Kampf gegen diese Krankheit. Denkt dran: aufgeben ist keine Option!

13.09.2017 12:03 Roland Heerstrass 1

Seit nunmehr fast 4 Jahren kämpfe ich gegen die Berufsgenossenschaft und sogesehen gegen unsere Gesundheitspolitik nach einem Arbeitsunfall. Ich bin bei meinem damaligen Arbeitgeber vor einer Treppe auf einem Stück Pappe ausgerutscht und eine Eisentreppe hinuntergefallen. Dabei habe ich mir Prellungen und diverse Stauchungen zugezogen, die letztlich zu Folgeerkrankungen führten und meinen Arbeitgeber dazu veranlassten, meinen da befristeten Arbeitsvertrag nicht zu verlängern. Alle Ärzte, die mich behandelt haben, sprechen bei einer Wirbelsäule von einem "zusammenhängenden Konstrukt", bei welchem z.B. Wirbelkopfbrüche (wurden festgestellt), durchweg als "Fallfolgen" erkennbar seien. Die BG lehnt Kosten ab, weil man eine "degenerative Veranlagung" als Vorerkrankung (war aber bis zum Unfall nicht bekannt!!!) bei der Erstuntersuchung festgestellt hat. Dazu hat aber das Bundessozialgericht ein Urteil gesprochen - Vorerkrankungen sind nur dann zu werten, wenn sie als Auslöser zu sehen sind.