exakt | 26.04.2017 Fall Arnsdorf spaltet Dorfgemeinschaft

Selbstjustiz oder Zivilcourage? Als im vergangenen Mai vier Männer einen irakischen Flüchtling vor einem Supermarkt in Arnsdorf fesselten, war das der Beginn einer kontroversen Debatte. Wie emotional, zeigte sich jetzt auch rund um die Gerichtsverhandlung. Die Bürgermeisterin des Ortes fürchtet eine weitere Spaltung der Dorfgemeinschaft.

Menschen stehen vor einem Haus und halten Schilder in den Händen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rückblick: Arnsdorf, Mai 2016. Dieses Handy-Video zeigt, wie die Männer einen Flüchtling, der psychisch krank gewesen sein soll, aus einem Supermarkt zerrten. Danach fesselten sie ihn bis zum Eintreffen der Polizei an einen Baum. Der Iraker habe im Supermarkt für Stress gesorgt, eine Kassiererin mit zwei Weinflaschen bedroht - behaupten die Angeklagten. Beweise für die Bedrohung fanden sich nicht.

Das Amtsgericht Kamenz am Montagmorgen. Die Rocker vom Motorradclub aus Arnsdorf sind als erste gekommen. Auch sonst sind viele Unterstützer da: NPD-Politiker, Pegida-Anhänger, regionale AfD-Prominenz. Fast alle hier wollen den vier Angeklagten den Rücken stärken, der Anklagevorwurf lautet Freiheitsberaubung.

Die vier Männer erfahren große Solidarität - vor allem von rechts. Um die Anwaltskosten zu bezahlen, werden Spendenaufrufe gestartet. Die Unterstützung kommt nicht von ungefähr: Bernd G. ist Mitglied im lokalen Motorradclub. Auf Facebook erklärte er voriges Jahr alle, die sich für Asylbewerber einsetzen, zu seinem Feindbild. Sebastian R. teilt auf seinem Profil Beiträge der NPD, Pegida und identitären Bewegung. Und positioniert sich seit Jahren klar gegen Flüchtlinge. 

Bürgermeisterin Martina Angermann erlebt, wie sich die Debatte um den Fall durch alle Schichten, auch durch Familien zieht.

Ich denke, dass es schon Diskussionen sind, die auf der Sachebene stattfinden und es wird abzuwarten sein, wie der Prozess ausgeht. Ich kann nur hoffen, dass es keinen Riss durch Arnsdorf gibt, der dann schwerwiegender wird.

Martina Angermann, Bürgermeisterin Arnsdorf

Den Riss haben diese vier Männer vertieft. Nun müssen sie sich vor Gericht verantworten. Der Mann, den sie fesselten, wird nicht als Zeuge aussagen. Er ist tot.

Martina Angermann
Bürgermeisterin von Arnsdorf, Bettina Angermann, fürchtet die Spaltung der Dorfgemeinschaft Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenige Tage vor Prozessauftakt wird der 21-jährige Iraker in diesem Wald gefunden. Vermutlich ist er hier bereits im Januar erfroren, Anzeichen für eine Fremdeinwirkung gibt es nicht, dennoch ermittelt die Mordkommission. Besonders Tragisch: Vom Fundort ist es nur ein guter Kilometer bis zur Asylbewerberunterkunft in Tharandt. Hausbewohner sagen: Schabbas war ein ruhiger Einzelgänger. Wegen seiner starken Epilepsie musste er dreimal am Tag Medikamente nehmen, wurde vom ambulanten Pflegedienst versorgt.

In Pirna treffen wir Hiwa, er übersetzte für seinen Landsmann, der nur kurdisch sprach. 2015 lernten sie sich in Freital kennen. Schabbas Krankheit bestimmte sein ganzes Leben. Hiwa zog weg, Schabbas blieb in Tharandt, war fast nur auf seinem Zimmer. Zuletzt wird Schabbas hier am 02. Januar gesehen, danach verschwindet er. Warum Schabbas erst knapp einen Monat später als vermisst gemeldet wurde, ist offen. Ob er im Wald vielleicht einen Anfall erlitt und danach nicht weiter konnte, wird sich wohl nicht mehr klären lassen.

Für den Prozess waren zehn Verhandlungstage angesetzt, nach nicht einmal vier Stunden einigen sich alle Seiten darauf, dass das Verfahren eingestellt wird. Begründung des Richters: geringe der Schuld und fehlendes öffentliches Interesse an der Strafverfolgung.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2017, 18:46 Uhr

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2 Kommentare

05.05.2017 04:10 Agnostiker 2

Was hat die "syrische Opposition", was wehrhafte Deutsche nicht haben?

03.05.2017 17:09 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 1

Die Einstellung des Verfahrens nach 'nicht mal vier Stunden' war evt. etwas übereilt, wie es jetzt den Anschein hat.

Wenn neben dem Staatsanwalt auch noch ein Zeuge eingeschüchtert wurde, hört sich das für mich nicht mehr ganz unschuldig an.

Wer sich keiner Schuld bewußt ist, kommt doch nicht auf die Idee, Zeugen und Staatsanwaltschaft zu bedrohen...
Und auch als Unbeteiligter hilft man den Angeklagten wohl kaum, wenn Prozeßbeteiligte bedroht werden...

Zumind. werde ich, wenn ich mal zufällig durch Arnsdorf komme, wohl nicht im dortigen Discounter einkaufen gehen. Nein, ich denke, ich werde es versuchen zu vermeiden, zufällig nach Arnsdorf zu kommen.