Exakt - Die Story | 19.10.2016 | 20:45 Uhr Leben ohne Wohnung

Niederlagen und Tiefschläge in Familie und Beruf, Hoffnungslosigkeit, Trägheit, Alkoholsucht - das sind häufig die Auslöser und Gründe für den Weg aus der geordneten bürgerlichen Existenz in die Obdachlosigkeit. Im reichen Deutschland sind hundertausende Menschen davon betroffen. Einrichtungen bieten wohnungslosen Menschen vielerorts wenigstens ein Dach über dem Kopf. Doch die Qualität dieser Häuser schwankt sehr.

Über 300.000 Menschen sind deutschlandweit wohnungslos. Und die Prognosen sind düster. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin schätzt, dass bis zum Jahr 2018 etwa eine halbe Million Menschen ohne eigene Wohnung sein werden. Private Schicksalsschläge, lange Arbeitslosigkeit, Schulden - die Gründe für den sozialen Abstieg sind vielfältig. Viele Betroffene sind alleinstehend und männlich. Nicht selten spielt Alkohol eine entscheidende Rolle.

Dr. Thomas Specht, Geschäftsführer Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe
Bildrechte: MDR/Exakt - Die Story

Die Leipziger Psychologin Dr. Carolina Mayer beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Sie hat festgestellt: Die überwiegende Mehrzahl der Betroffenen sind Männer. Und das hat seine Gründe: Männer hätten eher als Frauen Probleme damit, sich mit emotionalen Problemen auseinanderzusetzen, wie sie beispielsweise durch Trennungen von der Partnerin oder durch berufliche Misserfolge hervorgerufen werden. Oftmals wird versucht, mit Alkohol damit fertig zu werden - oder eben das Problem "im Suff zu ertränken".

Wir sprechen wirklich von einer verletzlichen Personengruppe. Niedrige Bildung kann mit einen Einfluss haben, eine psychische Erkrankung kann mit einen Einfluss haben. Im Grunde genommen trifft es eher eine Personengruppe, die eine große Hilfsbedürftigkeit hat, wo eben einschneidende Lebensereignisse nicht gut verarbeitet werden können.

Dr. Carolina Mayer

Heime für wohnungslose Menschen sind für viele Betroffene die letzte Zuflucht, wenn sie von der Straße weg wollen. Kommunen sind verpflichtet, wohnungslosen Menschen eine menschenwürdige Unterbringung zur Verfügung zu stellen. Das reicht von simplen Übernachtungsmöglichkeiten bis hin zu mietähnlichen Lösungen. Exakt - Die Story hat drei solcher Einrichtungen besucht. Eine davon ist das von Kerstin Täuber privat betriebene "Regenbogenhaus" in Zwickau. Sie sagt:

Jeder von uns kann in eine solche Situation kommen. Das geht ganz schnell.

Kerstin Täuber

Seit acht Jahren kümmert sich die 62-Jährige in der Einrichtung um gestrauchelte Existenzen. Und sorgt dafür, dass die Bewohner des Hauses etwas Ordnung in ihr Leben bringen.

Na weil das eigentlich ganz arme Hieverle sind. Die wären doch sonst auf der Straße. Wo sollen die denn hin? Die würden sich dann abends auf die Parkbank oder irgendwo - die will ja keiner mehr, die will ja wirklich niemand mehr.

Kerstin Täuber

In Riesa betreibt das DRK die Notunterkunft und hat ein Konzept. Durch gezielte Förderung und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sollen die Bewohner wieder in ein selbstständiges Leben zurückgeführt werden. Das Recht, hier zu wohnen, ist mit Pflichten verbunden. Zum Beispiel Putzen.

Man muss die Menschen anleiten, einen Eimer in die Hand zu nehmen und den Wischlappen zu nehmen. Es funktioniert ja bei uns auch. Es wird für alle Tätigkeiten ein Plan aufgestellt, gemeinsam mit den Bewohnern. Es wird kontrolliert, das ist ganz wichtig.

Heimleiterin Ute Grajek

Menschenunwürdige Zustände herrschen hingegen in einer kommunalen Unterkunft für wohnungslose Menschen in Köthen. Verdreckte Zimmer und sanitäre Einrichtungen, Ungeziefer, alkoholabhängige Bewohner, die sich selbst überlassen werden.

Im Obdachlosenheim Köthen

Vor einem Sofa auf dem Boden stehen mehrere leere Schnapsflaschen.
Alltag Alkohol Bildrechte: newsdoc
Vor einem Sofa auf dem Boden stehen mehrere leere Schnapsflaschen.
Alltag Alkohol Bildrechte: newsdoc
In einem kleinen Zimmer sitzt ein Mann auf einem Bett und isst ein belegtes Brot.
Trostlosigkeit: Bewohner Bernd Ritter Bildrechte: newsdoc
In einem kleinen Zimmer liegt ein bärtiger Mann auf einem Bett.
Trostlosigkeit: Bewohner Helmut Marx Bildrechte: newsdoc
Ein Mann sitzt auf einem Sofa.
Trostlosigkeit: Bewohner Eckhard Zoch Bildrechte: newsdoc
ein stark verschmutztes Zimmer
Unzumutbare Zustände: Peter Modrack in seinem Zimmer Bildrechte: newsdoc
ein stark verschmutztes Zimmer
Verwahrlostes Zimmer Bildrechte: newsdoc
Ein stark verschmutztes Toilettenbecken.
Verwahrlosung: verdrecktes Gemeinschaftsklo Bildrechte: newsdoc
In einem Eimer liegen mehrere tote Mäuse.
"Mitbewohner": getötete Mäuse Bildrechte: newsdoc
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Zwar verspricht die Kommune Abhilfe, monatelang passiert jedoch nichts. Für die Bundsarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist das ein Skandal.

Das ist rechtlich unhaltbar. Jede Gemeinde hat freiwilligen Aufgabe und Pflichtaufgaben. Die ordnungsrechtliche Unterbringung zählt zu den Pflichtaufgaben. Sie muss sie ausführen. Das heißt, sie muss diese Mittel auch sofort freigeben, muss sie sofort umsetzen und handeln.

Dr. Thomas Specht, Geschäftsführer Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 15:04 Uhr