Zeichnung einer maskierten Figur, die eine Weltkugel auf der Hand balanciert.
Bildrechte: Pixabay

Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 14.06.2017 | 20:45 Uhr Achtung! Verschwörung

Die Erde ist eine Scheibe, die Bundesrepublik eine GmbH und Kondensstreifen in Wahrheit die Sprühspuren giftiger Substanzen. Nur drei Geschichten von vielen, die sich besonders im Netz rasend schnell verbreiten. Und es sind vor allem Geheimdienste, Finanzlobby und Regierungen, die unter Verdacht stehen, die Öffentlichkeit zu manipulieren und zu belügen.

Zeichnung einer maskierten Figur, die eine Weltkugel auf der Hand balanciert.
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Detlef bezeichnet sich selbst als Mind-Control-Opfer. Er ist davon überzeugt, dass er seit über 30 Jahren durch elektromagnetische Strahlung ferngesteuert wird. Ohne seine Einwilligung würden geheime Mächte an ihm Experimente durchführung und versuchen, ihn zu manipulieren. Und er sei bei weitem nicht das einzige Opfer.

Ich glaube, dass es hier in Deutschland viele Leute gibt, die Mind Controlled werden.

Renate wiederum glaubt fest daran, dass Flugzeuge, die man täglich am Himmel sehen kann, heimlich Chemikalien versprühen. Das, was die Wissenschaft als Abgasfahnen bzw. Kondensstreifen beschreibt, sind in ihren Augen Stoffe, mit denen das Wetter manipuliert wird.

Was Renate uns schildert, ist Teil einer der populärsten Verschwörungstheorien überhaupt: die Chemtrail-Bewegung. Eine zentrale Figur dieser Szene ist Werner Altnickel. Er war bis 2004 einer der führenden Aktivisten von Greenpeace in Deutschland, mehrere Umweltpreise hat er erhalten. Altnickel liefert regelmäßig neue "Informationen" und Belege für angebliche Verschwörungen rund um Chemtrails. Und glaubt, dass die westlichen Staaten mit dem Sprühen von Chemikalien aus Flugzeugen das Wetter kontrollieren. Damit, so meint er, könnten Kriege heraufbeschworen werden, wenn etwa ein Staat mittels Chemtrails dafür sorge, dass es beispielsweise in Nachbarländern nicht mehr regnet.

Beispiele für Verschwörungstheorien

Zeichnung einer maskierten Figur, die eine Weltkugel auf der Hand balanciert.
Finstere Mächte sollen am Werk sein. Davon sind Schätzungen zufolge auch Hunderttausende Deutsche überzeugt. Bildrechte: Pixabay
Zeichnung einer maskierten Figur, die eine Weltkugel auf der Hand balanciert.
Finstere Mächte sollen am Werk sein. Davon sind Schätzungen zufolge auch Hunderttausende Deutsche überzeugt. Bildrechte: Pixabay
Flugzeug mit Kondensstreifen
Als angeblicher Beweis dafür werden Kondensstreifen genannt, die von Flugzeugen in der Luft erzeugt werden. Es soll sich in Wahrheit, so meinen Anhänger der Chemtrail-Theorie, um Sprühspuren giftiger Substanzen handeln. Bildrechte: Colourbox.de
Eine Brau blickt in den Himmel.
Verschwörungstheorien gibt es viele. Diese Frau glaubt an Wettermanipulation durch Chemtrails. Bildrechte: MDR/Alexander Hodam
Ein Mann steht vor einer Wand, an der Zettel hängen.
Werner Altnickel, der wohl bekannteste Verfechter der Chemtrail-Theorie. Bildrechte: MDR/Roman Schlaack
Ein Mann sitzt in einem Zimmer.
Dr. Achim Held: Der Informatiker aus Kiel ist der Erfinder der Bielefeld-Verschwörung. Bildrechte: MDR/Roman Schlaack
Ein Mann hält einen stiftähnlichen Gegenstand in der Hand.
Marcel glaubt, dass Barcodes krank machende Strahlen abgeben und Unheil verbreiten. Bildrechte: MDR/Jürgen Mayrthaler
Ein Mann steht vor einem Bücherregal und hält ein Buch in der Hand.
Thorsten floh vor der angeblich drohenden Apokalypse nach Spanien. Heute setzt er sich kritisch mit Verschwörungstheorien auseinander. Bildrechte: MDR/Riccordo Giese
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Nicht selten finden sich im Umfeld von Verschwörungstheorien auch volksverhetzende Aussagen und rechtsradikales Gedankengut. So wird etwa im Internet in Facebook-Gruppen oder Foren darüber diskutiert, wie man beispielsweise die angeblich gefährlichen Chemtrail-Flugzeuge vom Himmel holen könnte. Und nicht nur das: Werner Altnickel ist stolz darauf, bis heute Mitglied bei den Grünen zu sein. Dabei bietet er seinen Anhängern strammes rechtes Gedankengut. Anfang 2017 trat er als Redner auf einer Veranstaltung eines rechtskräftig verurteilten Holocaust-Leugners auf. Seine These: Die Flüchtlingskrise sei gesteuert, um die Europäer auszurotten. Damit griff er eine These auf, die von der sogenannten Identitären Bewegung vertreten wird. Die rechtsextreme Bewegung propagiert eine kulturelle Reinhaltung der Gesellschaft. Ein Parteiausschlussverfahren gegen Altnickel läuft bereits - bislang jedoch ohne Ergebnis.

Verschwörungsglaube und Rechtsextremismus liegen nahe beeinander, so der Stendaler Gesellschaftspsychologe Prof. Thomas Kliche. "Wenn Sie so wollen, ist der Rechtsextremismus eine einzige, riesige Verschwörungstheorie. Der sagt ja: Wir sind toll und wir werden bedroht von irgendwelchen seltsamen Gruppen von außen.  Die sagen das zum Teil gar nicht offen, sondern die unterwandern uns. Oder die wollen uns umvolken. Oder die wollen unsere Erbsubstanz zerstören und unsere Kultur zersetzen. Und wir müssen uns verteidigen."

Verschwörungstheorien sind so alt wie die Menschheit selbst, so Experte Prof. Kliche. Je komplizierter die Welt, desto mehr seien Menschen auf der Suche nach Sündenböcken, erklärt er.

Das wissen wir aus dem Mittelalter. Da ging‘s dann um Ketzer und jüdische Brunnenvergifter. Und Hexen, die irgend jemandem etwas angetan haben, die Schweine getötet und das Wetter schlecht gemacht haben.

Prof. Dr. Thomas Kliche

Der Politologe und Gesellschaftspsychologe bezeichnet solche Verschwörungstheorien als eine Form der "Wirklichkeitsverweigerung". Sie ließen sich nicht durch Argumente aus der Welt schaffen. "Weil sie in sich selbst die Immunisierung trägt. Sie macht sich dicht gegen Wahrheit und Wirklichkeit und deren Prüfung."

Wie leicht es ist, Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, zeigt das Beispiel der Stadt Bielefeld. An deren Existenz hegt so mancher ernsthafte Zweifel. Und das seit mehr als 20 Jahren! Schuld daran ist Achim Held. Der Informatiker aus Kiel erfand eine eigene Verschwörungstheorie und ließ die Stadt verschwinden. Alles begann bei einer Studentenfeier, als jemand im Scherz sagte: "Bielefeld? Das gibt's doch gar nicht!"

Held schrieb einen satirischen Text, in dem er diese Aussage mit allerlei angeblichen Beweisen untermauerte, und veröffentlichte ihn. Obwohl das Internet Mitte der 90er Jahre noch in den Kinderschuhen steckt, verbreitet sich die Geschichte wie ein Lauffeuer. Achim Held ist vom Erfolg seiner Satire selbst überrascht. "Also die absurdeste, aber auch so ein bisschen tragische Geschichte war, dass mal jemand bei mir vor der Tür stand. Mir erzählte, er würde auch diverse Verschwörungstheorien verfolgen. Seine Ärztin würde auch im Auftrag der Regierung Experimente mit ihm unternehmen und er glaubt, er hätte in mir jetzt einen Mitstreiter gefunden. Selbst, als ich dann versucht habe, ihm klar zu machen, dass es sich bei meinem Text um Satire handelt, glaube ich nicht, dass ich ihn damit überzeugt habe. Als der wieder weggefahren ist, ich bin mir sicher, er hat geglaubt, jetzt haben sie mich auch erwischt."

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2017, 09:26 Uhr