exakt | 07.06.2017 Gewalttätige Patienten in der Notaufnahme

Sie pöbeln, schlagen um sich, sind unberechenbar - immer öfter greifen Patienten in Notaufnahmen das Personal an. Oft ist Alkohol die Ursache. Aber auch bei den nüchternen Patienten ist die Hemmschwelle gesunken. Eine gewisse Wartezeit, auch in einer Notaufnahme oft unvermeidlich, lässt manchen schon verbal ausfällig werden. Viele Kliniken engagieren inzwischen Sicherheitsdienste, um Ärzte und Schwestern zu schützen. Eine Reportage aus Magdeburg.

Polizisten bei einem Patienten in der Notaufnahme eines Krankenhauses
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein volltrunkener Patient in der Notaufnahme der Uniklinik Magdeburg. Schwester Karin will den Blutdruck messen, doch der Mann wehrt sich. Er reißt sich sogar die Kanüle aus dem Arm. Der Arzt ordnet deshalb an, die Arme des Patienten zu fixieren. Zum Schutz des Personals sind Sicherheitsleute dabei. Dennoch wird der Patient ausfällig. Beleidigungen, Handgreiflichkeiten: Das ist inzwischen Alltag in den Notaufnahmen, überall in Deutschland.

Sie wollen helfen und werden dafür angepöbelt. Schwester Karin und ihre Kollegen erleben solche Situationen immer häufiger.

Dass man aus dem Nichts angegriffen wird, hauptsächlich auch von alkoholisierten Patienten. Aber es gibt auch Patienten, die nicht unbedingt alkoholisiert sind, die dann auch verbal sehr schnell laut werden. Und die einen dann auch manchmal schon angehen.

Schwester Karin

Häufig werden die Patienten auch handgreiflich, erzählt Schwester Karin. Deshalb hat die Uniklinik beschlossen, das Personal besser zu schützen. Seit anderthalb Jahren gibt es in den Nachtschichten einen Sicherheitsdienst in der Notaufnahme. Die Männer sind vor allem bei alkoholisierten Patienten zur Stelle.

Übergriffe in der Notaufnahme

Notaufnahme
In den Notaufnahmen häufen sich Übergriffe auf das Personal. Auch in der Uniklinik Magdeburg werden Ärzte, Sanitäter und Schwestern immer öfter angepöbelt oder sogar tätlich angegriffen. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Notaufnahme
In den Notaufnahmen häufen sich Übergriffe auf das Personal. Auch in der Uniklinik Magdeburg werden Ärzte, Sanitäter und Schwestern immer öfter angepöbelt oder sogar tätlich angegriffen. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Medizinisches Personal und Kameramann vor einem Kernspintomographen
Wenn ein Patient mit lebensbedrohlichen Verletzungen eingeliefert wird, dann müssen sich mehrere Fachärzte und Schwestern um ihn kümmern. Dadurch entstehen Wartezeiten für andere Patienten. Manche verlieren dann die Geduld und lassen ihren Frust am Klinikpersonal aus. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes
Seit Anfang 2016 wird in der Notaufnahme der Uniklinik Magdeburg ein Sicherheitsdienst eingesetzt. Allein die sichtbare Anwesenheit der Männer hilft oft schon, eine Situation zu beruhigen. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes
Der Sicherheitsmitarbeiter redet beruhigend auf einen stark alkoholisierten Patienten ein, der eine Gesichtsverletzung hat und ungeduldig ist. Seit die Sicherheitskollegen vor Ort sind, habe sich die Situation deutlich entspannt, so berichten Schwestern und Pfleger. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Polizisten und Rettungssanitäter an einem Krankenhausbett
Regelmäßig wird die Polizei in die Notaufnahme gerufen. Denn die Handhabe der Sicherheitsmitarbeiter ist begrenzt. Muss ein Patient gegen seinen Willen fixiert werden, braucht es polizeiliche Unterstützung. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Monitor
Überwachungskameras erlauben einen Überblick über die Zufahrt, den Eingang, das Wartezimmer und die Flure. So können auch die Sicherheitsmitarbeiter sehen, wo eventuell eine brenzlige Situation entsteht. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Krankenhausgang
Eine Sicherheitsvorkehrung, die nur in Ausnahmefällen eingesetzt wird: Ein Patient, der um sich schlägt und sich selbst sowie das Personal gefährdet, kann mit Gurten fixiert werden. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Uhren in einem Gang
Vor allem in den Nächten, an Wochenenden und Feiertagen müssen sich die Klinikmitarbeiter auf aggressive Patienten einstellen. Oft sind es Männer, die zu viel Alkohol getrunken haben. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
Eingang Notaufnahme
Vor allem die verbalen Aggressionen haben zugenommen, aber auch körperliche Attacken kommen immer häufiger vor. Das bestätigen Notaufnahmen in Magdeburg, Leipzig und Chemnitz. Viele Kliniken veranstalten deshalb Sicherheitsschulungen und Deeskalationstrainings für Ärzte und Pflegepersonal. Bildrechte: Jana Merkel/ MDR
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Wieder ein Neuzugang in der Notaufnahme, der Mann ist so betrunken, dass er bewusstlos ist. Schwester Marina muss ihm trotzdem Blut abnehmen. Der Sicherheitsdienst berührt den Patienten nicht – ist aber da, falls er sich plötzlich gegen die Schwester wehrt.

Weil manche, gerade solche, mal ganz kurz aufwachen und uns einen zuhauen. Weil sie das nicht haben wollen, ganz einfach. ...Dann brauchen wir halt den Sicherheitsdienst. Ohne den geht’s gar nicht.

Schwester Marina

Kurze Pause für Schwester Karin und Notarzt Markus Rettig. Er leitet die Notaufnahme und weiß, dass die zunehmenden Übergriffe seine Leute an ihre Grenzen bringen. Die Klinik musste für mehr Sicherheit sorgen, auch, um kein Personal zu verlieren.

Es gibt sicherlich Überlegungen bei dem einen oder anderen Mitarbeiter, aus diesem Grund die Notaufnahme verlassen zu wollen, lieber in einen ruhigeren Bereich zu wechseln.

Markus Rettig, Leiter der Notaufnahme

Fünf von sieben angefragten Notaufnahmen in Mitteldeutschland bestätigen: Die Übergriffe häufen sich. Viele Kliniken rüsten auf. Mit Sicherheitspersonal, Überwachungskameras und Schulungen für Ärzte und Schwestern.

Die Sicherheitsleute wirken wie ein Fels in der Brandung. Sie stehen dem Team zur Seite und beruhigen ungeduldige Patienten. Tatsächlich eingreifen dürfen sie nur im Ernstfall, um sich selbst oder das Personal zu schützen. In manchen Fällen hilft aber nur noch die Polizei. Ein psychisch kranker Patient muss gebändigt werden. Aggression als Krankheitssymptom – auch das kommt vor.

Wenn der Sicherheitsdienst hier eingreift und da irgendwie Zwang anwendet gegen jemanden. Der macht zwar praktisch dasselbe wie wir. Aber er darf es ja nur zur Nothilfe oder zur Notwehr. Ja, und nicht um jetzt einen Patienten hier ruhigzustellen, wenn der fixiert werden muss oder so was. Da muss die Polizei gerufen werden zur Amtshilfe.

Polizist

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2017, 21:29 Uhr

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