Exakt | 16.11.2016 Überlastete Hausärzte – Wenn zu viel Arbeit bestraft werden soll

Über 1.000 Patienten im Quartal, lange Sprechstunden und abends dann noch Hausbesuche: Das Pensum mancher Hausärzte ist enorm. Ihr Antrieb? Fehlende Nachfolger, zu wenig andere Hausarztpraxen - vor allem auf dem Land. Wenn sie es nicht tun, wer kümmert sich sonst um die lange Reihe der Patienten?

Volle Wartezimmer noch bevor die Sprechstunde beginnt. Das ist auch für den Allgemeinarzt Lothar Ritter Praxisalltag. Seit 25 Jahren hat Mediziner Ritter seine Praxis in der Plattenbausiedlung am Rande von Borna. Früher hat er selbst hier gewohnt. Die Stadt hat seit der Wende knapp 10.000 Einwohner verloren. Die zu DDR-Zeiten in den Tagebauen rund um Borna arbeiteten, sind weggegangen oder schon lange arbeitslos. Sprechstunde zwischen Abrissbagger und Sozialkaufhaus. Hier sind viele kränker als anderswo.

Die meisten haben dann psychische Störungen. Die sind verschlissen vom Bergbau, haben Probleme mit dem Bewegungsapparat und dann noch Depression. Die Schmerzen und dann arbeitslos auf lange Sicht, das ist eine Summation und dann kommen die sehr oft zum Arzt.

Lothar Ritter

Für jede Leistung, die der Arzt bei der KV abrechnet, wird nach Richtlinien ein bestimmter Zeitfonds angesetzt, festgelegt von der kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Krankenkassen. 780 Stunden pro Quartal dürfen es sein – Ritter kommt auf 1.400 Stunden. Deshalb erhielt Lothar Ritter Post von der KV Sachsen, die gesetzlich verpflichtet ist, die Ärzte zu kontrollieren. Man habe in einer sogenannten Plausibilitätsprüfung eine deutliche Überschreitung des Zeitfonds festgestellt, die: "… den Verdacht aufkommen (lassen), dass die abgerechneten Leistungen nicht…erbracht… sein können."

Vor allen Dingen dieser Vorwurf, wir würden unsachgemäß abrechnen und die anderen Ärzte hätten nicht so viele chronisch Kranke, das hat mich schon verletzt. Wenn die Patienten kommen, muss ich sie ja behandeln. Ich kann ja nicht sagen, jetzt ist meine Zeit rum, jetzt geht ihr nach Hause.

Lothar Ritter

Die Kassenärztliche Vereinigung fordert nun über 180.000 Euro an Honorar zurück, allein für die Jahre 2012 und 2013. Statt einer Mittagspause stehen bei Lothar Ritter Hausbesuche an. Im Umkreis von 50 Kilometern reist er zu seinen betagten Patienten nach Hause oder in die Pflegeheime. Auch das ist ein Grund für die beanstandete Zeitüberschreitung.

Laut kassenärztlicher Vereinigung werden pro Quartal etwa 1.700 Abrechnungen wegen einer Zeitfondsüberschreitung beanstandet, bei 100 sächsischen Ärzten Regressansprüche in Höhe von insgesamt einer Million Euro gestellt. Für Leistungen, die die Ärzte zwar erbracht haben - die aber laut Gesetz nicht sein dürfen. Ein Fehler im System? Die KV Sachsen will das Zeitkontingent erhöhen, stößt aber bisher bei den zuständigen Behörden auf wenig Gegenliebe.

Exakt hat Lothar Ritter einen Tag lang begleitet. 80 Patienten hat er an diesem Tag behandelt. Und ein Feierabend ist nicht in Sicht. Es kommt ein Hilferuf aus einem Heim –und Lothar Ritter kann wieder nicht nein sagen.

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2016, 21:06 Uhr

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8 Kommentare

17.11.2016 21:19 Thomas Teichmüller 8

Ich war fast 20 Jahre als Kassenarzt tätig, dann habe ich das Handtuch geworfen. Wegen eines Regresses bin ich bis zum Bundessozialgericht gegangen. Was ich da erlebt habe, war eine Farce! Wenig später hat die AOK über 20 Ärzte unseres Krankenhauses wegen Abrechnungsbetruges angezeigt. Die AOK-Lobyisten in Berlin hatten zuvor dafür gesorgt, dass spezielle Staatsanwalten für "Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen" eingerichtet wurden. Da die Staatsanwälte keine Ahnung vom komplizierten Sozialrecht hatten, wurden Gutachten eingeholt, die wen wunderts, von ehemaligen AOK'lern erstellt wurden. Die Sache wird dann ohne Prozeß geregelt.
Entweder man zahlt oder man erhält Berufsverbot. Das nenne ich Erpressung!

Ein Staat der seine Ärzte kriminalisiert, wird selber über kurz oder lang in existenzielle Schwierigkeiten geraten. Ich arbeite überall in der Welt als Arzt aber nie wieder in Deutschland!

17.11.2016 15:12 Holger Reichert 7

die Zahlen der KV können nie stimmen und sind viel zu niedrig, mein "Regress" bewegt sich schon für 4 Jahre um die 340.000 Euro, der Streit zieht sich bereits über mehrere Jahre...und ich sehe keine Chance, aus diesem Schlamassel herauszukommen.

17.11.2016 11:50 Thomas 6

Gut dass Sie dieses Thema aufgreifen. Herr Kollege Ritter ist lange kein Einzelfall. Es handelt sich wohl eher um einen Flächenbrand. Ich kenne mehrere betroffene Kollegen. Allerdings scheinen mir die Zahlen, die die KV nennt, deutlich zu tief angesetzt sein, multiplizieren Sie Herrn Ritters Regress mal 100 oder mehr! Bleiben Sie am Ball, denn der Hausarztnachwuchsmangel kommt doch nicht von ungefähr. Warum sollten sich junge Kollegen freiwillig diesem Wahnsinn aussetzen?

17.11.2016 08:28 Kerstin 5

Statt solche verantwortungsvolle Ärzte zu bestrafen,sollten sie besser honoriert und unterstützt werden

17.11.2016 07:19 Holger Reichert 4

Ich zähle auch zu den betroffenen 100 Hausärzten, seit 2010 kämpfe ich gegen 2 "Zeitregresse" der KV Sachsen, Summe bei mir etwa doppelt so hoch wie bei Kollege Ritter, bisher NULL Erfolg, weder Einsprüche oder gerichtliches Vorgehen haben etwas gebracht. Bin gerne bereit, weitere Informationen bereitzustellen...

16.11.2016 22:46 wilhelm 3

Wenn sich diese Sesselfurzer endlich mal bequemen würden ihren Hintern zu erheben und sich in der Praxis der Ärzte umsehen würden, würden sie vielleicht auch verstehen, dass an diesem System etwas nicht stimmt. Dieser Arzt verdient aller höchste
Hochachtung!

16.11.2016 20:41 Lutz Raabe 2

Dieser Mann verdiehnt das Bundesverdiehnstkreuz 1. Klasse.

16.11.2016 19:22 Thüringer Sachse 1

Nicht die Patienten sind zu krank, sondern das Abrechnungssystem der KV. In jeder anderen Branche erhält derjenige mehr, der mehr arbeitet. Bei den niedergelassenen Ärzten wird man hierfür sogar noch bestraft. Ist mir schon klar, dass man das bei der KV nicht versteht, wo man nach 15 Uhr und freitags ab 12 Uhr keinen mehr erreicht...