exakt | 14.06.2017 Medikamenten-Engpässe von Pharmaherstellern

Seit Jahren kommt es immer wieder zu Engpässen bei der Lieferung von teils lebenswichtigen Medikamenten, darunter Narkosemittel, Antibiotika, Krebspräparate. Die Pharmafirmen begründen das häufig mit Produktionsproblemen. - Experten ist aufgefallen, dass es bei einigen Medikamenten nach einem 'Lieferengpass' zu erheblichen Preissteigerungen gekommen ist.

Krebspatient
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Seit Jahren kommt es immer wieder zu Engpässen bei der Lieferung von teils lebenswichtigen Medikamenten, darunter Narkosemittel, Antibiotika, Krebspräparate. Anästhesist Andreas Poppelbaum muss wieder einmal ein anderes Narkosemittel einsetzen. Die Infusion mit dem Wirkstoff Remifentanil ist seit Anfang März Mangelware. Der Arzt geht davon aus, dass die Medikamente bis Ende Juli reichen könnten.

Allerdings nur, wenn er das Narkosemittel rationiert, bei vielen Operationen auf alternative Mittel zurückgreift. Bisher war Remifentanil die erste Wahl, schnell wirksam, schnell abbaubar. Besonders für Eingriffe bei kleinen Kindern und für länger andauernde Operationen, hält es Andreas Poppelbaum für unverzichtbar. Das Narkosemittel ist für die niedergelassenen Anästhesisten in ganz Deutschland aber kaum noch zu haben.

Lieferengpässe bei Medikamenten gibt es seit Jahren. Aktuell haben Pharmafirmen bei 27 Medikamenten Lieferschwierigkeiten gemeldet, darunter auch Krebsmittel und Antibiotika. Meist wegen Verzögerung in der Herstellung oder Produktionsproblemen. Aber ist das tatsächlich immer so? Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen „Arznei-Telegramm“ hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Ihm sind Zusammenhänge zwischen Lieferengpässen und starken Preissteigerungen aufgefallen.

Wir werten ja Literatur zu Nutzen und Risiken von Arzneimitteln aus und beschäftigen uns nebenbei auch mit den Kosten. Das springt einem das sofort ins Auge, wenn Preise so stark steigen und wenn das auch noch international diskutiert wird in verschiedenen Zeitungen.

Wolfgang Becker-Brüser, Arznei-Telegramm

Aufgefallen war ihm das bei der Arzneimittelfirma Aspen Pharma - ein weltweit agierender Konzern mit Hauptsitz in Südafrika, spezialisiert auf Herstellung und Vertrieb von sogenannten Generika, oft altbewährten Medikamenten. Aspen soll lebenswichtige Krebsmedikamente künstlich zurückgehalten haben, um massive Preissteigerungen zu erzwingen. Ein heftiger Vorwurf.

Aspen hatte fünf Krebsmittel gekauft, das sind Arzneimittel, schon jahrzehntealt sind und für die es aber keine Konkurrenzprodukte gibt. Die haben also eine Sonderstellung, eine Einzelstellung. Und diese Einzelstellung hat die Firma ausgenutzt, um die Preise zu erhöhen und die Gesundheitssysteme z.B. in Spanien und Italien unter Druck zu setzen, dass man 15-fache Preissteigerungen in Kauf nimmt, um die Produkte auf dem Markt zu halten. Und wenn das nicht gemacht wird, nicht akzeptiert wird diese hohen Preise, wurde angedroht, die Produkte vom Markt zu nehmen.

Wolfgang Becker-Brüser, Arznei-Telegramm

Preissteigerungen auf Kosten von schwerkranken Patienten? An der Uniklinik Dresden gab es einen Engpass lebensnotwendiger Medikamente für Leukämiepatienten.

Wenn es nicht vorhanden ist, bedeutet das, das man entweder die Behandlung nicht rechtzeitig oder später durchführen muss oder im Extremfall keine Transplantation machen kann. Was für den Patienten ein extremer Nachteil ist, weil er deswegen nicht so große Heilungschancen hat, wie er es sonst mit dem Medikament hätte.

Martin Bornhäuser, Uniklinik Dresden

Jetzt sind die Krebsmittel wieder vorhanden, aber deutlich teurer. In Deutschland stieg der Preis zum Beispiel bei Alkeran um das 2,5-fache, bei Leukeran um das 2,6-fache. Während in Deutschland die Preise für die Krebsarzneien eher „moderat“ stiegen, erhöhte sie Aspen Pharma in anderen EU-Staaten wie England um das 11-fache, in Italien sogar um das 15-fache.

Letztendlich hat die Firma Aspen schwerkranke Patienten als Druckmittel genommen, um Höchstpreise für ihre Krebsmittel durchzusetzen.

Wolfgang Becker-Brüser, Arznei-Telegramm

Was sagt Aspen Pharma zu den Vorwürfen? Auf Anfrage von „exakt“ rechtfertigt der Hersteller die exorbitante Preiserhöhung. Zitat: „Bei den betroffenen Produkten hatte viele Jahre lang keine Preiserhöhung stattgefunden. In einigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union waren die Preise der Produkte seit mehr als 50 Jahren nicht erhöht worden.“

Das Problem: Läuft z.B. bei einem Krebsmitteln das Patent ab, sinkt automatisch der Preis, weil jetzt auch andere Hersteller ähnliche Produkte auf den Markt bringen können. Dieser Generika-Markt scheint für viele Unternehmen nicht mehr lukrativ zu sein. Prof. Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, sieht die Preisentwicklung bei diesen Medikamenten mit großer Sorge.

Wenn es jetzt dazu kommt, dass in gewissen Bereichen wie z.B. der Krebsmedizin diese Generika wieder sehr hohe Preise erzielen, auch weil keine Konkurrenzprodukte auf dem Markt vorhanden sind, dann wird das die Finanzierbarkeit unseres solidarisch finanzierten Gesundheitssystems gefährden und ich würde denken, diese Entwicklung ist sehr, sehr bedrohlich.

Wolf-Dieter Ludwig, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Wegen massiver unangemessener Preiserhöhungen hat jetzt die Europäische Kommission ein förmliches Untersuchungsverfahren gegen Aspen Pharma eröffnet. Es ist das erste Mal, dass die europäische Kartellbehörde wegen Wucherpreisen im Pharmabereich ermittelt. Sollte das Untersuchungsverfahren die Vorwürfe bestätigen, müsste Aspen Pharma bis zu zehn Prozent seines weltweiten Jahresumsatzes als Strafe zahlen.

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2017, 11:40 Uhr

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