Exakt | 18.01.2017 Obdachlos im Winter

Es ist kaum vorstellbar: auf einem verlassenen Gelände direkt hinter dem Leipziger Hauptbahnhof, praktisch im Zentrum der Messestadt, hausen Obdachlose in heruntergekommenen ehemaligen Lagerhallen. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, bei eisigen Temperaturen. Kein ungefährlicher Ort - erst kürzlich kam ein Mann hier bei einem Brand ums Leben. Warum Angebote für Wohnungslose nicht jeden erreichen und warum einige das Überwintern in Abrisshallen vorziehen.

Ein Obdachloser lebt in einer Lagerhalle
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Der Winter ist für Obdachlose besonders hart. In Leipzig wohnen einige von ihnen in leeren Lagerhallen. Gefahrlos ist das jedoch nicht.

Exakt Mi 18.01.2017 20:15Uhr 07:20 min

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Vom Leipziger Hauptbahnhof bis zu Andrés sogenannter Wohnung ist es nicht weit. Die Adresse? Unklar. Der 33-Jährige lebt in einer der Abrisshallen auf einer Brache hinter dem Bahnhof.

So schlimm ist es gar nicht hier hinten zu schlafen. Schlimm ist halt die Kälte. Es ist ziemlich kalt nachts. Gut, ich habe jetzt drei Schlafsäcke, aber das hilft manchmal auch nicht.

André Krebs, Obdachloser

Seit André 14 ist, lebt er auf der Straße. Seither hatte er zweimal einen Mietvertrag, doch wegen Mietschulden verlor er die Wohnungen. Schon sechs Wochen haust Andre in dieser Halle, ohne Strom, ohne fließend Wasser, ohne WC. Dennoch zieht André das Alleinsein einem Mehrbettzimmer im Obdachlosenheim vor. Dort würde man nur beklaut, meint er. Außerdem sind in diesen Unterkünften Drogen und Alkohol verboten. Die Bewohner der Hallen heizen und kochen mit offenem Feuer. Nicht ungefährlich.

Die Polizei schaut gerade jetzt im Winter oft nach dem Rechten. Das hat eine tragische Vorgeschichte: Innerhalb von wenigen Wochen starben auf dem Areal zwei Menschen. Wahrscheinlich eine umgekippte Kerze wurde einem der beiden obdachlosen Männer zum Verhängnis. Der Mann hieß Artur, soll aus Estland stammen. Er starb unweit von Andrés Unterkunft auf dieser Matratze. Der verkokelte Schlafplatz ist frei zugänglich. Auch wenn die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft laufen.

Rund zwei Dutzend Menschen sollen in den Lagerhallen leben, die Bewohner nennen es: ihre Stadt. Doch wem gehört das offen zugängliche Brachland überhaupt? Polizei und Stadt sagen, das Gelände gehört der Deutschen Bahn. Die Bahn wiederum teilt uns mit, es gehöre einer Hamburger Immobiliengesellschaft. Diese sagt, das Areal sei nicht mehr in ihrem Besitz. Niemandsland mitten in der Boom-Town.

Eine Führung durch die "Obdachlosenstadt". Nadine zeigt Sigi das Quartier. Sie wohnt schon seit drei Jahren in den Hallen. Sigi wird ab morgen obdachlos sein. Die beiden kennen sich vom Betteln vor dem Hauptbahnhof. Sigi muss seine Wohnung räumen und braucht, jetzt mitten im Januar, dringend ein Dach über dem Kopf. Doch warum leben überhaupt Menschen freiwillig in diesen heruntergekommenen Hallen und riskieren bei Minusgraden ihre Gesundheit und ihr Leben?

Ich finde es halt chillig hier. Da ist keiner, der einen stresst. Zu Silvester hier war es so was von ruhig, ohne Scheiß, da gab es kein Theater, da war keine Sau. Das war herrlich. Also, man kann hier abends grillen ohne dass einem einer auf den Sack geht.

Nadine, Obdachlose

In Leipzig gibt es 98 Übernachtungsplätze in Obdachlosenheimen. Direkt neben den Lagerhallen betreibt die Bahnhofsmission ein Tagescafé. Der Italiener Carlo Arena ist Chef der Bahnhofsmission. Er weiß, dass die angebotene Hilfe längst nicht alle erreicht. In direkten Gesprächen versuchen er und seine Mitarbeiter gerade im Winter, die Menschen von der Straße zu holen.

Da machen wir eine Runde und bieten unsere Hilfe an. Aber in der Hälfte der Fälle wird diese Hilfe, manchmal dankend, manchmal wenig dankend abgelehnt. Ich habe persönlich keine Erklärung. Es gibt immer Menschen, die sich sozusagen an keine Regeln halten möchten.

Carlo Arena, Cafébetreiber

Auch Sigi hatte seine Probleme mit dem Einhalten von Regeln. Wegen Ruhestörung wurde ihm der Mietvertrag gekündigt. Am Abend vor der Zwangsräumung helfen Nachbarn, die Wohnung leerzuräumen. In der Zeit zwischen Kündigung und Räumung hatte Sigi versucht, eine neue Wohnung zu finden. Ohne Erfolg. Als alkoholkranker Hartz-IV-Empfänger hat er es schwer, auf dem Wohnungsmarkt zu bestehen. Die Formalitäten zwischen der Gerichtsvollzieherin und Sigi sind innerhalb weniger Minuten erledigt. Dann ist er quasi offiziell wohnungslos. Sigis einzige Wertgestände, eine Uhr und eine Truhe, stellen Freunde bei sich unter. Dann ein kurzer Abschied von seinen ehemaligen Nachbarn. In zwei Müllbeutel hat Sigi seine persönlichen Sachen gepackt. Sein erstes Ziel sind jetzt die Hallen hinter dem Hauptbahnhof. Er ist froh, dass er erst einmal hier unterkommen kann. In den ersten Nächten nach der Zwangsräumung schläft Sigi hier, später wird er auch den Bahnhof und das Obdachlosenheim nutzen.

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2017, 20:10 Uhr

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8 Kommentare

18.01.2017 22:38 007 8

Ich habe durch meine Armeezeit in der Zone mit 21 Geländeübungen da auch meine Erfahrung mit nächtigen im Freien, und ich fühle mit den Obdachlosen. Es ist traurig, beschämend unverständlich und und und warum Fremde bei uns so hofiert und voll gestopft werden und unsere eigenen Landsleute von unserem stink- reichen Deutschland derart im Freien hausen müssen und von der Politik aufgegeben werden. Schande Schande Schande. Ein Lob und meinen Respekt an alle uneigennützigen Helfer wie z.B. Frank Zander ...

18.01.2017 21:12 NLC 7

Einige Gründe, warum die dort lebenden Obdachlosen sich für die ehemaligen Lagerhallen entschieden, wurden doch im Artikel genannt. Was mir fehlt, ist beispielsweise die Recherche danach, ob die Obdachlosenunterkünfte der Stadt Leipzig immer noch Übernachtungskosten erheben. Das waren mal 5€ pro Nacht, nicht wenig für einen Obdachlosen, der dann auch noch Angst um sein bisschen Hab und Gut haben muss.
Im übrigen, was spräche dagegen, den Obdachlosen das Angebot zu unterbreiten, ihnen kostenlose, warme, abschließbare und bewachte Wohneinheiten in Containern mit Dusch- und Waschmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, wenn sie gleichzeitig nur dafür sorgen, ihren Bereich in Ordnung zu halten?

18.01.2017 21:07 Jürgen 6

Ich kann sehr gut nachvollziehen warum Menschen ohne eigenen Wohnraum es vorziehen lieber auf der Straße als in einer Unterkunft zu übernachten. Neben den dargestellten Argumenten, zumindest ist dies in Köln so, gibt es zu wenig Unterkünfte für Obdachlose mit Hund beziehungsweise obdachlose Frauen. Dann gibt es schlicht und einfach zu wenig Unterkünfte. Die Stadt Köln schätzt die Zahl der Obdachlosen auf 4.600, gibt jedoch an lediglich knapp über 1.700 Unterbringungsplätze zu haben. Ich weiß dass es auch daran liegt, dass man in solchen Unterkünften in der Regel nicht selbstbestimmt, in Würde leben kann und die Bewohner*innen von den Mitarbeiter*innen, allen voran den Sozialarbeiter*innen eher wie kleine Kinder behandelt, wenn nicht sogar bevormundet werden, anstatt ihnen zu helfen (also das zu tun wofür man bezahlt wird).

18.01.2017 20:50 two 5

Welche Parole hat Frau Merkel doch kürzlich ausgerufen: "Wohlstand für alle". Damit wird sie wohl alle der oberen Zehntausend gemeint haben!

18.01.2017 20:33 Sabine Sonntag 4

Danke für diesen guten Artikel. Über diese armen Menschen wird nicht viel gesprochen. Sie haben keine Lobby. Sie gehen nicht wählen. Kein Ideologe scheert sich um sie. Niemand baut ihnen Häuser, niemand holt sie ab, niemand bietet ihnen Vollpension. Unsere Politik ist seltsam und ungerecht.

18.01.2017 19:49 Hauschild 3

So ist der angebliche deutsche Sozialstaat! Milliarden für Banken aber bei den Ärmsten der Armen sanktionieren und diese mit der staatlichen Bürokratie gängeln! DANKE Frau Bundesmininsterin für Arbeit und Soziales Nahles ( SPD!) !!!!!

18.01.2017 19:47 Sachse 2

Ich wäre echt bereit, einem Obdachlosen zu helfen!!!!!!! Ich würde sogar mein Hartz4 teilen!!!!! Schande für diesen Staat!!!!!!!!

18.01.2017 19:47 HERBERT WALLASCH, Pirna 1

Alles hat seinen Anfang, mein Mitleid hält sich in Grenzen, es muß keiner so hausen. Wer eben unbedingt sich nicht unterordnen will und sich nicht anpassen will, der kann auch kein Verständnis erwarten, schon gar nicht mein Mitleid.