exakt | 14.06.2017 Schlamm im Wohnzimmer

Starke Regenfälle sorgten vor einigen Wochen im Süden von Sachsen-Anhalt für Chaos. In einigen Orten verwüsteten Schlammfluten Straßen und Häuser. Die Niederschläge hatten die Erde der umliegenden Felder einfach weggespült. Dieses Problem gibt es in den letzten Jahren immer wieder - doch was wird dagegen unternommen? Wer ist in der Pflicht, Anwohner besser zu schützen?

Barnstädt von oben
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Armin Röder aus Barnstädt im Süden von Sachsen-Anhalt hat bei den Schlammfluten im Mai Möbel und Heizung eingebüßt. Sein Ärger richtet sich gegen das örtliche Agrarunternehmen, von dessen Feld die Erd- und Wassermassen kamen. Im Mai hat es Barnstädt gleich zweimal erwischt - Starkregen brachte Schlamm und Verwüstung ins Dorf wie zuletzt vor knapp 70 Jahren. Noch heute zeigen braune Furchen im Rübenfeld, welche Wege das Wasser nahm.

Matthias Schrödter von der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau kennt Barnstädt, anhand von Drohnenbildern erläutert er, warum die Tallage des Dorfes das Grundproblem ist.

Wir haben hier eine Abflussrinne, wo seitlich das Wasser zuströmt, sich konzentriert und damit eine große Masse mitbringen. Das entwickelt über die Hanglänge eine große Energie. Man sieht sehr schön die Bepflanzung in der Abflussrinne. Aber das hat das Wasser und das Sediment auch nicht aufhalten können.

Matthias Schrödter, Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau

Sein Vorschlag: Mehr Grünstreifen am Feldrand und ein Damm zum Schutz der Häuser.

Neben Barnstädt hat es im südlichen Sachsen-Anhalt auch das Dörfchen Zingst zweimal schwer getroffen. Brigitte Löchels Haus war vom Schlamm eingeschlossen, heute zeigt sie einem Anwalt die Schäden. Das Hoftor wurde eingedrückt, zum Glück hielt die Haustür - trotzdem kann Brigitte Löchel ihre Küche nur noch wegwerfen.

Die Spuren des Schlamms sind noch überall zu sehen. Die Fluten kamen vom Hügel oberhalb des Dorfes - auf dem Weg ins Tal rissen sie tiefe Rinnen in den gepflasterten Weg. Die Schlammmassen stammen von diesem Maisfeld auf dem Berg. Auch Wochen später sind die Wege des Wassers auf dem abschüssigen Feld gut zu erkennen.

Ein schadloses Abführen des Wassers in der Landschaft muss auch organisiert, geplant sein. Dazu dienen Gräben, dazu dienen aber auch Hecken, dazu dienen aber auch kleine Verwallungen. Die sind in der Vergangenheit etwas aus dem Blickfeld geraten. Die müssen wieder reaktiviert werden. Da muss man auch schauen, was die Altvorderen gemacht haben.

Matthias Schrödter, Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau

Die Agrargenossenschaft hat jetzt am Feldrand einen 30 Meter breiten Streifen umgepflügt und Luzerne gesät. Später sollen Hecken folgen - doch das wird dauern.

Brigitte Löchel und andere Anwohner sitzen heute mit Anwalt André Bastam zusammen. Der sieht durchaus Chancen für Schadenersatzforderungen gegen die Agrargenossenschaft.

Es gibt nämlich ein Bundesbodenschutzgesetz. Dort ist tatsächlich festgelegt, dass eine standortangepasste Nutzung erfolgen muss. Bei Feldern, die eben so eine Hanglage haben. Das ist gesetzlich festgelegt und wurde hier definitiv nicht eingehalten.

André Bastam, Rechtsanwalt, Halle

Zurück nach Barnstädt - bei der Gemeinderatssitzung wird es hitzig. Denn der Agrarbetrieb weist jede Verantwortung von sich. Die Bürger beklagen die mangelnde Unterstützung und die Schäden an ihrem Hab und Gut. Immerhin: Agrarchef Jens Hägele will sich einer großen Lösung nicht verschließen - allerdings nur, wenn der Staat bezahlt.

Wir treffen Claudia Dalbert, Sachsen-Anhalts Ministerin für Umwelt und Landwirtschaft. Sie kann die Agrarunternehmen nicht zwingen, nur vermitteln. In Zingst hat sie selbst die Agrargenossenschaft überzeugt, etwas zu unternehmen. Und was ist mit Barnstädt?

Barnstädt ist so ein Beispiel, warum ich meinen Ämtern für Landwirtschaft gesagt habe: Ihr müsst vor Ort sein, ihr müsst vor Ort vermitteln. Ihr müsst vor Ort gemeinsam mit den Akteuren gemeinsam identifizieren, welche Maßnahmen notwendig sind und darauf dringen, dass da verbindliche Vereinbarungen getroffen werden.

Claudia Dalbert Umwelt- und Agrarministerin Sachsen-Anhalt (B90/Die Grünen)

Dalbert warnt allerdings auch. Wenn die Bauern nicht mitmachen, könnten am Ende Gerichte entscheiden.

Ich sag jetzt mal einen Satz, der jetzt vielleicht mich nicht sehr beliebt macht bei der Landwirtschaft: Es ist auch klar - da gibt es in Thüringen ein Urteil zu - dass auch Landwirte für die Folgen ihrer Landwirtschaft haftbar gemacht werden können.

Claudia Dalbert Umwelt- und Agrarministerin Sachsen-Anhalt (B90/Die Grünen)

Brigitte Löchel will ihr Haus in Zingst nun verkaufen. Sie hat Angst vor jedem neuen Unwetter. Den Schlamm von ihrem Hof haben Nachbarn entfernt. Auf die versprochene Hilfe von Land und Landkreis wartet sie bis heute.

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2017, 11:41 Uhr

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