Soziales Junge Mütter an der Berufsschule

Junge Mutter mit ihrem Kind
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Die Berufsförderschule Nr. 12 in Leipzig ist die Schule mit den meisten jungen Müttern in Sachsen und eine Schule, an der vieles nicht rund läuft. Unterwegs mit Schulleiterin Andrea Dörre in den Unterricht. In der heutigen Stunde geht es um den richtigen Umgang mit seinen Kindern und mögliche Hilfen in Krisensituationen.

Wir haben ja vorhin auch über Kindeswohlgefährdung gesprochen und da hatte ich schon gesagt, dass es aktuell bei uns an der Schule einige Fälle gibt, die uns sehr nachdenklich und traurig gestimmt haben und die auch ein wenig für Wuhling gesorgt haben.

Andrea Dörre, Schulleiterin

Konkret geht es um Nancy, eine Schülerin, die mehrfach über Nacht ihr Baby bei Mitschülerinnen abgab, damit sie feiern gehen konnte. Als die Schulleitung davon erfuhr, schaltet sie umgehend das Jugendamt ein - für die Mitschülerinnen von Nancy ein schwerer Vertrauensbruch. Die Sache mit Baby-über-Nacht-Weggeben findet Nancy nicht so schlimm. Es sei immer noch besser, als den Kleinen nachts allein zu lassen, meint die 19-Jährige. Sie sieht sich als Opfer einer Intrige.

Aber ich fand es ein bisschen Scheiße, dass sie gleich das Jugendamt angerufen haben und nicht mal mich kontaktiert haben und gefragt haben, wie sieht es hier aus, können wir mal ein Gespräch mit dir führen.

Nancy

Eigentlich wollte Nancy alles besser machen als ihre leiblichen Eltern, das erzählte Nancy im November 2016. Schon im Dezember war das Versprechen, ihrem Sohn eine gute Mutter zu sein, offenbar vergessen. Nachdem die Schule das Jugendamt einschaltete, nahm sich Nancy vor, dass jetzt wirklich alles besser wird. Ehrenwort!

Eine andere Lehrlingsmutter mit vielen Problemen ist Jenny. Ihr Töchterchen heißt Silvana-Janett-Sophie. Jenny liebt ihre Tochter sehr. So sehr, dass sie sich Namen und Geburtsdatum in den Unterarm stechen ließ. Silvana ist ein Wunschkind und Halt für die 28-Jährige, die es im Leben nicht immer leicht hatte: Drogen, Gefängnis, zwei abgebrochene Ausbildungen. Jetzt lernt sie Verkäuferin. Vor einem halben Jahr war Jenny auf einem guten Weg, schien ihr Leben endlich im Griff zu haben. Ihr Lebensgefährte Marcel kümmerte sich tagsüber um die gemeinsame Tochter, und Jenny ging zur Berufsschule.

Doch es kam anders. Lebensgefährte Marcel musste gehen. Jetzt versucht Jenny, den Alltag mit Töchterchen Silvana-Janett-Sophie ohne fremde Hilfe zu schaffen. Die Ausbildung hat Jenny erst einmal "ausgesetzt". Die Schule hat Jenny seit Wochen nicht mehr von innen gesehen. Sie suchte eine Tagesmutter. Über 50 Prozent Fehltage hat Jenny allein an der Berufsschule - normalerweise wäre sie damit schon längst rausgeflogen. Doch Jobcenter und Schulleiterin Andrea Dörre sind geduldig. Jenny darf weiter lernen.

An der Berufsschule Nummer 12 findet oft statt Wissensvermittlung Sozialarbeit statt. Die Problemfälle an der Schule häufen sich. Kürzlich wurden einer Schülerin beide Kinder entzogen, ein Azubi ist verschollen und verschiedene Schülerinnen stehen unter Aufsicht der Jugendämter. Ein Schüler musste gar ins Gefängnis, und die jüngste Schwangere ist gerade einmal 16 Jahre alt. Normaler Unterricht ist unter diesen Bedingungen oft nicht möglich. Schulleiterin Andrea Dörre wünscht sich an der Schule zusätzlich einen Sozialpädagogen für ihre Schülerinnen.

Ihr wisst, dass wir hier leider keinen Sozialpädagogen haben. Wir kämpfen schon seit sehr vielen Jahren darum. Nicht, dass wir Lehrer das nicht gern machen. Ich weiß, ihr kommt auch gerne zu uns. Aber es wäre manchmal schön, wenn nur ein Schüler Probleme hat, dass man sagen kann, geh mal da runter - da ist der Sozialpädagoge. So tragen wir das immer in der Klasse aus.

Andrea Dörre, Schulleiterin

Der Soziologe Prof. Ronald Lutz von der Fachhochschule Erfurt lobt das Engagement der Schule. Eigentlich sei es nicht ihre Aufgabe, Sozialarbeit zu leisten, sagt er. "Dass sie es dennoch tun, zeigt, wie gut diese Schule ist. Dass sie sich das leisten, finde ich faszinierend." Eigentlich bräuchte die Schule aber mehrere Sozialarbeiter, stimmt er dem Wunsch von Schulleiterin Andrea Dörre zu.

Für junge Mütter sind Bildungs- und Hilfsangebote wie das in Leipzig eine wichtige Stütze, meint Lutz. Je mehr in die frühe Bildung und in frühe Hilfen investiert werde, desto weniger soziale Folgen gebe es später. Viele der jungen Mütter wüssten vor allem nicht, was mit einem Kind auf sie zukomme, und seien dann teilweise überfordert. "Aber diese jungen Mütter hoffen sich mit dem Kind selbst zu stabilisieren."

Zumindest hat Jenny inzwischen eine Tagesmutti für Töchterchen Silvana gefunden. Sie geht jetzt wieder zur Schule.

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2017, 19:47 Uhr

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2 Kommentare

24.05.2017 20:55 Christian Siebers 2

Ich bin sehr erschüttert, wie der jungen Mutter in einer Szene Verantwortung beigebracht wird. Das erwartete Kind wird dieser bereits weit im Vorweg als etwas sehr Unangenehmes und Schwieriges dargestellt. Welche Folgen mag es für das Kind haben, wenn es somit nicht liebevoll freudig, sondern in angstvoller Erwartung im Leben empfangen wird?

24.05.2017 06:48 Ich aus Niedersachsen 1

Berufsförderschule ist ein gutes Projekt. Aber nicht wenn solche Mädchen/junge Frauen Kinder haben. Da fehlt es an Reife, Selbstständigkeit, Verantwortung, Mut, Eigeninitiative. Wenn diese Mädchen/junge Frauen diese Charakterstärke nicht haben, können sie diese auch ihren Kindern nicht vermitteln..... Da muss das Jugendamt einschreiten, schnellstens..... am Besten gestern, nicht heute.....