Siemens-Mitarbeiter protestieren in Görlitz vor dem Siemens-Werk gegen die geplante Werksschließung
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exakt | 22.11.2017 Siemens-Insider kritisiert geplante Werksschließungen

Die Siemens-Werke in Leipzig und Görlitz sollen geschlossen werden. Als Begründung nennt das Großunternehmen die Energiewende und Überkapazitäten. Für Ostdeutschland stimmt das nicht, sagt uns ein Insider.

Siemens-Mitarbeiter protestieren in Görlitz vor dem Siemens-Werk gegen die geplante Werksschließung
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Siemens will Stellen abbauen – jede Menge. Für die Angestellten ein Schlag in die Magengrube. Allein in Görlitz sollen 720 Menschen ihre Arbeit verlieren. Dabei erwirtschaftet das Unternehmen gerade weltweit Milliarden-Gewinne. Eine der Begründungen für die Schließung des sächsischen Standorts: die Energiewende zwinge Siemens zu einem Strukturwandel. Doch stimmt das überhaupt?

Ein Insider, der Führungskraft im Görlitzer Werk ist, sagt gegenüber MDR-exakt, dass die Argumentation der Münchner Konzernzentrale überhaupt nicht nachvollziehbar sei. "Was die Leute in Rage bringt und zwar den normalen Mitarbeiter und den Manager, dass hier so genannte wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden, die jedem der halbwegs etwas von kaufmännischen Zahlen versteht und von Technik die Zornesröte ins Gesicht treibt."

Görlitz ist kein Opfer der Energiewende

Proteste in Görlitz vor dem Siemens-Werk
Die Mitarbeiter in Görlitz demonstrieren gegen die Schließung ihres Siemens-Werks. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Denn das Görlitzer Werk sei kein Opfer der Energiewende, sondern ein Profiteur. Hier wird schon seit Jahren Schlüsseltechnologie für Solarkraftwerke entwickelt und verkauft. Unter anderem nach Marokko. Dort entsteht der derzeit größte Solarkomplex der Welt – mit Technik aus Görlitz.

Elke Fuchs, Pressesprecherin von Siemens, verweist auf Überkapazitäten im gesamten Fertigungsnetzwerk. Die müssten abgebaut werden. Der Insider sagt hingegen: Die Auftragsbücher in Görlitz sind voll. Trotzdem will der Weltkonzern die Produktion aus Görlitz ins westdeutsche Mühlheim verlagern, das sei strategisch günstiger. In Görlitz sieht man ganz andere Gründe. "Dort gibt es starke Gewerkschaften, eine starke gewerkschaftliche und eine starke politische Lobby. Wesentlich stärker als hier in Sachsen", sagt der Insider aus der Führungsebene. In Görlitz erwarte das Siemens-Management einen wesentlich geringeren Widerstand als in Mühlheim. Dabei gehe es auch um Abfindungen. Die sind im Westen auf Grund der Lohnunterschiede höher.

Auftragsbücher in Görlitz und Leipzig sind voll

Eins steht fest: Es bleibt Unverständnis für das Agieren des Mutterkonzerns. Das ist auch in Leipzig der Fall. Das Werk im Stadtteil Plagwitz ist ebenfalls betroffen. Dort droht über 200 Mitarbeitern die Kündigung. Doch in der Messestadt zählt das Argument "Energiewende" ebenfalls nicht. Denn hier werden Kompressoren produziert,  vielfältig einsetzbar in der Industrie. Und auch nicht das Argument "Überkapazität":  Genauso wie in Görlitz sind hier die Auftragsbücher voll.

Allerdings treibt die Leipziger bei ihren Protesten gegen die Schließung eine Hoffnung an: Böhlitz-Ehrenberg. Das dortige Siemens-Werk sollte vor vier Jahren ebenfalls geschlossen werden. Damals legte die Gewerkschaft dem Weltkonzern ein Konzept zur Sanierung vor – das Werk wurde damit tatsächlich gerettet.

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 22.11.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2017, 20:53 Uhr

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8 Kommentare

24.11.2017 20:46 Sachse 8

Siemens hat einen paritätisch besetzten Aufsichtsrat und in diesen wird jede Strategieentscheidung diskutiert und entschieden und das passiert alles im Vorfeld,bevor es öffentlich wird. Schlußfolgerungen überlasse ich jeden selbst.

23.11.2017 21:05 Kurt 7

@6., "Na so was":
Nix machen...- naja. Es gibt da eine gesetzgebende Kraft in der BRD. Da könnte "ganz schnell" ein Gesetz geschrieben & verabschiedet werden.
Inhalt: Wer Subventionen erhielt... wer trotz positiver Bilanz... wer ohne erkennbare Gründe Arbeitsplätze willkürlich streichen möchte, DIE/ DER... hat mit (echten) Konsequenzen zu rechnen!

-> wurde auch von Opposition in letzter BT-Sitzung laut vorgetragen.
...man könnte über Gesetzgebung LOCKER etwas regulierend eingreifen!!!
Sonst eben: weiterlachen der Geschäftsführungen- klar!

Das mit Arb.losenquote- sehr gut!!!
So ist es.

23.11.2017 16:41 Na so was 6

Wie lange und wie oft auch geredet wird, wenn die Konzernleitung (egal um welche Firma es sich handelt) es will, wird ein Werk in der Stadt X geschlossen, die Produktion wird in die Stadt Y verlagert, weil dort die Produktionskosten geringer sind, und der Gewinn größer ist. Nur darum geht es, nicht um die Existenz der Menschen, die dort arbeiten. Es geht auch nicht um die Politiker, die können erzählen, was sie wollen, ernsthaft hört die Konzernleitung nicht hin. Was gemacht wird, bestimmen die Besitzer dieser Werke, wem das von den Angestellten/ Arbeitern nicht paßt, der kann gehen. Es warten sicherlich überall Leute darauf, eingestellt zu werden. Das Märchen, Deutschland hat seit langen die geringste Arbeitslosenrate, kann man bei genauen Hinsehen auch vergessen. Einfach mal nachschlagen, und gucken, wer arbeitslos ist, aber aus der Statistik herausfällt.

23.11.2017 13:28 Taf73 5

@3: Tja, da ist der "sächsiche Michel" wohl selber schuld, statt sich eine arbeitnehmerfreundliche Politik zu wählen, befördert er lieber die nächsten Marktradikalen mit 12% in den Bundestag. Und solange man sich gegeneinander ausspielen lässt, werden sich die Wirtschaft und ihre gekauften Politiker weiterhin die Taschen voll machen.

23.11.2017 12:40 Kurt 4

@3. Anne:
Vorsicht. "Im Osten = schwache Gewerkschaft", würde ich mal so nicht sagen/ schreiben!!!
Evtl. verfolgen Sie auch die letzten Tage!?
Es sind doch NUR die "Ost" (B, TN & SN)-Verbände, welche hier ständig vor Ort Gesicht zeigen. Oder sehen Sie was Anderes???
Die Schwachen...- das sind doch die (angeblichen, immer wieder zitierten) KollegINNEN der anderen Regionen! Ist FAKT!!!
Ja, wo sind diese denn???
...das sind die wahren Schwachen, besser: UNWILLIGEN.
Eindeutiges Zulassen von "Gegeneinander Ausspielen".

23.11.2017 06:38 Anne 3

"Dort gibt es starke Gewerkschaften, eine starke gewerkschaftliche und eine starke politische Lobby. Wesentlich stärker als hier in Sachsen", sagt der Insider aus der Führungsebene."
Genau das ist das Problem im Osten. Schwache Gewerkschaft, schwache Politik. Mit Parolen kommt man nicht weiter. Der Osten läßt sich immer wieder einlullen, hat das Kämpfen nicht gelernt.

22.11.2017 21:41 Kurt 2

@ Thomas:
"....die Gewerkschaft ist leider zu schwach..."
-> Nicht, wenn ernsthaftes Interesse an Vertretung bestehen würde. Auch wenn (?aus berechtigten Gründen,s. hier?) die Mitgliederzahlen rapide sinken, NOCH gäbe es starke Mehrheiten/ Kräfte...

"...Große Sprüche wie ,,Wir kämpfen mit Euch´´ bringt nichts. Schade, aber nehmt das meiste Geld mit, was geht..."
-> hier gibt es diese Sprüche aber nicht.
Bitte mal auf deren Seiten schauen. 22.11.2017, 20:15u ist da keinerlei Info zu Berlin-Treff aufgeführt!!!

Da IGM keine Basisdemokratie lebt, werden nur starke Orte vertreten. Die exDDR gehört wohl noch zu 1989-90-Absprachen. Einfach keine starke Lobby, obwohl jahrzehntelang durch IGM lohngekürzt arbeitend...

Normalerweise hätten für morgen alle SIEMENS`ianerINNEN aufgefordert werden sollen/ MÜSSEN! "Solidarität" ist eben auch nur eine Worthülse...
Guddmachn.

22.11.2017 20:48 Thomas 1

Hier merken wir wieder, was Weltkonzerne für Machtpotentiale haben. Vor einigen Jahren ist selbiges bei Thyssen geschehen. Protest? Ja. Was hat es gebracht? Der ,,billige´´ Osten ist trotzdem ,,abserviert´´ worden. So leid es mir um die Menschen ist- die Gewerkschaft ist leider zu schwach. Große Sprüche wie ,,Wir kämpfen mit Euch´´ bringt nichts. Schade, aber nehmt das meiste Geld mit, was geht.