Traktor fährt über Feld in Rheinland-Pfalz und versprüht Pflanzenschutzmittel Glyphosat
Bildrechte: IMAGO

exakt aktuell | 19.10.2017 Insekten massiv vom Aussterben bedroht

In Deutschland gibt es immer weniger Insekten. Eine neue Langzeitstudie spricht von einem massiven Insektensterben. Umweltschützer sind entsetzt und machen die industrielle Landwirtschaft verantwortlich.

Traktor fährt über Feld in Rheinland-Pfalz und versprüht Pflanzenschutzmittel Glyphosat
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In einer großangelegten Studie haben Forscher einen dramatischen Rückgang der Zahl geflügelter Insekten in Deutschland dokumentiert. In fast 30 Jahren schrumpfte der Bestand um mehr als drei Viertel, wie es in der am Mittwoch in der Online-Fachzeitschrift "Plos One" erschienenen Untersuchung heißt.

Deutsche Umweltschützer reagierten entsetzt und machten die industrielle Landwirtschaft für das Aussterben verantwortlich. "Wir haben es mit einer höchst dramatischen und bedrohlichen Entwicklung zu tun", erklärte der Präsident des Naturschutzbundes (NABU), Olaf Tschimpke. Jörg-Andreas Krüger vom WWF warnte: "Biene Maja und Co. verschwinden heimlich, still und leise."

Geflügelte Insekten sind massiv bedroht

Eine Biene fliegt eine Petunienblüte an.
Nicht nur die Bienen sind vom Aussterben bedroht, sondern sämtliche geflügelte Insekten. Bildrechte: IMAGO

Das internationale Expertenteam hatte zwischen 1989 und 2016 das Insektenaufkommen in 63 deutschen Naturschutzgebieten gemessen, indem sie Klebefallen aufstellten und immer wieder die Biomasse der darin befindlichen Tiere maßen. Über den Zeitraum von 27 Jahren ergab sich dabei im Schnitt ein Rückgang um 76 Prozent. Zwar ist schon seit längerem bekannt, dass Schmetterlinge und Bienen in Europa und Nordamerika allmählich verschwinden. Doch diese Studie ist die erste, die belegt, dass sämtliche geflügelte Insekten massiv vom Aussterben betroffen sind.

Insgesamt sei der Schwund der Biomasse bei Insekten "viel schwerwiegender als gedacht", erklärte der an der Studie beteiligte Caspar Hallmann. Dass der Vorgang in einem solchen Ausmaß und in einem so großen Gebiet stattfinde, mache die Ergebnisse "noch beunruhigender", ergänzte der Insektenkundler der niederländischen Radboud-Universität. Insekten spielen als Bestäuber von Pflanzen und als Nahrung etwa für Vögel eine zentrale Rolle im Ökosystem. Die Befunde lassen nach Ansicht der Studienautoren daher auch den schwindende Zahl von Vögeln und Säugetieren in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Die Folge: Ein regelrechtes Vogelsterben

Singendes Buchfinkenmännchen
Die Allerweltsvögel sind vom Aussterben bedroht, dazu gehört auch der Buchfink. Bildrechte: NABU/Frank Hecker Naturfotografie

Der NABU veröffentlichte am Donnerstag parallel etwa eine eigene Auswertung, wonach die Zahl der Vogelbrutpaare in Deutschland in den zwölf Jahren zwischen 1998 und 2009 um rund 12,7 Millionen schrumpfte. Das ist ein Rückgang von 15 Prozent. Man müsse "von einem regelrechten Vogelsterben sprechen". Besonders stark seien "Allerweltsvögel" betroffen, die in der Agrarlandschaft keine Überlebensmöglichkeiten mehr fänden: allen voran Stare, aber auch Haussperlinge, Wintergoldhähnchen und Buchfinken.

Umweltschützer machen vor allem die intensive Landwirtschaft für das Insekten-und Vogelsterben verantwortlich.  Mit Blick auf die derzeit laufenden Sondierungsgespräche in Berlin zwischen Union, Grünen und FDP sagte WWF-Experte Krüger, die neue Bundesregierung müsse "endlich eine tiefgreifende und echte Neuausrichtung der Landwirtschaft in Deutschland auf den Weg bringen".

Forderung nach Kurswechsel in der Agrarpolitik

Der WWF fordert unter anderem die Senkung des Pestizideinsatzes und ein Verbot hochwirksamer Neonikotinoide. Die umstrittenen Insektenvernichtungsmittel stehen im Verdacht, für Bienensterben mitverantwortlich zu sein. Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter erklärte am Donnerstag, Artenschutz müsse "maßgeblicher Teil der künftigen Landwirtschaftspolitik des Bundes werden".

Der NABU betonte, die Ergebnisse der Insekten-Studie deckten sich mit eigenen Beobachtungen und Langzeituntersuchungen aus anderen Länder. Es handle sich nicht nur um ein deutsches Problem. Da im Umfeld der untersuchten Naturschutzgebiete zu mehr als 90 Prozent konventionelle Agrarnutzung erfolge, liege ein negativer Einfluss der Landwirtschaft nahe, erklärte NABU-Chef Tschimpke. Auch er forderte einen Kurswechsel in der Agrarpolitik.

Über dieses Thema hat MDR exakt bereits berichtet:

Nichts zu fressen für die Vögel - Ausbringung von Insektiziden auf einem Rapsfeld
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Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2017, 14:52 Uhr