Junger Kiebitz auf Acker
Der Kiebitz war einst auf Wiesen und Äckern ein häufiger Gast - inzwischen gilt er europaweit als gefährdet. Bildrechte: IMAGO

exakt | 27.09.2017 Vergiftete Insekten - verhungernde Vögel

Europaweit verstummen auf Wiesen und Äckern die Vögel. Seit 1980 verschwanden 300 Millionen Brutpaare - mehr als die Hälfte aller Wiesenvögel

Junger Kiebitz auf Acker
Der Kiebitz war einst auf Wiesen und Äckern ein häufiger Gast - inzwischen gilt er europaweit als gefährdet. Bildrechte: IMAGO

Den Vögeln geht es schlecht. Die Zahl der Feldlerchen und anderer Wiesenvögel hat in den vergangenen Jahrzehnen dramatisch abgenommen. Europaweit verstummen auf Wiesen und Äckern die Vögel. Seit 1980 verschwanden etwa 300 Millionen Brutpaare aus landwirtschaftlichen Flächen. Das ist ein Rückgang um über 50 Prozent. Besonders bei insektenfressenden Vogelarten geht der Trend seit Jahren nach unten.

Im Werratal in Thüringen brütete beispielsweise das Rebhuhn früher noch häufig. Heute kennen die Kinder Rebhühner nur noch aus dem Märchen. Klaus Schmidt hat die unaufhaltsame Entwicklung in seinen Aufzeichnungen festgehalten. Ein halbes Jahrhundert lang zählte der Ornithologe die Vögel.

Die Situation für die Wiesenbrüter ist wirklich dramatisch. Der Kiebitz ist ein typischer Brüter in den Werrawiesen. Als ich angefangen habe um 1965 herum, damals war er noch relativ häufig, gab es ungefähr 60 bis 80 Brutpaare. Seit zwei Jahren brütet er nicht mehr in der Werra-Aue.

Klaus Schmidt, Vogelkundler
Ein Schmetterling sitzt auf einer Blüte.
Wann haben Sie das letzte Mal einen Schmetterling gesehen? Bildrechte: Bernhard Klepel

Warum sterben einige Vogelarten regelrecht aus? Ein Hauptgrund liegt darin, dass es nicht mehr genügend Insekten gibt. Damit fehlt die Hauptnahrung für viele Vögel. Die Brutpaare finden auf landwirtschaftlich genutzten Flächen zu wenige Insekten, um den Nachwuchs versorgen zu können. Den massiven Schwund gibt es bei allen Insektenarten: Bienen, Schmetterlinge, Fliegen oder Käfern.

Den Grund für die Abnahme bei den Insekten liegt nach Ansicht von Forschern an einer Gruppe neuer Nervengifte, die seit Mitte der 90er Jahre als Insektizide versprüht werden. Diese sogenannten Neo-Nikotinoide zählen heute zu den meistverkauften Insektiziden weltweit.

Neo-Nikotinoide wirken in Konzentrationen von wenigen Milliardstel Gramm akut toxisch. Das sind Konzentrationen, bei denen die Insekten sofort sterben. In noch geringeren Konzentrationen gibt es Wirkungen, die dazu führen, dass die Insekten erhöhte Krankheitsanfälligkeit haben, geringere Reproduktionsraten. Und all das zusammen führt genau dazu, was wir in der Umwelt beobachten, dass die Insekten eben sehr stark abnehmen. 

Matthias Nuss, Schmetterlingsexperte

Kein Insekten, keine Vögel

Wird ein Acker mit dem Pflanzenschutzmittel bespritzt, verteilt sich das Gift in der Pflanze - in Blättern, Blüten und Samen. Saugende Insekten und Bestäuber gehen ein, wenn sie sich die Pollen holen oder Pflanzenteile fressen. Auf den von Insekten "befreiten" Äckern verhungern dann schleichend die Vögel.

Nichts zu fressen für die Vögel - Ausbringung von Insektiziden auf einem Rapsfeld
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtet MDR exakt auch im: Fernsehen | 27.09.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2017, 16:42 Uhr

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