Bei einer Operation wird einem Spender eine Niere entnommen.
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FAKT | 04.07.2017 Erhöhtes Risiko: Wenn bei Operationen die Routine fehlt

Bei einer Operation wird einem Spender eine Niere entnommen.
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Mehr Operationen geben dem Arzt mehr Routine und das bedeutet mehr Sicherheit für den Patienten. Deshalb hat der Gesetzgeber bereits seit 2004 so genannte Mindestmengen für insgesamt sieben komplizierte Behandlungsarten eingeführt. Doch viele Krankenhäuser in Deutschland erreichen die festgelegten Fallzahlen pro Klinik und Jahr nicht. Für die Patienten steigt so das Risiko - erheblich.

eine Patientin im Krankenhaus
Beispiel Bauchspeicheldrüse: Fast die Hälfte der Krankenhäuser hat laut Erhebung die Mindestmenge von zehn OPs nicht erreicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dies zeigen etwa Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse. Sie gehören zu den schwierigsten Operationen in der Chirurgie. Knapp 50 Prozent der Krankenhäuser haben dabei die Mindestmenge von zehn Eingriffen pro Jahr nicht erreicht. Dies zeigt auch die jüngste Erhebung dazu aus dem Jahr 2014.

Dabei findet Professor Johann Pratschke, dass selbst die geforderten zehn Eingriffe pro Jahr noch eine sehr geringe Zahl sind. Der Direktor der Klinik für Visceral- und Transplantationsmedizin an der Berliner "Charité" sagt:

Wenn man trainiert ist und im Training bleiben möchte, würde man eher 40, 50 Pankreaseingriffe fordern. Das wäre dann ein Eingriff pro Woche.

Professor Johann Pratschke

Die Behandlung durch ein spezialisiertes und routiniertes Team hat gravierende Konsequenzen für die Patienten. Ihre Chancen, diese riskanten und mit Komplikationen behafteten Eingriffe gut zu überstehen, sind in Kliniken, die das nicht oft machen, erheblich geringer als in Häusern mit höheren Fallzahlen.

"Die Sterblichkeit geht ja von weit unter 5 Prozent bis über 30 Prozent", erklärt Pratschke. Dies seien bloße Durchschnittswerte. Doch in den Kliniken mit den geringeren Fallzahlen sei die Sterblichkeit doppelt so hoch wie in den großen Zentren. So habe etwa die "Charité", als eines der größten Zentren in Deutschland, eine zertifizierte Sterblichkeit von unter zwei Prozent.

Höhere Fallzahlen, höhere Sicherheit für die Patienten

Rein statistisch bedeutet dies, dass knapp 100 Patienten in Krankenhäusern pro Jahr weniger sterben müssten, wenn Bauchspeicheldrüsen-Chirurgie in Kliniken mit hohen Fallzahlen durchgeführt würden, heißt es in einer Studie.

"Aber viele Kliniken erreichen nicht die vorgeschriebenen Mindestmengen", so Professor Thomas Mansky, der das  Fachgebiet Qualitätsmanagement an der TU Berlin leitet. Dies gilt nicht nur für die Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse, sondern auch für andere komplizierte Behandlungsarten.

Übersicht der Krankenhäuser die Mindestmengen (MM) erreicht und nicht erreicht haben
Eingriffsart Anzahl Krankenhäuser MM erreicht MM nicht erreicht Nicht erreicht in %
Ösophagus (Speiseröhre) 424 143 281 66,3%
Pankreas (Bauchspeicheldrüse) 645 359 286 44,3%
Künstliche Kniegelenke 1024 772 252 24,6%

Quelle: Mansky / Nimptsch TU Berlin (Zahlen aus dem Jahr 2014)

Die Einhaltung wird bislang kaum kontrolliert

Martin Litsch
Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes: Martin Litsch. Bildrechte: IMAGO

Die Ursachen für die mangelnde Umsetzung:  Bislang wurde die Einhaltung der Mindestmengen kaum kontrolliert. Die Krankenkassen haben für Eingriffe gezahlt, auch wenn einzelne Häuser die gesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten haben. Ein Grund dafür: "Die Rechtslage ist nicht so klar, wie wir uns das wünschen würden", sagt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Deswegen hätten die Krankenkassen die Mindestmengen nicht so konsequent "verfolgen" können.

Hinzu komme, dass die  Bundesländer, zuständig für die Krankenhausplanung, Ausnahmeregelungen geschaffen haben, damit auch in kleineren Klinken solche hoch komplexen Eingriffe angeboten werden können, trotz unterschrittener Mindestmengen. "Und dann sitzt das Krankenhaus einfach am längeren Hebel", sagt Litsch. Deshalb fordere der Bundesverband vor allem die konsequente Einhaltung der Mindestmengenregelungen.

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2017, 23:17 Uhr

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