Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Bildrechte: MDR/Jan Dörre

Ausstellung zum 100. Katholikentag | bis 12.06.2016 Zwischen Jammergestalt und Heldenpose: Der Mensch

Bis heute ist das Bild des Menschen ein zentrales Thema für die Kunst. "SEHT, da ist der MENSCH", das Leitwort des Katholikentages 2016, ist deshalb Anlass, die Sicht von Künstlern der Gegenwart auf den Menschen unserer Zeit zu thematisieren. Doch das Thema ist ein altes und beschäftigte schon durch alle Zeiten die Kunst. In der Baumwollspinnerei startete nun am vergangenen Wochenende die erste von zwei Ausstellungen, die im Jahr 2017 in Magdeburg fortgesetzt werden soll.

Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Bildrechte: MDR/Jan Dörre

Im Frankfurter Städel-Museum hängt ein kleines Bild "Ecce homo", gemalt vom niederländischen Maler Hieronymus Bosch. Das um 1500 entstandene Werk zeigt Christus, wie er von Pontius Pilatus vor eine wütende Menge geführt wird. Geschunden tritt er auf, den Blick gesenkt, nur bekleidet mit Lendentuch und übergeworfenem Mantel. Das soll Gottes Sohn, der Erlöser sein? Und dann der Satz von Pontius Pilatus: "Seht, welch ein Mensch!"

Es braucht nicht viel, das kleine Werk von Bosch beweist es, um unser Mensch-Sein zu spiegeln. Da ist der geschundene, leidensfähige und hinfällige, dem öffentlichen Spott preisgegebene Mensch (Christus), da ist der boshafte, niederträchtige, heimtückische Mensch: zu finden in der fratzenhaft inszenierten Menschenmenge. Und da ist der ängstliche römische Stadthalter Pilatus, der an Jesu Schuld zweifelt und seine Verantwortung anderen überlassen möchte, um sich so von seinen Gewissensbissen zu befreien. Alles Eigenschaften, die jeder - auch an sich - kennt und die uns erst zu dem machen, was wir sind: Menschen.

Wie die Sache ausgeht ist hinlänglich bekannt und in der Passionsgeschichte des Neuen Testaments nachzulesen: Pilatus bietet dem Volk die Begnadigung von Jesus an, die Menschenmenge entscheidet sich für Barabbas, der Präfekt wäscht seine Hände in Unschuld und Christus muss das Leid der Menschen am Kreuz auf sich nehmen.

Verwurzelt in der Kunstgeschichte

Die Kunstgeschichte ist voll vom Ecce-homo-Motiv. Doch schon mit der Übersetzung des Satzes des "Ecce homo" beginnen die Schwierigkeiten. Zwischen "Seht, da ist der Mensch!", "Sehet, welch ein Mensch!", "Das ist der Mensch! Da steht die Jammergestalt!" und "Seht, den Menschen!" schwanken die Übersetzungen, wobei schon die Entscheidung für die Übersetzung eine Haltung manifestiert: als Spottwort oder als Ausdruck tiefer Jesus-Verehrung.

Und so mäandert sich das Motiv durch die Kunstgeschichte, von ersten Ecce-homo-Darstellungen im 11. Jahrhundert in der deutschen Buchmalerei, über das späte Mittelalter, wo das Motiv an die Stelle der Dornenkrönung tritt. In der Renaissance wird die Darstellung des gepeinigten Gottessohnes gern als Möglichkeit antijüdischer Propaganda genutzt. Ein Beispiel dafür findet man auch im Frankfurter Städel. Der Altar von Hans Holbein d. Ä. von 1500 – gemalt für das Frankfurter Dominikanerkloster – ist ganz bewusst auf Stimmungsmache gegen die "Gottesfeinde", die Juden, angelegt.

Ob bei Antonello (1429/30-1479), Albrecht Dürer (1471-1528), Tizian (1489-1576), bis hin zu James Ensor (1860-1949), Lovis Corinth (1858-1925) oder Otto Dix (1891 -1969), immer wieder erscheint das Motiv in neuem Gewande und erst mit Ende des Zweiten Weltkrieges endet die ikonographische Tradition des "Ecce homo".

Ausstellung mit zeitgenössischen Positionen

Wenn Künstler sich heutzutage mit dem Thema beschäftigen, so fragen sie nach der aktuellen Relevanz, die sich im "Ecce-homo" verbirgt. Dabei knüpfen sie durchaus an Aspekte an, die sich schon in der Kunstgeschichte abgebildet haben. Zeugnis davon legt eine aktuelle Ausstellung ab, die seit dem letzten Wochenende auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei läuft. Die Schau "SEHT, da ist der MENSCH" - gleichzeitig Leitwort des Katholikentages 2016 - thematisiert die Sicht von Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart auf den Menschen unserer Zeit. Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Annegret Laabs, die das Kunstmuseum in Magdeburg leitet. Sie zeigt in der mit reichlich morbidem Charme ausgestatteten Werkschauhalle, 18 Positionen zeitgenössischer Kunst.

Religion

Ausstellung zum 100. Katholikentag | bis 12.06.2016 Impressionen der Ausstellung "SEHT, da ist DER MENSCH"

Die in der Leipziger Baumwollspinnerei stattfindende Schau umfasst 18 Positionen internationaler Künstler. Was die verschiedenen Arbeiten verbindet, ist der Blick auf die menschliche Existenz. Hier ein kleiner Rundgang.

Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Die Werkschauhalle auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei ist der erste Ausstellungsort der Exposition. Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Die Werkschauhalle auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei ist der erste Ausstellungsort der Exposition. Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
...die schwarze Mäntel mit groben Nähten auf Eisenblechen zeigt, ... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Andachtsvoll geht es bei den anrührenden Fotoarbeiten des Künstlers Walter Schels zu,... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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Die Ausstellung soll im nächsten Jahr im Kunstmuseum in Magdeburg gezeigt werden, so die Kuratorin der Ausstellung Dr. Annegret Laabs (rechts). Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Los gehts mit Arbeiten des Amerikaners Lucas Foglia,... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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Trotz internationalem Renommee - hier eine Arbeit des Künstlers Jannis Kounellis, .... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
...sind es eher die unbekannten Künstler,... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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...wie der in Magdeburg lebende Hans-Wulf Kunze, vertreten mit einer Foto-Serie von Jugendlichen,... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Oder auch der in Halle lebende Bildhauer Robert Kunec mit seiner hintergründigen Bodenplasik "1/1 Suicide Bomber", 2008 (im Hintergrund die Farbfoto-Arbeiten von Monika Huber: "Einsdreissig", 2011-2013 Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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Insgesamt ist die Schau sehr Fotografie und Videokunst dominiert Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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Oder die aktuelle Video-Arbeit aus dem Jahr 2016 "Fluchtpunkt-Perspektiven" des Teams Peter Bräuning, Grit Bümann, Ansger Frerich,... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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...die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, nach ihren Hoffnungen und Träumen, nach ihren Ängsten und ihren seelischen Verwundungen befragt. Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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...der in "Noch mal leben vor dem Tod", 2004, würdevoll und auf behutsame Weise mit dem Thema Tod umgeht. Gebrochen wird die Atmosphäre jedoch durch Techno-Beats... Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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.... der Video-Installation aus dem Nebenraum. In "Double Extension Beauty Tubes", 2010 versuchen die Schweizer Fotografen Michael Meier und Rico Scagliola das Lebensgefühl einer Generation heraufzubeschwören, die geprägt wurde von den Bildwelten des Internets. Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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In „Sometimes“, 2004 untersucht Bjørn Melhus die menschlichen Bewusstseinsebenen zwischen Realität und Fiktion. Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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Vier sehr ähnliche Charaktere, alle vom Künstler selbst verkörpert, versammeln sich um eine sprechende Lichtquelle aus auf dem Boden aufgestellten Monitoren und beginnen Fragen an ein imaginäres Gegenüber in ihrer Mitte zu stellen. Bildrechte: MDR/Jan Dörre
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Was macht den Menschen zum Menschen?

Im Begleittext zur Ausstellung heißt es: "Es sind die Bilder von uns selbst, die wir nicht unbedingt gerne sehen, und es sind jene, die uns immer wieder begegnen und uns das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod vor Augen führen. Es sind Bilder, die emotional und anrührend, anklagend und versöhnend sind, die immer wieder der Frage nachgehen: Was macht den Menschen zum Menschen?" Doch kann die Schau halten, was sie da verspricht? Leider nur zum Teil.

Die Ausstellung eröffnet mit Fotografien des Amerikaners Lucas Foglia "A Natural Order", 2006-2010. Seine Arbeiten zeigen Menschen, die sich bewusst für ein Leben außerhalb der Zivilisation und üblicher gesellschaftlicher Normen entschieden haben. Ihre Weltenflucht ist religiös, ökologisch oder antikapitalistisch begründet. Durch die Darstellung ganz alltäglicher Verrichtungen werden wir Zeuge ganz intimer Momente von Menschlichkeit.

Die Unbekannten müssen es richten

In der Exposition setzt man bewusst auf den Mix von Arbeiten international  gehandelter Stars wie Christian Boltanski oder Jannis Kounellis mit eher noch unbekannteren Positionen. Doch sind es die weniger etablierten Künstler, die zu glänzen verstehen: Das schwarze Mantelbild von Kounellis wirkt zwar ästhetisch, aber dennoch sehr hermetisch, die etwas unglücklich aufgestellten Schautafeln von Boltanski mit Fotos eines Familienalbums können einer gewissen Beliebigkeit nicht entkommen.

Und so müssen es Künstler wie der in Magdeburg lebende Hans-Wulf Kunze richten, der mit seiner Porträt-Serie von Adoleszenten einen ganz intimen Moment der Körperlichkeit festhält. Gefangen zwischen Unsicherheit und Stolz, scheinen sich die Jugendlichen dem vertrauten Fotografen zu öffnen.

Oder die Arbeit des in Halle lebenden Bildhauers Robert Kunec. Zwar heißt es im Begleittext zur Ausstellung etwas sperrig: "Der Bildhauer Robert Kunec verhandelt in seinem Werk immer wieder Mechanismen von Fundamentalismus, Gewalt, Terrorismus und ihrer medialen Darstellung." Doch in seiner Arbeit "1/1 Suicide Bomber", die einen lebensgroßer Bausatz eines Selbstmordattentäters darstellt, schwingt eine Art von subtilem Humor, die sich aus der Verkoppelung von Spiel und Tod ergibt und plötzlich sind wir mittendrin im Totentanz des 21. Jahrhunderts.

Ausstellungsimpressionen der Ausstellung "Seht, da ist der Mensch"
Robert Kunec, "1/1 Suicide Bomber", 2008 (im Hintergrund die Farbfoto-Arbeiten von Monika Huber: "Einsdreissig", 2011-2013) Bildrechte: MDR/Jan Dörre