Kino Royal | MDR FERNSEHEN | 08./09.07.2011 | 00:02 Uhr : "Neustadtrolle"
Wenn man diese Bilder sieht, merkt man, wie weit die DDR doch schon weg ist: "Neustadtrolle" von Paul Rähnitz ist ein Schmalfilm-Kleinod. Der Dresdner filmte 1986/87 seine Nachbarschaft, seinen Alltag in der Neustadt. Ein Zeitdokument der besonderen Art!
Bilder von maroden Häusern, Einschlusslöchern, kaputten Mauern - ist das hier Dresden kurz nach dem Krieg? Weit gefehlt. "Ruinen schaffen ohne Waffen" war wohl das Motto der DDR-Stadtplaner und so fiel die Dresdner Neustadt Mitte der 80er-Jahre langsam in sich zusammen. In ostdeutschen Großstädten sah es damals neben den Plattenbausiedlungen überall marode aus. Doch viele haben das inzwischen vergessen - vielleicht auch, weil es kaum Bilder davon gibt. Eine Videokamera hatte damals kaum jemand, und die offiziellen Fernsehbilder zeigten die verrotteten Gründerzeitviertel natürlich nicht. Paul Rähnitz und Jürgen Plakity lebten damals in der Neustadt. Sie haben gespürt, dass sich hier bald vieles verändern wird. Und so zog Paul Rähnitz los und filmte mit einer geborgten AK8-Schmalfilmkamera den Alltag im Viertel.
War es wirklich so grau?
Heute sind diese Filmbilder einzigartige Zeitdokumente und Paul Rähnitz zeigt sie als "Neustadtrolle" öffentlich. Damit leistet er Hilfe beim Erinnern. Ja sicher, es war grau in der DDR – aber so grau? Mit Staunen fragt man sich heute, so sind wir rumgelaufen, so haben wir gelebt? Und wieso war eigentlich kaum jemand auf den Straßen unterwegs?
Heute ist das Quartier ein lebendiges Viertel
Wenn Paul Rähnitz und Jürgen Plakity heute durch die Dresdner Neustadt gehen, erinnert sie hier kaum noch was an das Alltagsgrau von einst. Das Quartier ist ein lebendiges Viertel. Die Leute sind bunt und meist jung. Die Häuser hübsch saniert. Hier leben Arbeiter und Künstler nebeneinander – mit Mietvertrag. Vorbei die Zeiten, als man als "Schwarz-Wohner" einfach in eine leerstehende Wohnung einzog und Badewannen mit Tauchsiedern beheizte. Auch der Handwagen gehörte damals zum Stadtbild wie heute der Rollator, und jede Familie besaß mindestens einen davon. Wie auch sonst wollte man die Wäsche zur Mangel oder den Familieneinkauf nach Hause bringen, so ganz ohne Auto?
Kino Royal-Fazit
Die Filme von Paul Rähnitz sind Fragmente. Sie folgen einzig der Dramaturgie des Alltags. Das ist ihr größter Wert. Erinnern ganz direkt, und hier und da die Gewissheit, dass nicht alles, nur weil es anders wird auch besser werden muss.
Ein Beitrag von Ulrike Reiß
