"Kino Royal" | 17./18.02.2012 | 00:00 Uhr: : Retrospektive "Die rote Traumfabrik"
Meschrabpom-Film und Prometheus schrieben Filmgeschichte
Jedes Jahr blickt die Berlinale auch weit zurück auf ein fast vergessenes Kapitel der Filmgeschichte. Diesmal erzählt die Retrospektive von einer wahrlich erstaunlichen Geschäftsfreundschaft zwischen der Jungen Sowjetunion und der Weimarer Republik: der höchst erfolgreichen "Roten Traumfabrik" Meschrabpom.
Die diesjährige Retrospektive entdeckt ein legendäres deutsch-russisches Filmstudio wieder: Meschrabpom-Film und ihr deutscher Zweig Prometheus schrieben in den Jahren 1922 bis 1936 Filmgeschichte. Die "Rote Traumfabrik" Meschrabpom brachte früher auch Filme nach Berlin, die in Moskau schon fast auf dem Index waren, wie Eisensteins "Oktjabr" von 1928. Der Film wurde - furios vom Berliner Rundfunkorchester begleitet - während der Berlinale 2012 noch einmal aufgeführt. "Oktjabr" mag ein Sinnbild sein, für eine außergewöhnliche Freundschaft: Nicht nur die Filmmusik stammte von einem Deutschen, Edmund Meisel, auch den eigentlichen Erfolg feierte dieser Film damals in Deutschland.
Hilfe mit der Kamera in der Tasche
Verantwortlich dafür war ein Unternehmen, dass gerade mal 13 Jahre existieren durfte und doch über 600 Filme produzierte: die rote Traumfabrik Meschrabpom - übrigens die Abkürzung für "Internationale Arbeiterhilfe". "Die internationale Arbeiterhilfe wurde 1921 gegründet, um die Hungersnot in der jungen Sowjetunion zu lindern", erklärt der Leiter der Retrospektive, Rainer Rother. Der deutsche Kommunist Willi Münzenberg wird von Lenin höchstpersönlich gebeten, diese Hilfe zu organisieren. Münzenberg, ein Organisationsgenie, tut dies mit großem Erfolg.
Erfolgreiche Tolstoi-Verfilmung
Die Neugier beim deutschen Publikum auf Bilder aus diesem radikal veränderten Land war immens. Der Science Fiction-Film "Aelita" von 1924 sollte zum ersten großen Auslandserfolg von Meschrabpom werden. In derverfilmung einer Novelle von Alexej Tolstoi werden nebeneinander das sklavenhalterische Leben auf dem Mars und das nachrevolutionäre Moskau gezeigt. Am Ende wird die Revolution in den Weltraum exportiert.
"Kuhle Wampe" von Brecht und Dudow
Meschrabpom als eigenständiges Unternehmen macht bald viel bessere und innovativere Filme als die staatliche Gesellschaft. Sie sind nicht nur erfindungsreicher – sie kommen auch besser an, weil sie mit großartigen Schauspielern auch für ein großes Publikum gemacht werden, wie die wundervolle Slapstick-Komödie "Das Mädchen mit der Hutschachtel" von 1927. 1932 machen Slátan Dudow und Bertolt Brecht mit "Kuhle Wampe" den letzten deutsch-sowjetischen Film. Trotz der Orientierung auf Erfolg ist man sich treu geblieben: Man will die Welt verändern.
Mit dem Machtantritt der Nazis ist in Berlin Schluss, doch Münzenberg wäre auch in Moskau bald nicht mehr sicher. Stalin liquidiert Meschrapom drei Jahre später, wie alles, was ihm suspekt ist. Münzenberg versucht sich abzusetzen und stirbt 1940 unter mysteriösen Umständen in Frankreich. Die Revolution hat ihre Kinder gefressen.
Zusammenarbeit mit DOK Leipzig
Die Berlinale und die Deutsche Kinemathek freuen sich über die Kooperation mit DOK Leipzig: Eine ausführliche Retrospektive der Dokumentar- und Animationsfilme aus der "Roten Traumfabrik" wird im Oktober 2012 beim 55. Internationalen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm präsentiert.
Ein Beitrag von Dennis Wagner
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