Kino Royal

"Kino Royal" | 17./18.02.2012 | 00:00 Uhr : "Barbara" und "Was bleibt"

Deutsche Wettbewerbsfilme

Zwei deutsche Filme im Wettbewerb beeindruckten besonders - Hans-Christian Schmid seziert die erstarrte Idylle einer deutschen Familie und Christian Petzold sieht einer jungen Frau dabei zu, wie ihre Fassade zerbröckelt.

"Was bleibt" - Sezierung einer Familienidylle

Marko will ein ruhiges Wochenende bei seinen Eltern Gitte und Günter verbringen - doch daraus wird nichts: Mutter Gitte, seit langem manisch-depressiv, geht es unerwartet gut. Und damit kommt die fragile Balance eines nur scheinbar idyllischen Familienlebens ins Wanken. Markos Anwesenheit wirkt wie ein Katalysator, er provoziert die Konfrontation mit den unausgesprochenen Wahrheiten, die Fassade des harmonischen Familienlebens bröckelt.

Doch lässt sich das Verlorene noch einmal zurückholen? Hans-Christian Schmids Film führt in ein Wohlstandsleben bei Bonn. Und Gitte, gespielt von Corinna Harfouch, ist darin die Hausfrau - ein unerfüllter, kranker Mensch, der sich gegen die Leere in sich selbst aufbäumt. Eigentlich wollte Gitte ihre Entscheidung feiern, nach einer erfolgreichen homöopathischen Behandlung wieder richtig am Leben der Familie teilhaben. Doch ihr Mann und ihre erwachsenen Söhne sind schockiert - sie hatten sich fast schon auf ein Leben ohne sie eingestellt. Für Gitte wäre es der Weg zurück in die Familie und in ein Leben, aus dem sie längst ausgeschlossen ist.

"Dass sie sich ein neues Leben wünscht, ich meine, das ist nur zu verständlich, also zutiefst verständlich. Dass sie sich ein anderes Leben als dieses wünscht. Dass sie sich es mit ihrer Familie wünscht, ist vielleicht ein Fehler, den sie macht, möglicherweise."

Corinna Harfouch ("Gitte" in "Was bleibt")

Gitte allein ist zu schwach, sie wird untergehen. Corinna Harfouch fordert kein Mitleid für ihre Figur ein, aber die Zartheit und Würde, die sie ihr schenkt, bleibt im Gedächtnis. Das Familiendrama "Was bleibt" ist von leiser Art, ein bohrendes Fragen nach dem, was eine Familie aushält und was sie überhaupt ist.

"Barbara" - Nina Hoss als verschlossene Frau

Nina Hoss war im Jahr 2000 ein "shooting star" der Berlinale, vor vier Jahren gewann sie den Silbernen Bären für "Yella". Nun spielt sie "Barbara", eine Ostberliner Kinderärztin, die sich in den falschen Mann verliebt hat: einen West-Mann. Sie will ausreisen. Zur Strafe wird sie in ein Provinzkrankenhaus versetzt. So beginnt Christian Petzolds neuer Film. Mit einer verschlossenen Frau im Blickfeld der Staatssicherheit

"Sie hat sich so eine kleine Panzerung angeschafft, weil sie von diesem Land überhaupt nicht mehr berührt werden will. Sie hat etwas vor, nämlich eine Flucht. Und von diesem geraden Blick will sie sich nicht mehr abbringen lassen."

Nina Hoss ("Barbara")

Doch ihr Kälte-Panzer, ihr Misstrauen bröckelt in der Arbeit mit ihrem neuen Kollegen André. Und obwohl sie ihm zunächst misstraut, obwohl sie sich vorgenommen hat, ihre Ziele ohne Ablenkung weiter zu verfolgen, geschieht etwas mit ihr.

"Er bringt sie durcheinander. All das, was sie sich so schön aufgebaut hatte, auch dass sie sagt, 'Ich kann hier nicht glücklich werden', egal was... Auf einmal taucht dieser Mensch auf und man denkt: 'Hmm - vielleicht doch.'"

Nina Hoss ("Barbara")

Dieses "vielleicht doch", von dem Nina Hoss spricht, ist der Film. Es schleicht sich in die Fluchtpläne von Barbara und macht sie wieder lebendig, zu einem Menschen der nicht benutzt, sondern gebraucht wird. Der Film ist auch eine Fluchtgeschichte, auch eine Liebesgeschichte und auch ein Film über die DDR, aber in jeder Nuance mehr als das.

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2012, 11:20 Uhr

Was bleibt

Deutschland 2012, 84 Min
Regie: Hans-Christian Schmid
Mit:
Lars Eidinger
Corinna Harfouch
Sebastian Zimmler
Ernst Stötzner
Picco von Groote

Kinostart: voraussichtlich Herbst 2012

Barbara

Deutschland 2012
Regie: Christian Petzold
Mit
Nina Hoss
Ronald Zehrfeld
Rainer Bock
Christina Hecke

Kinostart 08. März 2012

Ein Beitrag von Lutz Pehnert

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