Hintergrund

Evangelische Kirche in Deutschland : Kirche der Reformation sucht nach Erneuerung

Rund 500 Jahre zählt die evangelische Kirche und ist damit die jüngste der drei großen christlichen Glaubensrichtungen. Ab dem frühen 16. Jahrhundert wollten kritische Theologen, ihnen voran Martin Luther (1483-1546) im Gebiet des heutigen Mitteldeutschlands, die katholische Kirche erneuern. Sie sollte sich wieder auf die Ursprünge des Christentums besinnen. Doch die Reformation führte zur Abspaltung und Entstehung einer eigenen Bekenntnisgemeinschaft.

Die Reformatoren rückten die Bibel mit dem Evangelium, der frohen Botschaft von der Errettung durch Jesus Christus, in den Mittelpunkt ihres Glaubens. Kirchlichen Traditionen standen sie kritisch gegenüber. Nur Jesus sollte über den Gläubigen stehen, nicht die Kirche. Neu war außerdem, dass der Mensch allein durch die Gnade Gottes, aber nicht durch eigenes Handeln oder gar Freikaufen, errettet wird. Entscheidend wurde, dass der Mensch glaubt. Um die Bibel allen Menschen zugänglich zu machen, übersetzte Luther sie ins Deutsche.

22 evangelische Landeskirchen in Deutschland

Heute gibt es in Deutschland 22 evangelische Landeskirchen. Ihre regionale Verteilung und unterschiedliche Größe erinnern noch immer an die Kleinstaaterei ihrer Entstehungszeit, als jeder Landesherr entschied, welche Konfession in seinem Machtbereich gelten sollte. 1945 schlossen sich die Landeskirchen zur Evangelischen Kirche in Deutschland, kurz EKD, zusammen. Das evangelische Kirchenwesen ist föderal aufgebaut – ähnlich wie die Bundesrepublik Deutschland. Die EKD nimmt dabei die ihr übertragenen Gemeinschaftsaufgaben wahr. Dazu gehören vor allem Organisation und Verwaltung in den Bereichen Recht und Finanzen sowie Forschung, Bildung, Wohlfahrt und Mission.

Die Leitungsgremien der EKD sind die Synode (Kirchenparlament), der Rat (entspricht ungefähr einer Regierung) und die Kirchenkonferenz, in die die Gliedkirchen je nach Größe einen oder zwei Vertreter entsenden. Alle drei Gremien werden gewählt und arbeiten nach demokratischen Prinzipien. Oberster Repräsentant ist der Vorsitzende des Rates der EKD - derzeit der rheinische Präses Nikolaus Schneider. Als Ansprechpartner für staatliche Stellen der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union hat die EKD einen Bevollmächtigten. Dieser oberste Diplomat der EKD ist gegenwärtig Prälat Bernhard Felmberg.

Präses Schneider springt nach Käßmanns Rücktritt ein

Nikolaus Schneider wurde im November 2010 zum EKD-Ratsvorsitzenden gewählt. Er tritt in große Fußstapfen, denn er folgt auf die populäre Margot Käßmann, die schnell zum "Gesicht" der EKD geworden war. Käßmann sorgte allein schon deswegen für Aufsehen, weil sie die erste Frau an der Spitze des Rats der EKD war, dazu noch vierfache Mutter und geschieden. Auch als Ratsvorsitzende nahm die damalige hannoversche Landesbischöfin kein Blatt vor den Mund, zum Beispiel Anfang 2010 bei ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Allerdings trat Käßmann im Februar 2010 nach knapp fünf Monaten von ihrem Amt zurück, nachdem bekannt geworden war, dass sie unter Alkoholeinfluss Auto gefahren war.

Immer weniger Mitglieder

Ein großes Problem der christlichen Kirchen in Deutschland sind die sinkenden Mitgliederzahlen. Zwar waren nach Angaben der EKD zum Ende des Jahres 2008 fast zwei Drittel der Deutschen Christen, davon etwas mehr in der katholischen Kirche. Doch der Anteil der Christen an der Bevölkerung unterscheidet sich in Ost und West deutlich. Demnach gehören in Westdeutschland rund 72 Prozent der evangelischen oder katholischen Kirche an, während es im Osten nur 25 Prozent sind. Ob katholische oder evangelische Kirche, Ost- oder Westdeutschland – überall verließen und verlassen Christen seit Jahrzehnten ihre Kirche. Der Trend hatte sich in den vergangenen Jahren verlangsamt – bis 2010 zahlreiche Missbrauchsfälle in den Kirchen und kirchlichen Einrichtungen aufgedeckt wurden. Vor allem bei der katholischen Kirche stiegen die Austrittszahlen daraufhin wieder rapide an. Die anhaltend niedrige Geburtenrate in Deutschland verschärft das Mitgliederproblem. Damit einher gehen auch finanzielle Sorgen, da die Einnahmen aus der Kirchensteuer sinken.

Gemeinden und Landeskirchen werden zusammengelegt

Die Kirchen versuchen auf unterschiedliche Weise, diese Probleme zu bewältigen - unter anderem werden Kirchgemeinden geschlossen oder zusammengelegt und Gotteshäuser verkauft. Eine andere Möglichkeit, um Geld einzusparen, ist ein Zusammenschluss verschiedener Landeskirchen. Zum Januar 2009 hatten sich die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zusammengeschlossen. Ein weiterer Zusammenschluss ist für 2012 geplant. Dann werden drei Kirchen an der Nord- und Ostsee zur Nordkirche zusammengehen - die nordelbische, die mecklenburgische und die pommersche Kirche.

Mit Impulspapier und Lutherdekade um Erneuerung bemüht

Luther
Die Ideen des Reformators Martin Luther werden auch nach 500 Jahren noch gebraucht.

Daneben versucht die EKD, sich mit frischen Ideen neu aufzustellen. Den Anfang des Reformprozesses der Evangelischen Kirche in Deutschland bildet das Impulspapier "Kirche der Freiheit". Auf Zukunftskongressen wie unter anderem 2007 in Wittenberg, aber auch in der praktischen Gemeindearbeit vor Ort sollen neue Ideen entwickelt und ausprobiert werden. Die große Herausforderung dabei wird sein, die Menschen neu für den Glauben zu gewinnen und ehemalige Christen wieder mit der Kirche zu versöhnen. Eine konkrete Aktion ist das „Jahr der Taufe“, das die EKD für 2011 ausgerufen hat. Es soll das erste christliche Sakrament wieder bekannter machen. Und die evangelische Kirche wirbt wieder mehr in den Städten um neue Mitglieder.

Außerdem begeht die evangelische Kirche bis zum Jahr 2017 die Lutherdekade. Damit bereiten sich die Protestanten in Deutschland auf den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 an der Tür der Wittenberger Schlosskirche vor. Die Dekade soll die Ideen der Reformation neu vermitteln.

Warnung vor Atomenergie – Nein zur PID

Aber auch mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen muss sich die evangelische Kirche immer wieder auseinandersetzen – derzeit mit dem Atomausstieg und der Präimplantationsdiagnostik (PID). Nach dem Reaktorunglück durch das Erdbeben im japanischen Fukushima warnen auch Spitzenvertreter der evangelischen Kirche vor einer weiteren Nutzung der Atomenergie. Bei der PID fordert die EKD ein gesetzliches Verbot, zuletzt in einer Erklärung im Februar 2011. Die "Selektion zwischen lebenswertem und nichtlebenswertem Leben", als Embryonen ohne und mit Behinderung, wird grundsätzlich abgelehnt. Bei der Frage ob die PID dafür verwendet werden darf, lebensfähige Embryonen zu identifizieren, gehen die Meinungen allerdings weit auseinander.

Hintergrund: Die 22 evangelischen Landeskirchen in Deutschland

Der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) besteht derzeit aus 22 Landeskirchen. 2009 hatten die Gliedkirchen rund 24,2 Millionen Mitglieder. Die zahlenmäßig größte von ihnen ist Hannover, die kleinste Anhalt. [mehr]


Zuletzt aktualisiert: 28. April 2011, 17:19 Uhr

Zahlen zur evangelischen Kirche in Deutschland

Die 22 evangelischen Landeskirchen in Deutschland zählten im Jahre 2009 rund 24,2 Millionen Mitglieder. Damit gibt es etwas weniger Protestanten als Katholiken in Deutschland.

Evangelisch geprägt sind vor allem der Norden der Bundesrepublik und Hessen. Im überwiegend atheistischen Ostdeutschland gibt es ebenfalls mehr evangelische als katholische Christen.

Einer der beiden Konfessionen gehört in den neuen Bundesländern aber nur ein Viertel der Bevölkerung an. In den alten Bundesländern sind es 72 Prozent.