MDR Konzerte

Im Interview: Howard Arman : Ein besonderes musikalisches Festmahl

Howard Arman steht am 25. Dezember wieder auf der Gewandhaus-Bühne. Er dirigiert MDR SINFONIEORCHESTER und MDR RUNDFUNKCHOR und beschert damit vielen Leipzigern ein besinnliches und musikalisch anspruchsvolles Weihnachtsfest. Diese Weihnachtskonzerte waren immer etwas Besonderes. In diesem Jahr wieder, denn Howard Arman dirigiert sein letztes Weihnachtskonzert mit den MDR Ensembles. Im Sommer endet der Vertrag zwischen ihm und dem MDR RUNDFUNKCHOR. Der langjährige Dirigent des Ensembles widmet sich dann neuen Aufgaben. Wir haben mit Howard Arman über Weihnachtslieder, Bachs Weihnachtsoratorium und Weihnachtsbräuche dies- und jenseits des Ärmelkanals gesprochen.

Howard Arman

Herr Arman, internationale Weihnachtslieder stehen jedes Jahr auf Ihrem Weihnachtsprogramm. Welche sind es in diesem Jahr?

Ich suche jedes Jahr neue Lieder. In diesem Jahr ist unser Programm aber ein Rückblick. Es werden Lieder sein, die gut angekommen sind und die die Leute noch einmal hören wollen. Es gibt einige aus Spanien, Dänemark, Frankreich, Italien, England, und natürlich dürfen deutsche Weihnachtslieder nicht fehlen.

Sie haben sehr viele internationale Weihnachtslieder aufgeführt. Könnten Sie eine musikalische Weltreise machen oder fehlen noch welche?

Das ist ein weites Feld. Ich habe immer wieder sehr angenehme Überraschungen, wenn ich neue Lieder entdecke oder darauf aufmerksam gemacht werde. Es gibt tausende davon. Wir versuchen eine Mischung zu machen aus unbekannten und Liedern und solchen mit einem Aha-Effekt - wie "White Christmas". Ich glaube, man wird nicht fertig damit. Das ist aber auch das Schöne daran.

Sie bearbeiten diese Lieder für den Chor. Warum ist das notwendig?

Ich finde es gut, wenn wir etwas Einzigartiges haben, das nur für diesen Tag gemacht ist. So bereite ich schon seit 14 Jahren dieses Weihnachtskonzert vor. Ich mag Lieder, die nicht nur versuchen, den Charakter des Landes abzubilden, sondern auch eine gewisse Bandbreite anbieten - bis hin zu humoristischen und eher ungewöhnlichen Liedern. Zum anderen bearbeite ich Stücke sehr gern. Das passiert heute viel zu selten. Es war einmal normal, dass der Leiter eines Orchesters oder Chores für sein Ensemble arrangierte oder komponierte. So haben wir die großen Chorwerke überhaupt erst bekommen. Wir singen in diesem Jahr Bachs Weihnachtsoratorium. Das hat Bach für seinen Chor geschrieben.

Können Sie genau sagen, wie viele Weihnachtslieder Sie insgesamt arrangiert haben?

Ich bin kein Statistiker. Genau weiß ich das nicht. Ich glaube aber, dass man 50 bis 60 Chor- und Orchesterbearbeitungen von mir aus den letzten Jahren finden würde.

Gibt es ein Weihnachtslied, mit dem Sie das Fest ganz besonders verbinden?

Ich finde sehr schön, dass wir in diesem Jahr von Mendelssohn "Hark, The Herald Angels Sing" aufführen. Für mich verbindet dieses Stück Leipzig mit meiner Heimat London: Es ist ein Lied, das einer Kantate von Mendelssohn - dem Leipziger Komponisten und Gewandhauskapellmeister - entnommen und als Weihnachtslied umfunktioniert wurde mit dem entsprechenden Text. Es ist in England und Amerika sehr populär und wird auch in Deutschland immer wieder gehört.

Was macht aus Ihrer Sicht ein gutes Weihnachtslied aus?

Seit über einem Jahrzehnt mit Herzblut dabei: MDR Chordirektor Howard Arman vor dem "Nachtgesang" in der Leipziger Peterskirche.
Howard Arman ist seit 1998 Chordirektor und künstlerischer Leiter des MDR RUNDFUNKCHORES.

Bei neu komponierten Weihnachtsliedern sind häufig die Texte etwas oberflächlich oder seicht. Die versuche ich zu vermeiden. Ich mag die Volkstümlichkeit bei Weihnachtsliedern. Das ist ein Grund, warum wir internationale Lieder auswählen: Dadurch können wir verschiedene Stilrichtungen zeigen. Das Weihnachtsfest ist auch ein Volksfest, weil die Weihnachtsgeschichte eine so volksnahe Geschichte ist. Und es ist das fröhlichste Fest des Jahres. Das vergisst man immer wieder. Advent ist ursprünglich die Zeit der Besinnung. Heute ist es eher Partytime, weil alle einkaufen oder auf Weihnachtsmärkte strömen. Dem gegenüber steht Weihnachten als fröhliches Fest. Die Musik zeigt das: Lieder im Advent sind sehr besinnlich, sehr meditativ. Die Weihnachtslieder sind dagegen extrem fröhlich und geerdet. Das liebe ich an ihnen.

Sie dirigieren auch Bachs Weihnachtsoratorium. Warum haben Sie das für ihr letztes Weihnachtskonzert mit den MDR Ensembles ausgewählt?

Für mich ist das Weihnachtsoratorium nicht das Stück, das man jedes Jahr aus dem Schrank holt, wie selbstverständlich wiederholt und nicht darüber nachdenkt. Es ist ein besonderes musikalisches Festmahl, über das man wirklich nachdenken sollte, wann und wie man es aufführt. Es ist zwar schön, dass Bachs Weihnachtsoratorium überall in Sachsen zu hören ist. Man kann aber auch von den schönsten Sachen übersättigt sein. In den Jahren, in denen ich hier war, fand ich, dass unsere Aufgabe eine andere ist: Nicht zu dieser Übersättigung beizutragen, sondern andere Weihnachtsoratorien, wovon es hunderte gibt, vorzustellen. Das hält die Tradition der Weihnachtsgeschichte lebendig. Wenn das also meine Philosophie ist, dann kann ich es mir einmal leisten, zu dieser Übersättigung beizutragen. Wissend aber, dass es für mich aufgrund der Bedeutung dieses Werkes ein ganz großer Moment ist.

Das ist Ihr letztes Weihnachtskonzert. Schwingt da Wehmut mit?

Natürlich. Seit ich hier bin, war dieses Weihnachtskonzert mein Fest. Ich habe es ins Leben gerufen. Ein solches Konzert am ersten Feiertag zu machen, schien am Anfang gewagt. Es hat aber nicht lange gedauert, bis es eingeschlagen hat. Ich liebe die Atmosphäre, die Beziehung zum Publikum, die sehr direkt ist. Das lässt sich in dieser Form mit so einem großartigen Chor sicherlich nicht wiederholen.

Sprechen wir über Weihnachtsbräuche: Sie kommen aus England. Gibt es dort Bräuche, die Sie mögen?

In England sind die Weihnachtsbräuche nicht mehr so stark im Bewusstsein wie in Deutschland. Ich habe auch das Gefühl, dass dieser gleichbleibende Ritus vielen Menschen in Deutschland wichtiger ist als in England. Ich glaube, wenn es nennenswerte Bräuche in England gibt, dann sind es die musikalischen. Wir haben dieses sehr reiche Repertoire an Liedern und es gibt einen Schwerpunkt. Das ist "Nine Lessons and Carols". Jeder kennt das. Das sind Weihnachtslesungen mit Liedern aus Cambridge, die jedes Jahr weltweit im Radio ausgestrahlt werden. Für mich war das immer wichtig. In England feiert man am Heiligen Abend nicht. Das ist der Tag der hysterischen Einkäufe. Man feiert am 25. Ich habe diesen Tag in England immer gemocht, weil da niemand anruft. Ansonsten sind es die gleichen Werte wie hier: Familien kommen zusammen, das Mittagessen ist wichtig. Alte Bräuche, wie kleine Theaterstücke in den Familien lesen oder aufführen, gibt es leider nicht mehr.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Ich feiere am ersten Weihnachtsfeiertag abends im Gewandhaus. Der Probenablauf erlaubt nicht, dass ich wegfahre. Wir proben bis zum 23., und da ist es für mich bei den Reise- und Wetterverhältnissen zu gefährlich, zu verreisen. Deshalb bleibe ich hier und feiere mein Weihnachten im Gewandhaus.

Mit sehr vielen Menschen. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Genau so ist es.

Haben Sie einen deutschen Weihnachtsbrauch, den Sie besonders mögen?

Ich mag die Mitternachts-Mette und das Krippenspiel. Das existiert auch in England, aber nicht überall. Ich komme aus dem multikulturellen London. Dort gibt es nicht eine Glaubensrichtung an der Schule. In Deutschland ist das anders. Man findet Schulen, wo Krippenspiele gemacht werden. Die finde ich sehr echt und sehr gut.

Wo feiern Sie 2013 Weihnachten?

Das weiß ich noch nicht. Wir werden sehen.

Herr Arman, vielen Dank für das Gespräch.

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2012, 14:01 Uhr

Konzertkarten:

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