Howard Arman im Gespräch : "Wir müssen unseren Kindern nichts überstülpen"
Klassik ist nur etwas für ältere Semester? MDR SINFONIEORCHESTER und MDR RUNDFUNKCHOR sind angetreten, das Gegenteil zu beweisen. Mit CLARA, einem Projekt, das alles andere als spießig und angestaubt ist. Chorchef Howard Arman erzählt von Begegnungen der MDR Musiker in Schulen und erinnert sich an seinen eigenen ersten Musikunterricht.
Herr Arman, welche Note hatten Sie früher im Musikunterricht?
Aus dieser Frage kann ich mich ganz gut herauswinden – ein Notensystem gab es bei uns in der Volksschule nicht, nur ein Zeugnis in Wortform. Aber man kann sagen, ich war ein Streber …
Erinnern Sie sich noch, wie der Unterricht in Ihrer Schule ablief?
Sehr gut – er war nämlich wirklich klasse. In unserem Schulsystem war nicht nur die Musik an sich, sondern auch die Bewegung dazu fester Bestandteil. Und es war üblich, dass über den Rundfunk der BBC ein Programm ausgestrahlt wurde, in dem mit den Schülern gesungen wurde - mit zum Teil großartigen Sängern. Und immer wieder gab es das Thema Tanz und Bewegung. Das war wirklich toll, so lernten wir auch eine Beziehung zur Rhythmik aufzubauen. Später, ich hatte das Glück schon mit 14 Jahren ein Stipendium zu erhalten, lernte ich eine Professorin – sie war damals schon 80 – kennen, die diese Art der musikalischen Früherziehung mit aufgebaut hatte.
Man könnte es vergleichen mit der Tatsache, dass Kinder auch erst sprechen lernen und dann schreiben. So ist es auch mit der Musik, der Improvisation und dem Komponieren. Erst kommt das Ausprobieren und Erleben dann das Interesse an Theorie. Und so macht es Spaß.
Viele Erwachsene verbinden Erinnerungen an den eigenen Musikunterricht mit einem unguten Gefühl, vor der Klasse stehen zu müssen, um vorzusingen. Wie war das bei Ihnen?
Ganz anders. Dadurch, dass bei uns immer Gruppenarbeit im Vordergrund stand, kam man gar nicht in die Situation, sich vor anderen zu schämen. Das war sehr natürlich, offen – und schön.
Wie begeistert man Kinder und Jugendliche, die mit Klassik so gar nichts anfangen können?
Ich glaube, es ist falsch davon auszugehen, dass wir, bildlich gesagt, den Samen pflanzen müssen. Ich glaube, man kann nur das, was da ist, pflegen und mit Sonne und Regen zum Wachsen animieren. Falsch ist es auch, so zu tun, als müssten wir Kindern etwas überstülpen – man kann in den Kopf der Kinder nicht hineinsehen.
Aber fast alle Kinder haben das Bedürfnis, sich selbst auszudrücken - und das zu pflegen ist der richtige Ansatz; ihnen den Zugang zur Musik zu ermöglichen, die Fantasie anzuregen, zum Träumen zu verführen und zu zeigen, dass Musik keinen festen Regeln untersteht. Und dass Musik emotional ist – wie Kinder auch. Das funktioniert besser als Überredungsversuche – und begeistert!
Welches Musikstück, das Lust auf mehr macht, empfehlen Sie Klassik-Neulingen?
Da gibt es ganz, ganz viele. Wichtig ist, dass es Musik ist, die man ohne Vorkenntnisse versteht, ohne Theorie und Erklärungen. Sie muss einfach wirken. Ich bin immer wieder überrascht, wie begeisterungsfähig Kinder dann sind. Wichtig ist auch, dass Kinder die Möglichkeit haben, mitzumachen. Es gibt viele Stücke, eigentlich speziell für Kinder geschrieben, die zum passiven Zuhören zwingen und dadurch eher langweilen als begeistern. Ich bin überzeugt: Musik, gerade Chormusik, ist etwas, das man selber machen muss, um es kennenzulernen.
Können sie umgekehrt etwas mit der Musik der Kids von heute anfangen? Mit Hip-Hop zum Beispiel?
Inzwischen – ja. Aber ich gestehe, dass war ein Lernprozess ... Einer meiner Söhne ist ein begabter Produzent, beschäftigt sich nach Hip-Hop inzwischen mit Reggae. Der andere ist sehr erfolgreich mit Jazz unterwegs – ich bin also ständig damit konfrontiert. Am Anfang musste ich mich erst daran gewöhnen - aber es gefällt mir immer mehr!
Wenn Sie nachts über eine fast leere Autobahn fahren – welche Musik läuft im Radio?
Gar keine, im Auto laufen bei mir nur Hörspiele. Musik lenkt mich zu sehr ab. Aber ich bin auch niemand, der Musik gerne über Lautsprecher hört oder sich zu Hause eine CD einlegt. Ich höre mir nur äußerst selten privat Klassik von einer CD an – wenn, dann nicht zur Unterhaltung, sondern beruflich. Ich mag einfach Live-Musik.
CLARA läuft mir großem Erfolg. Sind alle Schüler davon angetan?
So sind zumindest meine Erfahrungen. Und ich hoffe, es liegt nicht daran, dass ich etwas nicht mitbekommen habe. Kinder sind sehr offen – und ehrlich. Ein wenig skeptisch vielleicht, ablehnend nicht. Das habe ich auch schon erlebt, wenn Schulklassen zu unseren Chorproben kamen. Natürlich ist das auch abhängig vom Alter, bei 7. und 8. Klassen finden wir sofort einen Zugang zu den Schülern. Mit den 10. und 11. Klassen muss man etwas anders umgehen.
Was war das beeindruckenste, was Sie nach einem CLARA-Besuch als Reaktion von den Schülern gehört haben?
Es ist immer wieder toll, wenn wir später schriftlich Lob- und Dankesbriefe erhalten. Das zeigt, dass sich die Schüler auch noch im Nachhinein damit beschäftigt haben. Etwas sehr Besonderes erlebte ich vor drei Wochen: Wir waren zu Gast an einer Schule, an der es auch einen Chor gab. Und die Schüler sangen diesmal u n s etwas vor. Das ist etwas, dass ich noch nie erlebt habe. Wir singen immer für andere, aber dass jemand für uns singt ... Ich war total gerührt. Nicht, weil es so perfekt war, sondern weil es so unkompliziert, so echt und natürlich war.
Herr Arman, singt man als Chorleiter eigentlich noch unter der Dusche?
Nein – zumindest erinnere ich mich nicht daran. Aber ich glaube, unbewusst mache ich so etwas, allerdings eher im Auto oder beim Spazierengehen.
