Spielzeit "Go East" : In der Bimmel Richtung Osten
Ein später Novembernachmittag. Langsam schwindet das Licht. Kristjan Järvi steht vor der Tür am Augustusplatz. Dort hat er gerade mit dem MDR SINFONIEORCHESTER geprobt. Jetzt liegt der Taktstock in seiner Garderobe. Järvi hat sich die braune Lederjacke übergezogen und den Schal lässig umgebunden, damit wir unsere Reise in den Leipziger Osten beginnen können.
Am Augustusplatz: Die Straßenbahn stoppt. Menschen strömen heraus. Heute wollen wir zu einem besonderen Gebäude der Stadt, der Russischen Gedächtniskirche. Denn - das ist die Bedingung für unsere Reise - wir wollen die Orte in Järivs neuer Heimat aufspüren, die eine Verbindung zum Programm "Go East" herstellen. Die Tram nimmt uns auf. Linie 16, Richtung Lößnig. Kristjan Järvi entwertet die Tickets. Es piepst, ein Stempel knallt auf die Karten und die Straßenbahn ruckelt los. Einen Sitzplatz gibt es nicht mehr, dafür eine grandiose Sicht auf wartende Autos, an denen wir vorbeifahren bis zur Haltestelle Deutsche Nationalbibliothek.
Hier geht es kurz nach draußen. Frische Luft. Der Wind pfeift über den Asphalt. Kristjan Järvi zieht den Schal höher und macht den Reißverschluss seiner Jacke zu. Irgendwie passt das alles ganz gut zusammen: die Kirche, die Kälte und Russland. Das große Land wird im März im Programm des MDR SINFONIEORCHESTERS thematisiert. Das einzige Konzert der "Reihe Eins", das der Chef nicht selbst dirigieren wird. Aber: "Anhören sollten es sich die Menschen auf jeden Fall", sagt Kristjan Järvi. Denn das Stück von Alexander Borodin ist "eines seiner interessantesten und selten zu hören", wie er sagt.
Feier unserer Existenz
Die Werke russischer Komponisten wie Prokofjew, Skrjabin und Strawinsky erklingen auch im nächsten "Reihe-Eins"-Konzert, das am 6. April 2013 unter dem Motto "Heidnische Rituale" stattfindet. Strawinskys "Le sacre du printemps" zum Beispiel - "ein heidnisches Ritual, das den beginnenden Frühling feiert", sagt Järvi. Heidnische Götter aus Russland treten auch in der "Skythischen Suite" von Sergej Prokofjew auf. Und ohne Sergej Djagilew, den Impressario, der das russische Ballett auch in der westlichen Welt bekannt machte, hätte es beide Stücke wohl nicht gegeben. Alexander Skrjabins "Prométhée" mit großem Klavierpart und Lichtstimme wird bei diesem Konzert auch aufgeführt. "Einfach ein großartiges Programm mit einem guten Konzept", erklärt Järvi, "nicht unbedingt weil es russisch ist, sondern weil es zeigt, dass wir alle an etwas glauben, dass in uns allen etwas innewohnt und dass wir an ein Universum glauben. Tatsächlich ist das eine Feier unserer Existenz."
Die Linie 16 bringt uns wieder zurück zum Augustusplatz. Aussteigen und warten, bis die Straßenbahn mit der großen 8 in der Anzeige vorfährt. Ganz nebenbei plaudert Kristjan Järvi über seine Familie, die gerade in Florida auf ihn wartet und der er Leipzig sehr gerne einmal zeigen würde. Die Chancen stehen gut. Für Järvis jüngsten Sohn seien die Straßenbahnen hier ein echtes Highlight, lacht er: "Er hat zu mir gesagt: 'Ich mag Leipzig, denn hier gibt es Straßenbahnen.' Und die möchte er gerne ausprobieren."
Multinational und kulturübergreifend
Die Linie 8 kommt angerauscht. Einsteigen, und los geht es. Bis zum Hauptbahnhof und dann immer gen Osten. Vorbei an einem China-Imbiss. Ob der Chefdirigent des MDR SINFONIEORCHESTERS chinesisches Essen mag? "Ja, ich mag das wirklich sehr", sagt er. "Aber heute besser nicht", schiebt er hinterher und hebt zu seinem typischen Lachen an, während der China-Imbiss langsam aus dem Blickwinkel verschwindet. China steht auch im Zentrum des Programms im Mai, sagt er. Bei "Feuer und Seide" werden Mittlerer und Ferner Osten musikalisch beleuchtet. Und natürlich die Seidenstraße, die beide miteinander verbindet. Carl Nielsens "Aladdin-Suite" steht neben Tan Duns "Paper Concerto" und der "Feuervogel-Suite" von Igor Strawinsky auf dem Programm. "Das ist eines der spannendsten Konzerte. Und es ist multinational und kulturübergreifend."
Die Bahn fährt weiter. Nach dem "Franz-List-Platz" fahren wir in die Eisenbahnstraße. Koreanischer Supermarkt, Shisha-Bars und viele Dönerstände reihen sich aneinander. Ein Mann mit Turban, ein paar Russen und Menschen mit südöstlichen Wurzeln laufen an uns vorbei. Mit "Balkan-Fieber" ist auch das "Reihe-Eins"-Konzert im Januar überschrieben, in dem Musik aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien erklingt. "Eines meiner Lieblingsprogramme", sagt Järvi. An diesem Abend sei Theodosii Spassov mit dabei, so der Dirigent weiter, der bulgarische Jazz-Flötist mit seiner Kaval, einer bulgarischen Hirtenflöte. Außerdem zwei Gitarristen, die ihn begleiten und eine Mischung aus Weltmusik und Jazz auf der Gewandhausbühne bringen. Dazu erklingen klassische Stücke von Zoltán Kodály und George Enescu. Das ist nicht nur eines seiner Lieblingsprogramme in dieser Spielzeit, erklärt der Chefdirigent des MDR SINFONIEORCHESTERS. Es sei fast eines, "das zu den Wurzeln zurückgeht, von denen die Musik stammt", sagt er.
Aussteigen, umblicken, dann geht es zurück mit der nächsten Bahn. Das letzte Stück gehen wir jedoch zu Fuß. Bis zum Antikenmuseum in der "Alten Nicolaischule" fährt nämlich keine Straßenbahn. Hier müssen wir aber noch vorbeischauen. Denn das letzte Konzert der Spielzeit ist mit dem Titel "Blicke vom Olymp" überschrieben. Im Antikenmuseum sind alte Keramiken ausgestellt, Statuen stehen hell erleuchtet im Spot und Büsten. Im Konzert erklingen "Bilder einer Ausstellung". Mussorgskis Kiew und der Olymp - wie kommt das zusammen? "Ganz einfach", erklärt Järvi. "Wenn man auf dem Olymp steht und weit sehen kann, entdeckt man vielleicht das große Tor von Kiew, das Mussorgsiks Zyklus beendet." Viel näher dran am antiken Berg steht die "Köçekçe Suite" von Ulvi Cemal Erkin und das Doppelkonzert "Blicke vom Olymp" von John Psathas. Letzteres, so Järvi, verarbeite griechische Folklore. Das Stück und wurde von einem Komponisten mit griechischen Wurzeln geschrieben, der heute in Neuseeland lebe. "Das ist wirklich sehr weit im Osten und im Süden auch", sagt Järvi und lacht.
Die Termine der "Reihe Eins -Go East":
12. Januar 2013 | Balkan-Fieber
09. März 2013 | Fürst Igor
06. April 2013 | Heidnische Rituale
11. Mai 2013 | Feuer und Seide
15. Juni 2013 | Blicke vom Olymp
Konzertkarten für die "Reihe Eins":
Karten für das Konzert erhalten Sie in der Ticketgalerie, an der Tickethotline unter Telefon: 0341 141414 sowie im MDR Ticketshop.
Links ins WWW
Der MDR ist nicht für den Inhalt externer Internetseiten verantwortlich!
