Interview mit Dirigent Andrew Litton : "Ohne Publikum ist die Musik keine Musik"
Herr Litton, Sie sind musikalischer Leiter des philharmonischen Orchesters Bergen, künstlerischer Leiter des Sommerfestes des Minnesota Orchestra und Ehrendirigent der britischen Bournemouth Symphoniker. Sie haben Gastdirigate bei den weltbesten Orchestern und Ihre Diskografie umfasst nahezu 90 Aufnahmen, von denen einige ausgezeichnet wurden, u. a. mit dem Grammy. Wie schaffen Sie das eigentlich alles?
Tatsächlich sind es inzwischen an die 100 Aufnahmen. Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach: Ich liebe meine Arbeit. Viel zu erreichen ist nicht schwer, wenn der Beruf so wunderbar ist wie meiner. Ich mache Musik und dafür habe ich grenzenlose Energie. Hinzu kommt, dass ich das große Glück hatte, mit vielen außergewöhnlichen Orchestern zu musizieren, z. B. mit den Dallas Symphonikern, deren musikalischer Leiter ich für zwölf Jahre war.
Als Zehnjähriger habe ich mich nach dem Besuch eines Jugendkonzerts, dirigiert von Leonard Bernstein, dafür entschieden, selbst Dirigent zu werden. Wenn ich heute herausragende Orchester dirigiere, erfüllt sich jedes Mal mein Lebenstraum.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?
Wenn das Konzert nach intensiven Proben und gemeinsamer Anstrengung erfolgreich ist. Ohne Publikum ist die Musik keine Musik, aber wenn die Konzertbesucher aufmerksam zuhören und das Orchester großartig spielt, gibt es nichts Schöneres auf der Welt.
Welche Werke klassischer Musik haben Sie noch nicht dirigiert, würden es aber gern tun?
Die Welt der Symphonien habe ich mir komplett erschlossen, aber ich würde gern noch einige Opern dirigieren, zum Beispiel "Elektra", "Othello" oder "Tristan und Isolde".
Was mögen Sie genauso gern wie klassische Musik?
Den Jazz. Mein Idol ist der große kanadische Pianist Oscar Peterson. Ich glaube, wir klassischen Musiker können sehr viel von unseren Jazz-Kollegen lernen, zum Beispiel hinsichtlich der künstlerischen Ausdrucksweise.
Sie haben mit dem Klavierspiel begonnen. Wann wussten Sie, dass Sie kein Pianist, sondern Dirigent werden wollen?
Wie gesagt, als ich im Alter von zehn Jahren aus einem Jugendkonzert der New Yorker Philharmoniker unter Leitung von Leonard Bernstein kam, sagte ich zu meiner Mutter, ich möchte Dirigent werden. Bis dahin gefiel mir das Klavierspiel sehr, aber danach verlor es immens an Bedeutung. Ich bin ein Dirigent, der auch Klavier spielt, nicht anders herum.
Finden Sie noch Zeit, Klavier zu spielen?
Auf jeden Fall! Ich finde es sehr wichtig, nicht zu vergessen, wie schwer es ist, gute Musik zu machen – statt nur die Arme zu heben und von anderen Perfektion zu verlangen. Etwa fünfmal im Jahr trete ich als Solo-Pianist auf und die ganze Zeit über spiele ich Kammermusik. Am schwierigsten ist es, ein Klavier zum Üben zu finden, vor allem, wenn es in dem Programm, das ich dirigiere, einen Solo-Pianisten gibt, der das Instrument für sich beansprucht.
Wie viel Freiraum lassen Sie den Musikern für Ihre eigene Entwicklung?
Die Musiker geben das Konzert; sie sollen sich dafür verantwortlich fühlen, was das Publikum zu hören bekommt. Deshalb arbeite ich immer mit dem, was die Musiker selbst in die Probe einbringen, und korrigiere nur dann, wenn ich den Eindruck habe, die Interpretation steht dem entgegen, was der Komponist auszudrücken versucht hat. Ich mag es sehr, wenn die Musiker eine Geschichte erzählen, und es klingt sehr viel natürlicher, wenn es ihre eigene Geschichte ist, als etwas, das ich ihnen vorgebe.
Was ist für Sie ein erfolgreiches Konzert?
Eines, nach dem wir alle eine Dusche brauchen. Bei der Musik geht es nicht um Sicherheit, sondern um innerste Empfindungen. Nach einem gelungenen Konzert sollten wir uns müde, aber glücklich fühlen.
Welches Lob stimmt Sie froh?
Wenn meine Frau, die auch Musikerin ist, zu mir sagt, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe.
Im Januar werden Sie erneut das MDR SINFONIEORCHESTER dirigieren. Was bedeutet diese Zusammenarbeit für Sie?
Mein Flugzeug nach Frankfurt landet gerade. Lassen Sie mich das Gespräch also damit beenden, dass ich mich sehr freue, nach Leipzig zurückzukehren und das wunderbare MDR SINFONIEORCHESTER zu dirigieren.
Andrew Litton, vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Anja Rieger. Übersetzung: Corinna Riemer.
